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Luftqualität

Schlossstraße löst die Friedrichstraße ab

Viele Jahre richteten sich beim Thema Stickstoffdioxid und drohendes Fahrverbot alle Blicke nur auf einen Punkt: die Messstation in der Friedrichstraße. Die wurde vor wenigen Wochen abgebaut. Das Thema ist damit aber nicht vom Tisch: Jetzt rückt die Schlossstraße (B.27) ins Rampenlicht – mit Messwerten, die ein Fahrverbot wieder deutlich wahrscheinlicher machen.

Ein Bild für die Geschichtsbücher: die Messstation in der Friedrichstraße. Sie war seit 2004 in Betrieb. Mitte März 2020 hat das Land sie abgebaut. Archivfoto: Andreas Becker
Ein Bild für die Geschichtsbücher: die Messstation in der Friedrichstraße. Sie war seit 2004 in Betrieb. Mitte März 2020 hat das Land sie abgebaut. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Kurz vor dem Wochenende hat die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) die Ludwigsburger Messergebnisse für die ersten drei Monate des Jahres 2020 öffentlich gemacht. Die gute Nachricht: An fast allen Messpunkten liegen die Ergebnisse für Stickstoffdioxid unter dem Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft oder liegen nur noch leicht über dem Grenzwert (siehe auch Bericht unten).

Die schlechte Nachricht: In der Schlossstraße verstetigen sich die deutlich überhöhten Werte, auf die erste Messungen bereits Ende des vergangenen Jahres hinwiesen. Hatte die LUBW für November und Dezember 2019 einen Wert von rund 60 Mikrogramm Stickstoffdioxid ermittelt, so liegt das Ergebnis für die Zeit von Januar bis Ende März 2020 immer noch bei 57 Mikrogramm.

Das ist zwar eine leichte Verbesserung, mitverursacht möglicherweise durch den Ausbruch der Coronakrise Mitte März und den Rückgang des Autoverkehrs in den letzten zwei Wochen des Messzeitraums. 57 Mikrogramm sind aber nach wie vor eine Größe, bei der vor Gericht ein Fahrverbot wohl noch nie in Frage stand – vorausgesetzt, auch der relevante Mittelwert für ein ganzes Kalenderjahr bleibt auf einem solchen Niveau.

Eine erste und direkte Folge: Das Land trifft jetzt offenbar Vorkehrungen, um bei Bedarf in der Schlossstraße anstelle des bisherigen einfachen Kontrollmesspunkts eine den gesetzlichen Vorgaben entsprechende Messstation einzurichten. Eine dieser Vorgaben hat das Land zuletzt mehrfach in den Blickpunkt gerückt: Standort und Messwert einer solchen Station müssen repräsentativ für einen Straßenabschnitt von wenigstens 100 Meter Länge sein.

Die Landesanstalt für Umwelt hat jedenfalls im ersten Quartal 2020 vier neue Messpunkte im direkten Umfeld des bisherigen Messpunkts eingerichtet. Dies im Bereich zwischen Schlossstraße 5 und 35. Die vier neuen Messpunkte sind im jüngsten Schadstoffbericht der LUBW bereits ausgewiesen, allerdings noch ohne Messergebnisse. Dazu seien die Punkte noch zu kurz im Einsatz, heißt es auf der Internetseite der Landesanstalt.

Im Ludwigsburger Rathaus ist man sich der Brisanz der Situation bewusst. Nachdem es zunächst so ausgesehen hatte, als ob wegen der deutlich verbesserten Werte in der Friedrichstraße ein Fahrverbot abgewendet ist, musste nach den ersten Messergebnissen aus der Schlossstraße Oberbürgermeister Matthias Knecht schon vor einigen Wochen ernüchtert feststellen: „Damit fängt alles wieder von vorne an.“

Ein Konzept für Gegenmaßnahmen am neuen Brennpunkt steht. Wichtige Einzelmaßnahme: eine Geschwindigkeitsreduzierung in einem langen Abschnitt der innerstädtischen B.27. Er reicht vom Heilbronner Tor beim Favoritepark die gesamte Schlossstraße hinauf bis zur Unterführung Sternkreuzung, und danach weiter auf der Stuttgarter Straße bis zum Ortsausgang Richtung Kornwestheim. Das Tempolimit soll in beide Fahrtrichtung gelten, aber vor allem auf der Steigungsstrecke den Schadstoffausstoß der Fahrzeuge senken.

Das alleine wird aber nicht reichen, um von den aktuellen 57 Mikrogramm in die Nähe des Grenzwerts von 40 Mikrogramm zu gelangen. Mit den im Stadtgebiet neu digitalisierten Ampeln will die Stadt auch auf der B 27 dafür sorgen, dass eine Verflüssigung des Verkehrs den Schadstoffausstoß weiter senkt. Und sie arbeitet auf ein Durchfahrtsverbot für solche Lastwagen hin, die ihr Ziel nicht im Stadtgebiet haben.

Denkbar sind auch Entlastungseffekte der Corona-Krise. Kurzfristig, aber nicht unbedingt dauerhaft: weniger Autoverkehr. Längerfristig scheint eine weiterreichende Modernisierung hin zu einer schadstoffärmeren Fahrzeugflotte möglich, sollte der Bund den Kauf von Neuwagen finanziell fördern. Dazu könnte in dieser Woche in Berlin eine Entscheidung fallen. Flankierende städtische Maßnahmen ist ein weiteres Tempolimit auf der gesamten Friedrichstraße, also vom Ortseingang aus Richtung Remseck bis vor an die B 27. Und mit neuen Busspuren soll der Busverkehr noch attraktiver werden. Noch in diesem Monat sollen solche Busspuren eben in Teilen der Schlossstraße eingerichtet werden; auf den Rampen seitlich der B 27-Unterführung. Jeweils eine der bisher zwei Fahrspuren ist dann für Busse reserviert.

Baubürgermeister Michael Ilk hatte kürzlich erklärt, dass er es für möglich hält, ein Limit mit Tempo 40 sowohl in der Friedrichstraße als auch auf der B 27 noch vor der Sommerpause einzurichten.

Ein letztes Teilstück der Friedrichstraße wird voraussichtlich ebenfalls zur Sommerpause Teil einer großen Baustelle, die über die Bahnbrücke (Keplerstraße) bis in die Schwieberdinger Straße bei der MHP-Arena reichen wird. Eine Straßenseite wird dann komplett für den Verkehr geschlossen sein. Es ist just jene Seite, auf der lange Jahre die amtliche Messstation für Luftwerte stand. Weil die Baustelle für viele Monate keine realistischen Messungen mehr erlauben wird und somit für 2020 kein verwertbarer Jahreswert möglich wird, hat die Landesanstalt für Umwelt die Station Mitte März abgebaut. Und hat möglicherweise schon einen neuen Standort im Blick – die Schlossstraße.

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