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Schule statt Ferien: Trägt die Lernbrücke?

Die vom Land ausgerufene Lernbrücke stößt auf viel Kritik. Die letzten zwei Ferienwochen freiwilliger Unterricht für schwächere Schüler: Von einem teuren Notprogramm sprechen die einen, von einer aufwendigen Behelfsmaßnahme die anderen. Zudem sei die Zeit falsch gewählt. Bezweifelt wird auch der Sinn: Gerade die Kinder, die in ihrer schulischen Laufbahn gefährdet sind oder im Fernlernen abgetaucht waren, würden mit der Freiwilligkeit nicht erreicht.

Nachhilfe in den Sommerferien: Nicht alle Schulen können die sogenannten Lernbrücken anbieten – und längst nicht alle Schüler, die könnten, nehmen das Angebot wahr.Foto: dpa
Nachhilfe in den Sommerferien: Nicht alle Schulen können die sogenannten Lernbrücken anbieten – und längst nicht alle Schüler, die könnten, nehmen das Angebot wahr. Foto: dpa

Ludwigsburg. Was war nicht alles diskutiert worden, um die Wissensdefizite aufzuholen, die bei Schülern während der Schulschließungen entstanden waren: Eine Verkürzung der Sommerferien stand im Raum, verpflichtende Sommerschulen wurden angedacht, in Ludwigsburg wurde ein Sommercamp an der Pädagogischen Hochschule installiert (siehe unten). Herausgekommen sind zwei Wochen Unterricht in den letzten zwei Ferienwochen, auf freiwilliger Basis für Schüler wie Lehrer.

Dafür nimmt das Kultusministerium Ressourcen im Wert von 13 Millionen Euro in die Hand – Geld, das der geschäftsführende Direktor aller Gymnasien, Mathias Hilbert, lieber in den regulären Unterricht und zukünftige, hybride Lernkonzepte investiert sähe: „Die Lernbrücke ist nicht nachhaltig“, besser wäre das Geld auch in einem Förderlerntopf aufgehoben gewesen, um die Grundfächer regulär mit einer Unterrichtsstunde mehr auszustatten. „Was bisher gekommen ist, ist heiße Luft“, sagt er. Die Schulferien auf vier Wochen zu verkürzen, wäre sinnvoller gewesen. Er spricht von fehlender Leitung, fehlenden Konzepten, fehlender Stringenz. Das Konzept sei mit der Basis nicht abgesprochen worden, im Blick auf die Ministerpräsidentenwahl sei dies wohl eher als „PR-Maßnahme“ von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) zu sehen, die sich zur Wahl stellt.

In seiner eigenen Schule, dem Otto-Hahn-Gymnasium, gebe es 39 Anmeldungen von Schülern von Klasse 5 bis 9 („Und das sind nicht die, die versetzungsgefährdet sind“), drei Lehrer hätten sich freiwillig gemeldet. Heißt: Die Gruppen müssen zusammengefasst werden, der Stoff eines Fünftklässlers habe aber mit dem eines Neuners nicht viel zu tun: „Die muss man unter einen Hut kriegen?“ Insgesamt, so Hilbert, sind es 99 Schüler, die an den vier Gymnasien unterrichtet werden, von insgesamt acht Lehrern und drei Referendaren.

Wie Schulamtsleiter Hubert Haaga gestern nach Abschluss der Rückmeldungen der anderen Schulen sagte, haben sich von 800 angefragten Schülern respektive Eltern 350 angemeldet, das sind 44 Prozent. In den 15 Grundschulen, einer Werkrealschule, zwei Realschulen, zwei Gemeinschaftsschulen und einer Förderschule stehen laut Haaga 47 Lehrer zur Verfügung – 36 Lehrkräfte, fünf examinierte Referendare (für nächstes Schuljahr eingestellt) sowie sechs pensionierte Lehrer. Bis auf die Neckarweihinger Friedrich-von-Keller-Schule, die wegen der Sanierung mit der Hohenecker Grundschule zusammengehe, gebe es Standorte an jeder Schule. 70 Prozent der Lernbrücken fänden in den zwei Wochen statt, andere hätten diese anders aufgeteilt. Er lobt den Einsatz der Schulen, die damit weiter belastet worden seien.

Das kann Bernhard Bleil bestätigen. Der Schulleiter der Eberhard-Ludwig-Förderschule ist geschäftsführender Rektor aller Grund-, Werkreal-, Real-, Gemeinschafts- und Förderschulen. „Wir werden kein riesengroßes Angebot machen können“, sagt er, die Freiwilligkeit torpediere geradezu das Ziel, genau die Schüler zu fördern, die im Fernlernen abgetaucht waren oder überfordert waren. Die Krux: „Wenn wir sie im Fernlernen nicht einfangen haben, werden wir sie auch jetzt nicht einfangen.“

Auch er vermisst die Nachhaltigkeit: „Man hätte das völlig anders aufziehen müssen“, sagt er. Die Details seien „viel, viel zu spät gekommen“, besser wäre es zudem gewesen, die zwei Wochen an den Ferienanfang zu legen und vielleicht auch zum Unterricht zu verpflichten. So aber sei die Lücke viel zu groß, die Schüler schlechter zu motivieren. Und: Weil viele Schüler zuvor verreisten, bestehe die Gefahr, dass die zuvor mühsam getrennten und nun neu zusammengewürfelten Gruppen Corona-Infektionen begünstigten. Die aktuelle Liste des Sozialministeriums spricht für 130 Länder eine Reisewarnung aus – wer von dort zurückkommt, muss erstmal zwei Wochen in Quarantäne und kann nicht teilnehmen.

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