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Betrug

Polizei im Kreis Ludwigsburg hat schon 90 Fälle mit gefälschten Impfpässen registriert

Auch im Kreis Ludwigsburg versuchen Impfverweigerer, mit gefälschten Pässen an das Impfzertifikat zu kommen. Die Kontrollen für die Apotheker sind sehr aufwendig. Einer ist sicher: „Natürlich haben unbeabsichtigt wir auch falsche Impfzertifikate ausgestellt.“

Viele Impfgegner versuchen mit gefälschten Impfpässen, weiterhin am sozialen Leben teilnehmen zu können. Archivfoto: dpa
Viele Impfgegner versuchen mit gefälschten Impfpässen, weiterhin am sozialen Leben teilnehmen zu können. Archivfoto: dpa

Ludwigsburg. Als eine Frau Mitte Dezember versucht, in einer Apotheke in der Oststadt mit elf gefälschten Impfpässen an Impfzertifikate für sich, Verwandte und Arbeitskollegen zu kommen, war der Aufschrei groß. Allerdings ist dieser dreiste Betrugsversuch kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten hat die Polizei im Kreis schon in 90 Fällen Ermittlungsverfahren wegen gefälschter Impfpässe eingeleitet. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Seit Ende November gilt der Gebrauch gefälschter Impfpässe als Straftat. Die Polizei fordert die Apotheker dazu auf, „im Verdachtsfall direkt die örtlich zuständige Polizeidienststelle zu informieren“, so ein Sprecher gegenüber unserer Zeitung. Die Apotheker verstoßen damit nicht gegen ihre Schweigepflicht, betont die Polizei.

Laut den Ermittlern gibt es verschiedene Quellen für die gefälschten Pässe. Der einfachste Weg ist über das Internet. Etliche Händler, etwa auf der Chatplattform Telegram, verkaufen dort Fake-Impfpässe. Der Preis dafür ist innerhalb kurzer Zeit von wenigen Euro auf 100 Euro gestiegen. Das bestätigen auch Apotheker gegenüber unserer Zeitung. Ein weiterer Weg könnten osteuropäische Banden sein, vermutet ein Apotheker, der namentlich nicht genannt werden will.

Mobile Impfaktionen machen Probleme

Die Polizei erfährt nur selten, woher die falschen Pässe kommen. „Wir führen aber in verschiedenen Verfahren auch Ermittlungen gegen mutmaßliche Aussteller von gefälschten Impfausweisen“, so der Polizeisprecher.

Die Möglichkeiten zur Kontrolle der Impfpässe haben sich in den vergangenen Wochen zwar verbessert, laut Apotheker Kilian Raasch (Zentral-Apotheke am Marktplatz) gebe es aber nach wie vor eine Reihe von Unsicherheiten. „Hurra hat keiner geschrien“, sagt Raasch, der im Kreis den Landesapothekenverband vertritt, als die Politik entschieden habe, dass die Apotheken dafür zuständig sind, den analogen Impfpass in das digitale Impfzertifikat zu übertragen. Hauptproblem, so Raasch und andere Apotheker, mit denen wir gesprochen haben, sei die Überprüfung von Arztstempel und Unterschrift. Bei niedergelassenen Medizinern aus dem Kreis oder den Impfzentren sei das kein Problem – aber bei den vielen kurzfristigen Pop-up-Impfaktionen von Vereinen, Kirchen oder anderen Institutionen. Die Ärzte, die dort aktiv sind, kenne man nicht, die Stempel habe man noch nie gesehen. Dadurch werde der Betrug leicht gemacht. Außerdem: „So einen Stempel kann man leicht fälschen“, sagt Raasch. Der Kontrollaufwand ist entsprechend hoch, teilweise unmöglich. „Eigentlich sind wir ja Apotheker und keine Notare.“

