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Mord

Schlafzimmermord: 74-Jähriger muss lebenslang in Haft

Im Kornwestheimer Schlafzimmermord hat das Stuttgarter Landgericht gestern den 74-jährigen Ehemann wegen einer heimtückisch begangenen Tat zur lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Damit wiesen die Richter der Schwurgerichtskammer den Antrag des Staatsanwalts auf Anerkennung mildernder Umstände wegen einer möglichen Verzweiflungssituation zur Tatzeit zurück.

Ludwigsburg. Mit dem gestern verkündeten Urteil ist ein tragisches und auch schreckliches Geschehen vom 4. Januar dieses Jahres in der Wohnung des betagten Ehepaares in Kornwestheim geahndet worden. Die Stuttgarter Schwurgerichtskammer stellte fest, dass der 74-jährige Angeklagte an jenem Januarmorgen aufstand, sich ankleidete und dann mit der festen Absicht, seine Frau zu töten, in den Keller ging und dort einen Revolver aus einem Versteck holte, den er dort vor Jahren eingelagert hatte. Aus der Patronenkartusche holte er sechs Geschosse, lud damit die Waffentrommel und ging in das Schlafzimmer der Wohnung.

Dort, so das Gericht, schoss er der schlafenden Ehefrau auf heimtückische Weise zuerst einmal in die linke Schläfe, wobei die Frau kurz erwachte und fragte, was dies für ein Knall gewesen sei. Dieser erste Schuss kam aus einer Trommelkammer der Waffe, die sich im Originalzustand befand und daher die Abschussgeschwindigkeit gedrosselt war. Das Projektil blieb daher in der Schläfe stecken. Wortlos drückte der Angeklagte dann noch drei Mal ab, wobei diesmal zwei der Projektile aus einer Trommelkammer abgefeuert wurden, die an der Waffe so manipuliert worden war, dass sich die Abschussgeschwindigkeit um über das Doppelte erhöhte. Die Verletzungen im Gehirn waren entsprechend tödlich. Zwei Tage danach verstarb die 72-jährige Ehefrau an diesen tödlichen Verletzungen. Nach den Schüssen ließ sich der Angeklagte von der Polizei festnehmen und auch daran hindern, die beiden restlichen Projektile der Waffe gegen sich selbst abzufeuern. Dass er sich danach selbst umbringen wollte, glaubte ihm das Gericht. Ausgeschlossen aber sei, dass auch die Ehefrau mit einer Art gemeinsamem Suizid einverstanden war.

„Bei Mord sieht das Gesetz nur eine Strafe vor, nämlich lebenslang“, begründete die Vorsitzende Richterin der Strafkammer gestern den Schuldspruch. Dabei sei es unerheblich, wie alt ein Mörder sei. Die Tat sei heimtückisch geschehen, weil das Opfer im schlafenden Zustand arg und wehrlos war und mit keinem derartigen Angriff rechnete. Der Angeklagte habe in dem viertägigen Prozess keine Auskunft über die eigentlichen Beweggründe seiner Tat gegeben und habe dies wohl auch nicht gewollt, sagte die Richterin. Er hatte angegeben, er habe sich an jenem Januarmorgen wie in einem Tunnel bewegt. Der psychiatrische Sachverständige wertete dies in seinem Gutachten als mögliche „atypische Bewusstseinsstörung“, ausgelöst durch eine Art Verzweiflung, weil er mit der Ehefrau nicht weiterleben wollte. Dies begründe auch nicht ausschließbar eine nur eingeschränkte strafrechtliche Verantwortung. Diese psychische Verzweiflungstat wollte ihm auch der Staatsanwalt in seinem Plädoyer nicht absprechen und billigte dem 74-Jährigen Strafmilderung zu. Er beantragte statt dem „Lebenslang“ eine Haftstrafe von acht Jahren.

Der Verzweiflungstat mit der eingeschränkten Schuld- und Einsichtsfähigkeit folgten die Richter überraschenderweise nicht. Der Angeklagte sei vollkommen gesund, habe weder eine Demenz, noch eine psychische Krankheit. Das Motiv des Mordes liege einzig und allein darin, dass er die ständigen Vorwürfe seiner Ehefrau zum Thema seiner Vergesslichkeit nicht mehr habe ertragen können. Daher sei in ihm an jenem 4. Januar der Entschluss gereift, die Frau zu töten. Schon im November letzten Jahres habe die Frau einen Brief geschrieben, in dem sie ankündigte, Kornwestheim zu verlassen und nach Bayern umzuziehen. Sie maßregelte den Ehemann öfters und beschimpfte ihn auch immer wieder. Das habe der Mann, der alle Zurechtweisungen lange Zeit schweigsam über sich ergehen ließ, nicht mehr ertragen.

Fünf Tage nach seiner Verhaftung hatte der Angeklagte in der Stuttgarter Vollzugsanstalt einen Selbstmordversuch unternommen. Das „Lebenslang“ hat nicht nur den Staatsanwalt, sondern auch die Verteidigerin des 74-Jährigen gestern überrascht. Der Angeklagte wird somit erst entlassen werden können, wenn er 15 Jahre verbüßt hat. Dann wäre er 89 Jahre alt. Seine Verteidigerin wird beim Bundesgerichtshof in Revision gehen.