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Lehrermangel

Pensionäre helfen in der Schule aus

Es ist in diesen Tagen oft die Rede vom Lehrermangel. Insbesondere an Grundschulen. Allein in Baden-Württemberg, so berichtete die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kürzlich im Gespräch mit unserer Zeitung, fehlten in diesem Schuljahr 500 Lehrerstellen. Wie sieht das in Ludwigsburg konkret aus, wollten wir wissen und bekamen erstaunliche Antworten.

Noch müssen die Stühle im Klassenzimmer nicht oben bleiben. Der Unterricht an Ludwigsburger Grundschulen findet trotz Lehrermangel statt. Aber die Schulleiter zittern.Foto: Merkle/adobe.stock.com
Noch müssen die Stühle im Klassenzimmer nicht oben bleiben. Der Unterricht an Ludwigsburger Grundschulen findet trotz Lehrermangel statt. Aber die Schulleiter zittern. Foto: Merkle/adobe.stock.com

Ludwigsburg. Kurz vor Schuljahresbeginn war die Welt für Barbara Weichert noch in Ordnung. Der Stundenplan an der Eglosheimer Schubartschule war fertig. Jedes Jahr aufs neue eine Herkulesaufgabe. Aber auch dieses Jahr war es wieder geschafft. Alle Stunden vergeben, alle Klassen bedient. Dann kam der Anruf. Zwei Tage vor Schuljahresbeginn. Und Barbara Weicherts Welt war nicht mehr in Ordnung. „Uns wurde eine Lehrerin abgezogen, die an eine andere Schule musste“, sagt die Schulleiterin. Damit brach das mühsam erstellte Stundenplanhaus zusammen. An Ersatz ist in Zeiten wie diesen nicht zu denken. Es gibt schlicht keine Lehrer, die die offenen Stellen besetzen können.

Der Leiter des Staatlichen Schulamtes Ludwigsburg, Hubert Haaga, sagt: „Zum Start ins neue Schuljahr waren die Grundschulen insgesamt zufriedenstellend versorgt“. Das heißt soviel wie: Es ist nicht üppig, aber es geht gerade so. Haaga weiter: „Vor dem Hintergrund eines ausgeschöpften Lehrerarbeitsmarktes wird es allerdings schwer sein, diesen Versorgungsgrad bei längerfristigen Ausfällen auch das ganze Schuljahr über zu gewährleisten.“

An diesem Punkt war Barbara Weichert schon zum Schuljahresanfang. „Dank der Kollegen, die bereit waren, ihr Stundendeputat zu erhöhen, konnten wir den Abzug der Kollegin kompensieren.“ Stolz sei sie auf ihr Kollegium, sagt sie. „Der Aufwand für die einzelnen Lehrer ist enorm.“ Auch sie selbst übernimmt zusätzliche Unterrichtsstunden, die Schulleitertätigkeit werde hintendran gehängt. „Wenn jetzt noch jemand ausfällt, wird es prekär.“

Um Unterrichtsausfall zu vermeiden, greift Barbara Weichert, wie andere ihrer Ludwigsburger Schulleiterkollegen, außerdem auf pensionierte Lehrer zurück. „Das macht jede Grundschule“, sagt Christine Schumann von der Schlösslesfeldschule. Ganz offenbar kann der Schulbetrieb allein aus Bordmitteln nicht mehr aufrechterhalten werden. „Bei uns fällt null Prozent Unterricht aus“, betont sie. Das aber nicht, weil die Schlösslesfeldschule überbordend mit Lehrern besetzt sei, sondern weil man kompensiere. „Wir engagieren auch pensionierte Lehrer.“

Auf dieses Potenzial kann Petra Ehring, Schulleiterin der Friedensschule, nicht zurückgreifen. „Wir haben leider keine pensionieren Lehrkräfte oder Kollegen in Elternzeit, die wir kurzfristig anfragen können.“ Sie müsse Klassen „rigoros zusammenlegen“, wenn Lehrer krankheitsbedingt ausfallen. „Eng war es schon immer“, sagt sie. „Aber das hat jetzt eine neue Qualität.“

Selbst in Poppenweiler, dem beschaulichen Stadtteil jenseits des Neckars, ist die Situation „nicht rosig“. Petra Vieldorf, Schulleiterin der Lembergschule sagt: „Ich habe schon bessere Zeiten erlebt.“ Auch ihr Kollegium mache Überstunden und stocke das Deputat auf, wo es gehe. „Wir legen auch Klassen zusammen und fragen Pensionäre“, so Vieldorf. Es seien einfach zu wenig Lehrer da. „Wir sind Spitz auf Knopf genäht“, sagt sie. „Aber wir müssen das hinkriegen. Wir können die Kinder doch nicht einfach nach Hause schicken.“ Nein, auch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Einfach früher Schulschluss machen, geht nicht mehr. Mit verlässlicher Grundschule beziehungsweise Ganztagsschule muss die Schülerbetreuung gewährleistet werden.

Die Ludwigsburger Grundschulen haben sich bislang gut geschlagen. Noch fiel kein Unterricht aus. Noch. Die Schulleiterinnen zittern, dass sich die Situation nicht weiter verschärft. Dass keine Grippewelle kommt, niemand mehr schwanger wird. Keiner länger krankheitsbedingt ausfällt. Dann, so sagen sie alle, hätten sie ein Problem.

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