Ein Ludwigsburger Apotheker berichtet in diesem Zusammenhang von einer Impfaktion eines mobilen Impfteams in Stuttgart. Den Impfnachweis mit Stempel und Unterschrift gab es dort auf einem DIN-A4-Abreißblock. „Das ist eigentlich gar kein amtliches Dokument und wir dürften keinen Impfnachweis ausstellen“, sagt der Apotheker. Ein weiteres Problem: Die Impfstoffhersteller haben zu wenig Aufkleber für die Impfpässe ausgeliefert. Auch das erschwert den Nachweis, ob ein Impfpass echt oder gefälscht ist. Abgesehen davon kann man die Kleber ebenfalls sehr leicht fälschen.

Einen wichtigen Hinweis, dass etwas nicht stimmen könnte, geben Impfausweise, die außer der Corona-Impfung keine weiteren Einträge haben. Aber auch das ist kein Beweis für eine Fälschung. Viele Menschen finden ihren alten Impfausweis nicht und haben sich einen neuen ausstellen lassen.

Hinzu kommen weitere schwierige Fälle: Etwa Ausländer mit ausländischen Impfdokumenten, die für die Apotheker schwer zu verstehen sind – wenn überhaupt. Einer berichtet von einer Koreanerin, die ihm alle Dokumente auf Koreanisch vorgelegt hat. „Sie kam in Ludwigsburg nirgendwo mehr rein und hat unbedingt den Impfnachweis gebraucht“, berichtet der betroffene Apotheker. Ohne ein Grundvertrauen gehe es nicht, fügt er hinzu. „Ich kann nicht davon ausgehen, dass jeder Impfpass gefälscht ist. Wenn es mir plausibel erscheint, stelle ich den Impfnachweis auch aus.“

Täterbeschreibung für die Polizei

Die Empfehlung, dass man das Zertifikat nur dann ausstellt, wenn man den Arzt kennt, sei für Ludwigsburg völlig unrealistisch. Er kenne ja nicht jeden Arzt aus dem Landkreis, und bei 1000 Zertifikaten allein im Dezember waren natürlich nicht nur Ludwigsburger dabei, berichtet ein Apotheker. Kilian Raasch macht auf ein weiteres Dilemma aufmerksam. Als Einzelhändler wollen Apotheker ihre Kunden nicht unnötig verärgern, etwa durch falsche Verdächtigungen oder Zweifel.

Bestehen Zweifel, dürfen die Apotheken eigentlich kein Zertifikat ausstellen. Aber was dann? Den Kunden festhalten oder den Personalausweis kopieren dürfen Apotheker nicht. Kilian Raasch haut im Zweifelsfall einen „Vorsicht“-Stempel in den mutmaßlich gefälschten Impfausweis, um seine Kollegen zu warnen. Wenn der Kunde dann sofort geht, was eigentlich immer der Fall ist, kann er der Polizei höchstens noch eine Täterbeschreibung geben.

Ein anderer Apotheker versucht, bei vermeintlichen Betrugsfällen eine Kopie vom Impfausweis zu machen. „Mit der Polizei hatte ich schon eine Diskussion darüber, ob ich die gefälschten Impfpässe einbehalten soll. Die beiden Beamten waren sich aber selbst unsicher und unterschiedlicher Meinung“, erzählt er.

Seit Mitte Dezember haben die Apotheker endlich Zugriff auf die Nummern der Impfchargen. Das habe die Überprüfung erheblich erleichtert. Obwohl auch hier Fälschungen möglich sind, da Betrüger die Nummern über das Internet recherchieren können. Außerdem machen die Boosterimpfungen den Fälschern das Leben schwer. Denn wer das Zertifikat für die Drittimpfung erhalten will, muss auch mit der Erst- und Zweitimpfung hinterlegt sein, erklärt Kilian Raasch.

Rückblickend macht sich einer der befragten Apotheker aber keine Illusionen: „Natürlich haben wir unbeabsichtigt auch falsche Impfzertifikate ausgestellt.“

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