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Inklusion an Schulen

Schlechte Noten für das Land

Vor zehn Jahren hat Deutschland die Konvention der Vereinten Nationen für Behindertenrechte unterzeichnet. Wie hat sich das auf die Inklusion ausgewirkt? Dieser Frage ist der Inklusionstag Baden-Württemberg mit über 200 Teilnehmern nachgegangen – mit dem Ergebnis, dass der Weg noch weit ist.

Auf der Tafel sieht das schon ganz gut aus, in der Praxis dagegen gibt es noch viel zu tun und zu lernen. Foto: stock.adobe.com/Gerhard Seybert
Auf der Tafel sieht das schon ganz gut aus, in der Praxis dagegen gibt es noch viel zu tun und zu lernen. Foto: stock.adobe.com/Gerhard Seybert
Gespräche und Informationen beim Inklusionstag Baden-Württemberg, zu dem die Teilnehmer an der Pädagogischen Hochschule zusammengekommen sind. Foto: Benjamin Stollenberg
Gespräche und Informationen beim Inklusionstag Baden-Württemberg, zu dem die Teilnehmer an der Pädagogischen Hochschule zusammengekommen sind. Foto: Benjamin Stollenberg

Zu dem Treffen waren die Teilnehmer am vergangenen Samstag an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg zusammengekommen. „Die Behindertenrechtskonvention hat viel bewegt. Wir befinden uns aber noch mitten im Prozess der Umsetzung“, zeigte sich Horst Frehe überzeugt. Befinde man sich mit der Barrierefreiheit auf einem guten Weg, treffe das auf die Inklusion jedoch nicht zu, so der Vorstand der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, der als Staatsrat für Soziales in Bremen und als Richter am Sozialgericht tätig war.

„Verschiedene Landesregierungen sind nicht bereit, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen, die für eine konsequente Inklusion erforderlich sind“, übte Frehe Kritik, auch am Land Baden-Württemberg. Hier sei das Schulgesetz zwar entsprechend geändert, das Personal in den Schulen aber nicht im erforderlichen Maß aufgestockt worden, um dieser Aufgabe auch gerecht werden zu können.

„Viele Eltern behinderter Kinder sind deshalb der Meinung, dass ihre Kinder in der kleinen Klasse einer Förderschule besser aufgehoben sind als in der großen Klasse einer Regelschule“, so Frehe. Doch wer die Inklusion nicht umsetze, verstoße gegen geltendes Recht und greife die Menschenrechte an. „Man verlangt von jedem Arbeiter, der am Fließband tätig ist, dass er sich veränderten Rahmenbedingungen anpasst“, so Frehe. Das gelte auch für den Bildungsbereich.

Apropos Barrierefreiheit: Für Horst Frehe ist die bauliche Beschaffenheit des Hörsaals an der Pädagogischen Hochschule, in dem die Veranstaltung stattfand, bereits ein solcher Verstoß . Um den zahlreichen Rollstuhlfahrern, die beim Inklusionstag dabei waren, überhaupt die Teilnahme gewähren zu können, war eine zusätzliche Rampe aufgebaut worden.

„Trotz der Änderung des Schulgesetzes in Baden-Württemberg im Jahr 2015 hat sich die Zahl der Schüler an Sonderschulen nicht reduziert“, gab auch Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalek zu bedenken, die an der Hochschule in der Abteilung Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung tätig ist. Sie verwies auf einen entsprechenden Länderbericht. Im Vergleich zu anderen Bundesländern hinke Baden-Württemberg bei der Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems hinterher.

Oftmals fehle es ganz konkret an der Bereitschaft einzelner Lehrer, aber eben auch an den Rahmenbedingungen. In der Praxis hätten Eltern deshalb keine echte Wahlfreiheit. „Die Eltern haben die Wahl zwischen dem vollen Glas Förderschule und dem leeren Glas Regelschule“, kritisierte sie.

Britta Schade, Mitarbeiterin des Zentrums Selbstbestimmt leben Aktive Behinderte in Stuttgart, berichtete ebenfalls von den Schwierigkeiten, die schulische Inklusion umzusetzen und von der Barriere in den Köpfen einiger Menschen: „Es gibt Rollifahrer, die an den Schulen von ihren Mitschülern gemobbt werden“.

Für Stephanie Sproll vom „Verein 46plus – Down Syndrom Stuttgart“ ist es wichtig, Barrierefreiheit für Menschen mit geistiger Behinderung zu schaffen. Sie kritisierte fehlende berufliche Perspektiven für Jugendliche, die die Schule verlassen.

Der Inklusionstag Baden-Württemberg findet jährlich in verschiedenen Orten in der Region statt und widmet sich immer wechselnden Themen. Ausgerichtet wird er von einem Veranstalterverbund, zu dem 15 Verbände und Hochschulen aus Baden-Württemberg gehören. Der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried hatte die Schirmherrschaft für die jüngste Tagung in Ludwigsburg übernommen. Die mehr als 220 Teilnehmer waren aus der gesamten Region angereist.

Kerstin Merz-Atalek betonte, dass die Treffen dem Austausch und der Vernetzung dienen. „Uns ist es aber auch wichtig, positive Beispiel zu zeigen, die Mut machen“, ergänzte Prof. Dr. Sandra Fietkau von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Sie moderierte Gesprächsrunden auf einem roten Sofa. Hier nahm zum Beispiel Sophie Kowalik Platz, deren Biografie Mut macht, dass die Selbstständigkeit ausgebaut werden kann. Die junge Frau mit Down-Syndrom wohnt seit Mai 2017 im Irene-Farenholtz-Haus in Stuttgart. In dem Gebäude der Lebenshilfe leben insgesamt 14 Menschen mit Behinderung in begleiteten Wohngemeinschaften zusammen und führen ein Leben in größtmöglicher Selbstständigkeit. Außerdem nimmt Sophie Kowalik an einer beruflichen Qualifikation im hauswirtschaftlichen Bereich teil.

Vorgestellt wurden an diesem Nachmittag außerdem die Bemühungen um inklusive Bildung in Baden-Württemberg und „Pfiff“, ein Projekt für inklusive Fußballförderung. Bei Groove Inclusion ist der Name Programm: Die inklusive Band aus dem Remstal ließ den Inklusionstag aus zumindest musikalischer Sicht harmonisch ausklingen.

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