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Senioren fühlen sich im Stich gelassen

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Die Begegnungsstätten für Senioren in der Ost- und in der Kurfürstenstraße sind den coronabedingten Sparmaßnahmen der Stadt im Sommer zum Opfer gefallen. Die Senioren fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen. Vor allem missfällt die fehlende Kommunikation.

Ludwigsburg. „Auf einmal, ohne irgendeine Benachrichtigung, sind die Villa Ulmer und der Treff in der Oststraße geschlossen. Nicht nur in Zeiten von Corona, sondern für immer“, sagt Adam Kränzler. Seit vielen Jahren leitet er die beliebte Tischtennisgruppe für Senioren, die sich seit fast 40 Jahren in der Kurfürstenstraße sportlich betätigt hat. Doch seit Sommer ist alles anders. Sowohl die Villa Ulmer in der Kurfürstenstraße als auch der Treff in der Oststraße stehen den Senioren nicht mehr zur Verfügung. Seit September ist nur noch die Begegnungsstätte in der Stuttgarter Straße geöffnet. Erfahren haben die zahlreichen Gruppen davon nur aus der Ludwigsburger Kreiszeitung, wie Kränzler, Gertrud Hübner und Klaus Löhr im Gespräch erzählen.

„Warum verfügt die Stadt über die Schließung der Begegnungsstätten, ohne vorher über die tatsächlichen Gründe mit den betroffenen Menschen und Gruppen zu sprechen?“, fragt sich Klaus Löhr. „Diese Verfahrensweise ist so nicht hinnehmbar.“ Wie die Stadt mitteilt, sei nach der Gemeinderatssitzung Ende Juli, in der die Schließung der beiden Seniorentreffs beschlossen wurde, zeitnah mit den Gastgebern, die für die Gruppenangebote in der Begegnungsstätte Oststraße verantwortlich sind, ein Gespräch gesucht worden. „Ebenso mit dem Initiativkreis Villa Ulmer, der für die Angebote in der Kurfürstenstraße zuständig ist“, so die Stadt auf Anfrage. „Der Initiativkreis Villa Ulmer hat dabei die Vorgehensweise der Stadt unterstützt und als Konsequenz seine Arbeit eingestellt. Der Initiativkreis hat dann seine Gastgeber in einer Besprechung über die Entscheidung des Gemeinderats und der Stadt und die weitere Abwicklung informiert.“ Hübner, Löhr und Kränzler sind aber der Meinung, dass diese Gespräche vor dem endgültigen Entschluss hätten stattfinden müssen.

Durch den Wegfall der zwei Begegnungsstätten seien nun viele Senioren allein. „Vielen ist die letzte Möglichkeit auf geselliges Beisammensein genommen worden. Für viele Senioren waren die Treffen in den Begegnungsstätten fast der einzige Kontakt nach draußen“, so Hübner, die ebenfalls viele Seniorengruppen leitet und auch der Tischtennisgruppe angehört. „Im Alter zwischen 80 und 90 gibt es nicht mehr viele Weggenossen und Lebensgefährten. Man treibt hier Menschen in die Depression und Vereinsamung im Alter.“

Die drei Senioren kritisieren, dass die Stadt „immer große Töne spuckt“, dass Seniorenbegegnungsstätten für Ludwigsburg wichtig seien. „Doch am Ende werden sie einfach so geschlossen, ohne eine Info darüber“, sagt Kränzler. Um die Begegnungsstätten zu retten, seien die Senioren auch bereit gewesen, einen Unkostenbeitrag für alle anfallenden Kosten zu zahlen. „Wenn die Stadt auf uns zugekommen wäre, das Gespräch gesucht hätte, dann hätten wir vielleicht auch eine andere Lösung finden können“, sagt Löhr.

Wie ebenfalls in der Gemeinderatssitzung Ende Juli bekannt wurde, erwarte die Stadt von der Schließung beider Seniorentreffs Einsparungen von 20000 bis 25000 Euro. „Inwieweit sich die geäußerten Zahlen belegen lassen, sei dahingestellt“, so Löhr. „20000 oder 25000 Euro im Jahr für zwei ehrenamtlich betriebene Begegnungsstätten sind ein lächerlich kleiner Betrag, wenn man bedenkt, wie viele Menschen von der Schließung betroffen sind“, ist auch Hübner empört.

Doch die Stadt erwartet sich erhebliche Haushaltsentlastungen. „Kurzfristig sind das sogar Einsparungen im Umfang von bis zu 50000 Euro für Personal, Maßnahmen und Nebenkosten“, heißt es aus dem Rathaus. Außerdem werden beide Begegnungsstätten einer neuen Nutzung zugeführt. „Das Objekt Oststraße wird verkauft und finanziert damit neue Projekte. In die Villa Ulmer soll ein Kindernest kommen, „wodurch Investitionen in neue Objekte von mindestens einer halben Million eingespart werden können“. „Senioren haben hier in Ludwigsburg einfach keine Lobby“, kritisiert Hübner die Vorgehensweise.

Während des ersten Lockdowns hätten sich viele Senioren bei ihr gemeldet und gefragt, wann die Treffen in den drei Begegnungsstätten auch unter Coronaregeln wieder möglich seien. „Ich habe sie alle, mit dem Verweis auf Corona, vertrösten müssen. Und dann erfahren wir aus der LKZ, dass zwei der drei Stätten auch nach Corona gar nicht mehr öffnen.“ Deshalb wolle Hübner nun Unterschriften sammeln und so ein Zeichen setzen, wie wichtig die Seniorenbegegnungsstätten sind. „Wir bitten die Stadtverwaltung und den Gemeinderat, das Ganze noch einmal zu überdenken und öffentlich dazu Stellung zu nehmen“, sagt die Seniorin.

Laut Stadtverwaltung seien die meisten Gruppen mittlerweile mit neuen Räumen versorgt. „Stand heute sind von den 28 Angeboten in der Oststraße noch zwei Angebote in Bearbeitung. In der Kurfürstenstraße sind von 20 Angeboten noch vier Angebote nicht endgültig geklärt“, so die Stadtverwaltung auf Anfrage. Die drei Senioren stellt das aber nicht zufrieden. „Die Stadt hat mir zwar geschrieben, dass sie sich bemüht, einen geeigneten Raum für unsere Tischtennisgruppe zu finden. Doch bis heute habe ich nichts mehr gehört“, sagt Kränzler. Seit dem coronabedingten Lockdown haben die Tischtennisstunden der Senioren nicht mehr stattfinden können. „Uns fehlen somit nicht nur die sozialen Kontakte, sondern auch die Bewegung“, sagt Löhr. „Wir treffen uns nicht nur zum Tischtennis, um dann zu reden oder Kaffee zu trinken.“ Die Reflexe und das Reagieren würden beim Tischtennis besonders trainiert werden. „Durch die Pandemie und die damit verbundenen Schließungen haben wir zwar noch etwas Aufschub in der Raumsuche, aber wir arbeiten weiterhin daran“, sagt die Stadtverwaltung.