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Grundschulcampus

„Schade um das schöne Steuergeld“

Der Sonnenschutz auf dem Hof der Sophie-Scholl-Schule sorgt weiter für Wirbel. Jetzt hat sich die Stadt nach achteinhalb Wochen bei den Kritikern gemeldet: Ein Ortstermin mit Bürgermeisterin Gabriele Nießen, Schule und Elternvertretern soll nun klären, was möglich ist.

Das Stahlgerüst prägt den nördlichen Teil des Schulhofs.Foto: Holm Wolschendorf
Das Stahlgerüst prägt den nördlichen Teil des Schulhofs. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. „Meine Hochachtung der Firma, die das verkauft hat! Die müssen gute Verkäufer haben!“ Seit unsere Zeitung am vergangenen Dienstag über den umstrittenen Sonnenschutz auf dem Grundschulcampus berichtet hat, laufen die Drähte auf unserem Facebook-Account heiß, zahllose Kommentare wurden abgegeben. Über 200.000-mal wurde der Artikel aufgerufen, und es hat sich eine Art Tourismus entwickelt: Nicht wenige haben angekündigt, sich die Stahlkonstruktion auf dem Schulhof zwischen Schulgasse und Wilhelmstraße mal vor Ort anschauen zu wollen. Die Gestaltung bekommt allenthalben schlechte Noten. „Hässlich ist das Teil ja auch noch“, so ein Kommentar.

Entschuldigung für späte Antwort

Wie berichtet, hat die Stadt auf dem Schulhof einen Sonnenschutz installiert, der frappierende Ähnlichkeit mit einer Haltestelle hat und nach Meinung von Eltern und der Schule seine Funktion wenig bis gar nicht erfüllt: Zu wenig Schatten an der falschen Stelle, massive und gefährliche Stahlpfosten neben dem Basketballkorb und mitten im Bewegungsraum der Sechs- bis Zehnjährigen, ein Solardach, von dem keiner Bälle herunterholen darf – und nicht zuletzt eine fantasiearme Architektur, die dem Konstrukt im Schülermund bereits den Namen „Stadtbahnhaltestelle“ beschert hat.

„Ich habe mich zuallererst für die späte Antwort entschuldigt“, sagt Bürgermeisterin Gabriele Nießen im Gespräch mit der LKZ, „das kann man nicht schönreden.“ Sie hat einen Tag nach unserer Veröffentlichung die Schule und auch die Elternvertreter kontaktiert, die wie berichtet am 21. Juli eine geharnischte E-Mail an die Stadtverwaltung gesendet hatten. Jetzt will Nießen bei einem Ortstermin mit Schule und Eltern klären, ob und was in Sachen Sonnenschutz getan werden kann. So lange hält sich Nießen zu möglichen Alternativen oder Lösungen bedeckt: „Ich kenne beide Aussagen und halte es für angebracht, den Termin abzuwarten. Das ist ein guter Weg.“ Elternbeirätin Kathrin Enke bleibt dabei: „Es funktioniert nicht.“

Auf der LKZ-Facebook-Seite wird dagegen heiß diskutiert. „Wenn es nicht traurig wäre, könnte man es mit Humor nehmen. Dachte erst, es sei ein Schildbürgerstreich. Wurde eines Besseren belehrt.“ An Vorschlägen mangelt es nicht. „Früher gab es Bäume. Das war eine gute Erfindung“, schreibt eine Leserin, die für ihre Ironie viel Lob erntete. Eine andere: „Über den Klimawandel diskutiert man und pflanzt keine Bäume.“

Einer hat nachgerechnet: „Für 165.000 Euro [Kosten] kann man ja einen halben Wald pflanzen“, und nimmt die Photovoltaik mit 13,7 kWp unter die Lupe. „Bei 20 Jahren Betrieb gibt’s immerhin 28.000 Euro zurück. Sind dann nur noch 137.000 Euro zu viel bezahlt.“ Der Preis sorgt für Erstaunen: „So kann man auch Steuergelder verschwenden“, heißt es, und: „Alter, was bitte soll da 165.000 Euro kosten. Schade um das schöne Steuergeld.“

Große Zweifel gibt es an der Funktionalität. „Der Schatten fällt komplett falsch. Da hat jemand die Sonneneinstrahlung nicht richtig berechnet“, schreibt eine Frau, eine andere reagiert ironisch auf die kleine Fläche: „Immerhin lernen sich nun alle Schüler, die Schatten wollen, in der Pause besser kennen.“ Ein Kommentator bezweifelt laut, dass es keine Alternativen gibt: „Warum soll ein Sonnensegel nicht gehen? Im Freibad ist doch auch ein großes über dem Babybecken.“ Ein anderer: „Ein paar Bäume hätten es vielleicht auch getan. Oder ein Dach mit Neigung [...]. Oder ein Gerüst oder Netz, welches mit Pflanzen begrünt Schatten spendet.“

Die Stadt hatte das Stahlgerüst damit begründet, dass Feuerwehrauflagen sowie die Stolpergefahr durch Stahlseile ein Segel verhinderten. Schule wie Eltern hatten mit einem großen Sonnensegel gerechnet und waren von der „Stadtbahnhaltestelle“ nach eigener Aussage völlig überrascht worden. Dass hier nicht mit der Schule gearbeitet wurde, stößt auf Kritik. „Vielleicht mal die Kinder fragen, was sie eigentlich zeitgemäß finden würden.“

„Erste Haltestelle für neue Stadtbahn“

Ein großes Thema ist auch, dass der Hausmeister aus Versicherungsgründen weder auf das Dach steigen kann, um Bälle herunterzuholen, noch Birnen oder Gardinen wechseln kann, weil er die Leiter nur begrenzt besteigen darf. „Wenn mir noch mal einer was von Bürokratieabbau erzählt, sollte er schnell das Weite suchen“, so ein Kommentar, eine Erzieherin bestätigt, das die Kita-Putzfrau nicht oben abstauben oder das Oberlicht putzen darf. „Der Bürokratiewahnsinn ist enorm“, so ein Kommentar. Da ist Platz für Fantasie: „Zumindest hat Ludwigsburg schon mal ne Stadtbahnhaltestelle“, schreibt eine Leserin, und eine zweite weiß schon mehr: Dies sei „die erste Haltestelle für die neue Stadtbahn, welche 2050 kommt“.

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