Logo

Corona
Pflegekräfte sind an der Belastungsgrenze

Mehr Schnelltests (Rapid Test Device) sollen im Klinikum dazu beitragen, Patienten besser vor Infektionen zu schützen. Fotos: Holm Wolschendorf
Mehr Schnelltests (Rapid Test Device) sollen im Klinikum dazu beitragen, Patienten besser vor Infektionen zu schützen. Fotos: Holm Wolschendorf
350_0900_29295_16_12_20Wolschendorf_38.jpg
Wegen Personalengpässen muss das Ludwigsburger Klinikum eine urologische Station schließen. Dazu kommen corona-infizierte Mitarbeiter und es gibt Patienten, die sich im Klinikum infizieren. Vorwürfe werden laut. Klinikensprecher Alexander Tsongas hat unsere Zeitung zu einem Besuch vor Ort eingeladen, um mit den Ärzten darüber zu sprechen.

Am Wochenende wurde die Station 8A in der Urologie geschlossen, nachdem sie davor schon heruntergefahren war. Als Grund nennt das Klinikum den Mangel an Pflegepersonal. „Die Besetzung war schon zuvor ganz dünn“, sagt Dr. Andreas Jurczok, der Leiter der Urologie. Dann seien es zu viele Ausfälle geworden – auch wegen Corona. Einige Mitarbeiter mussten in Quarantäne gehen. „Aber Urologie findet weiter statt“, versichert Jurczok. Es gebe schließlich noch weitere urologische Stationen. Die Patienten von der Station 8A wurden verlegt. Alle Notfälle könnten noch behandelt werden, auch die notwendigen Krebsbehandlungen finden statt. Jedoch alles, was nicht ganz dringend ist, werde verschoben.

Im Frühjahr habe man gelernt, dass man trotz Corona mehr andere Patienten aufnehmen kann, so Pressesprecher Alexander Tsongas. Damals räumte man auf einen Schlag viele Stationen leer, weil man auf die Coronaerkrankten vorbereitet sein wollte. Nun fahre man eine andere Strategie: Das normale Programm werde nur schrittweise heruntergeschraubt, je mehr Coronapatienten kommen. „Die Patienten müssen ja irgendwann behandelt werden und wir haben viele schon im Frühjahr vertröstet“, so Tsongas.

Das habe nichts mit wirtschaftlichen Erwägungen zu tun. Mit dieser Aussage reagiert er auf die Kritik einer Pflegekraft des Klinikums, die sich an unsere Zeitung gewandt hat und nicht genannt werden will (Name der Redaktion bekannt). Der Vorwurf: Obwohl die Mitarbeiter überlastet seien, fahre das Klinikum Operationen, die auch verschoben werden könnten, nicht herunter, weil sich damit Geld verdienen lasse.

Nicht zu erfahren sind genaue Zahlen, wie viele Mitarbeiter aktuell in Quarantäne sind, wegen eines positiven Tests oder als Kontaktperson, und die deshalb nicht arbeiten können. Das sei schwer zu sagen, so die Auskunft, die Zahlen würden sich täglich ändern. „Wir sind an der absoluten Belastungsgrenze angekommen“, beschreibt Tsongas die Lage. Es sei durchaus möglich, dass weitere Bereiche geschlossen werden müssen. In der Urologie dagegen sei absehbar, dass Mitarbeiter aus der Quarantäne zurückkehren und die Station 8A wieder hochgefahren werden kann. „Wir werden wohl in den nächsten Tagen wieder ans Netz gehen“, so Jurczok.

Seit zwei Wochen werden Mitarbeiter und Patienten des Klinikums statt einmal nun zweimal die Woche per Schnelltest getestet. Dieser ist allerdings freiwillig. Auch das führt zu Kritik, warum angesichts der dramatischen Pandemie nicht strikter vorgegangen werde. Man könne daran nichts ändern, niemanden zum Test zwingen, heißt es dazu im Klinikum.

„Wenn jemand positiv getestet ist, geht derjenige ganz schnell nach Hause“, versichert Dr. Steffen Geis. Er ist leitender Oberarzt beim Institut für Klinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene. In dieser Abteilung werden die Tests ausgewertet, außerdem ist Geis für die Kontaktnachverfolgung und das Brechen von Infektionsketten zuständig. Den Vorwurf einer Pflegekraft, positiv getestete Mitarbeiter müssten weiterarbeiten, weist er zurück. „Wir schicken die Leute konsequent nach Hause.“ Er zeigt einen dicken Ordner mit Meldungen von Infizierten an das Gesundheitsamt.

Ein weiterer Vorwurf: „Positiv Infizierte dürfen ihre Kontaktpersonen aus der Klinik nicht selbst ans Gesundheitsamt melden“, lautet der, verbunden mit dem Zweifel, ob die Kontaktpersonen tatsächlich gemeldet werden. Steffen Geis reagiert darauf mit Kopfschütteln. Natürlich würden die Kontaktpersonen gemeldet und in Quarantäne geschickt. Dass die Kontaktpersonen vom Klinikum ans Gesundheitsamt gemeldet werden, sei ein Wunsch dieser Behörde gewesen. Zuerst habe sich jeder Mitarbeiter selbst dort gemeldet. Das Resultat sei „ein richtiger Wildwuchs“ gewesen. Das Gesundheitsamt habe deshalb darum gebeten, dass die Kontakte gesammelt gemeldet werden. Geis: „Dafür werde ich schließlich bezahlt.“

Trotzdem kommt es vor, dass sich Patienten mit Corona infizieren. Unserer Redaktion wurde ein solcher Fall von Ludwigsburgern geschildert. Tsongas und Geis bestätigen. „Wir sehen das zunehmend“, räumen sie ein. Sobald das Virus auf einer Station ist, sei es schwierig, ihn wieder loszuwerden. Mit den vermehrten Schnelltests wolle man dagegen vorgehen, außerdem werden die infizierten Patienten isoliert.

Bis vor Kurzem haben die Pfleger auf den Normalstationen, also dort, wo keine Corona-Infizierten behandelt werden, keine FFP2-Maske getragen. „Wenn beide Seiten, also Pfleger und Patient, dort den Mund-Nasen-Schutz tragen, ist das ein adäquater Schutz“, so Steffen Geis. Jetzt habe man wegen der hohen Infektionszahlen jedoch eine Schutzstufe nach oben gefahren und allen Mitarbeitern, die im Kontakt mit Patienten stehen, ans Herz gelegt, eine FFP2-Maske zu tragen.

Auf der Covid-Station hingegen arbeiten die Pflegekräfte schon seit Beginn der Pandemie mit FFP2-Masken. „Man wäre ja auch schön blöd, wenn man infektiologisch tätig ist und sich nicht selbst schützt“, sagt Bettina Rieken. Die Oberärztin betreut die Covidstation 1E seit März. Getragen werde die Maske sowohl in den Patientenzimmern als auch auf den Fluren. Nur bei ausreichend Abstand im Pausenzimmer werde die Maske beim Essen abgesetzt. Dass Corona innerhalb des Klinikums ausbricht, liegt ihrer Meinung nach an der Art der Erkrankung: Dadurch, dass man schon infektiös ist, bevor Symptome ausbrechen, sei das Virus schwerer zu kontrollieren.