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Kinderhospizdienst

Schutz für Schutzlose

Felix, der Glückliche, ist traurig. Er weiß, dass sein Vater schwer an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange leben wird. Der Sechsjährige weiß noch gar nicht, wie er mit dem Tod umgehen soll. Ein Fall für den ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst.

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Ludwigsburg. Diesen speziellen Dienst unter dem Dach der ökumenischen Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg gibt es nun seit zehn Jahren. Der hilft bei der Trauerarbeit schon ab der oft schockierenden Diagnose, wenn festgestellt wird, dass Papa oder Mama unheilbar krank ist. Oder wenn sie urplötzlich verunglückt sind, einer von ihnen Suizid beging. Ehrenamtliche begleiten todkranke Kinder, entlasten die Eltern und Geschwister. Und sie bleiben nah auch über das Sterben hinaus.

Derzeit sind es 35 Ehrenamtliche, die sich auf diese schwerste Schicksalsarbeit akribisch vorbereitet haben. Vier Monate dauert die Grundausbildung, unterteilt in 90 Unterrichtseinheiten. Sie wurden darauf vorbereitet, wie sie professionell mit Kleinkindern bis zu jungen Erwachsenen in solchen Situationen umgehen. Aktuell betreuen sie 22 Familien, in zwölf Fällen mit zwei Kindern. In der Hauptsache ist ein Elternteil verstorben oder sterbenskrank. Bei acht Kindern ist nicht sicher, ob sie den nächsten Geburtstag noch erleben werden. Es sind Frühestgeburten, oft sind sie mehrfach behindert, leiden unter Stoffwechsel- und Nervenerkrankungen. Krebs ist eher selten.

Einmal in der Woche gehen sie in die Familien. Für 90 Minuten oder auch zwei Stunden. Dann wird miteinander gelacht und gespielt. Und es wird ganz offen über den Tod gesprochen, über die Beerdigung, über das, was nach dem Tod kommt. „Kinder und Jugendliche haben ganz andere Fragen als Erwachsene“, sagt die Leiterin des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes, Birgit Beurer. Es sei eine Herausforderung altersgerechte Antworten zu finden. Und es sei wichtig, mit jemand reden zu können, der nicht betroffen ist, der nicht zur Familie gehört. „Wir wollen nicht Teil der Familie werden“, betont Diakonin Beurer, „sondern Hilfe zur Selbsthilfe leisten“. Sobald sich die psychosoziale Lage wieder stabilisiert habe, ziehen sich die Ehrenamtlichen zurück. Auch wenn das, wie in einem Fall, nun schon seit sechs Jahren währt. Und die Eltern müssen auf den Dienst zukommen. Sie stelle den ersten Kontakt her und schaue, wer zum wem passt.

Der Bedarf wächst ständig. 2008, als die Arbeit richtig aufgenommen wurde, „teilten“ sich zwölf Ehrenamtliche zwei Familien. 2009 waren es 446 Stunden, die unentgeltlich investiert wurden in Begleitungen, Gruppenabende, Supervision und Weiterbildung. 2016 waren das dann schon 1440 Stunden. Zusätzlich mehr als 300 Stunden in Trauerprojekten wie Baumtrommelworkshop, Reitergruppen, Elterncafés, Kinder- und Jugendclubs. Im ersten Halbjahr 2017 sind es aktuell 35 Freiwillige und 26 Familien. Personell ist der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst mit einer 70-Prozent-Stelle besetzt, ab Oktober kommt eine Halbtagskraft dazu. Bald wird die Referentenstelle für die Trauerarbeit auf eine Vollzeitstelle aufgedoppelt. Bislang haben sieben Vorbereitungskurse stattgefunden. Der nächste startet im Oktober. Zwei Qualifizierungsmaßnahmen zum Thema Trauer hat es seit 2014 gegeben.

Das alles kostet Geld. Bei einem Budget von rund 250 000 Euro muss der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst rund die Hälfte über Spenden selbst einsammeln. Bei der Sterbebegleitung tragen die Krankenkassen einen Großteil der Kosten, die Trauerarbeit wird nur zum Teil über einen Zuschuss vom Landkreis getragen. 120 000 Euro sind zusätzlich nötig, um auf die Kosten zu kommen. „Hospizarbeit ist eine gesellschaftliche Aufgabe“, hofft die Geschäftsstellenleiterin der gesamten Hospizinitiative, Sabine Horn, weiter auf eine breit angelegte Unterstützung der Arbeit und auf das Engagement neuer Ehrenamtlicher. Das pädiatrische Netzwerk werde ausgebaut, kündigte Pfarrerin Susanne Digel, Vorsitzende des Vereins Hospizinitiative weitere runde Tische an. „Wir wollen den Schutzlosen und Schwachen Schutz bieten.“ Das sei schon in frühchristlicher Zeit verwurzelt gewesen. Heute gelte es, dem Wort „Hospiz“ den Schrecken zu nehmen.

Das Sommerfest wird demnächst für geladene Gäste auf der Karlshöhe gefeiert. Eingeladen sind unter anderem alle 138 Familien, die in den vergangenen zehn Jahren betreut wurden und werden.

Kontakt: Im Internet unter www.hospizinitiative-lb.hospiz-bw.de oder unter Telefon (0 71 41) 99 24 34 34.