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Seniorenticket statt Führerschein kommt an

Pilotprojekt soll nach dem Willen des Landratsamts in ein reguläres Angebot übergeleitet werden – Gespräche mit dem VVS

Ludwigsburg. Seit fast anderthalb Jahren können Senioren im Landkreis Ludwigsburg ihren Führerschein gegen ein Jahresticket des VVS eintauschen. Was ursprünglich als Pilotprojekt gedacht war, scheint sich zu etablieren und auch das Interesse in benachbarten Landkreisen zu wecken. Das Landratsamt wird jetzt mit dem VVS prüfen, aus dem Projekt ein reguläres Angebot zu machen.

Die Zahlen sprechen für sich: Von Oktober 2015 bis einschließlich Januar 2016 haben sich insgesamt 410 Senioren ein Gratisticket geholt und dafür ihren Führerschein abgegeben. 243 Personen haben sich nach einem Jahr ein kostenpflichtiges Abo gekauft. Bis Mitte Januar dieses Jahres wurden rund 1100 Tickets ausgegeben. Nach Auskunft des Landratsamts Ludwigsburg waren rund 80 Prozent der Antragsteller 75 Jahre und älter. Ebenfalls rund 80 Prozent der Antragsteller waren Frauen und etwa 70 Prozent der Teilnehmer des Projekts sind Neukunden des ÖPNV. Wie Axel Meier, Fachbereichsleiter Verkehr im Landratsamt, am Freitag den Mitgliedern des Ausschusses für Umwelt und Technik mitteilte, ist das Interesse an dem Pilotpojekt nicht nur bei den Senioren sehr groß, sondern erregt auch überregional Aufmerksamkeit. Neben Anfragen aus dem gesamten Land haben sich auch Behörden aus Hessen, Hamburg und Brandenburg bei der Kreisbehörde gemeldet, um sich über das Projekt zu informieren.

Mit der Möglichkeit, seinen Führerschein gegen ein VVS-Jahresticket einzutauschen, sollen die Straßen im hochverdichteten Landkreis entlastet und gleichzeitig der ÖPNV gestärkt werden. Die Senioren sollen durch die einjährige Testphase davon überzeugt werden, dass der ÖPNV eine Alternative zum Pkw ist. Mitmachen dürfen Personen, die ihren Wohnsitz im Landkreis haben, mindestens 65 Jahre alt sind und auf ihren Führerschein fortan verzichten. Senioren ab 60 Jahren müssen einen Renten- oder Ruhegehaltsnachweis vorlegen.

Das Jahresticket für Senioren – es ist im gesamten Verbundgebiet gültig – kostet insgesamt 546 Euro. Der Landkreis teilt sich die Kosten mit den Verkehrsunternehmen jeweils zur Hälfte. Von Oktober 2015 bis Januar 2017 belaufen sich die Kosten auf rund 540 000 Euro, wovon der Landkreis folglich rund 270 000 Euro stemmen muss. Wenn die Teilnehmer des Pilotprojekts das Abo nach einem Jahr nicht kündigen, wird es kostenpflichtig.

Das Angebot ausweiten

Das Projekt erfährt nicht nur ein großes Interesse, sondern wurde auch für den ÖPNV-Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg 2017 angemeldet. Kein Wunder, dass bei den Beteiligten Überlegungen angestellt werden, das Angebot dauerhaft einzurichten. Laut Axel Meier hängt dies von mehreren Faktoren ab. „Wir wollen das Verfahren vereinfachen, weil es im Moment noch zu beratungsintensiv ist.“ Zudem seien die Kosten hoch. Deshalb müsse man über eine Selbstbeteiligung von rund 50 Euro nachdenken. Zudem würde es Sinn machen, das Angebot auf die Verbundlandkreise und die Landeshauptstadt Stuttgart auszuweiten.

Angesichts der Tatsache, dass junge und alte Menschen im jährlichen Unfallbericht als Risikogruppen auftauchen, sei das Projekt interessant, sagte Kreisrat Bernd Hasenmaier (CDU, Eberdingen). „Respekt vor jedem, der sich selbst einschätzen kann und seinen Führerschein abgibt.“ Die Selbstbeteiligung in Höhe von 50 Euro sehe er kritisch. Diesbezüglich äußerte auch Steffen Döttinger (FW, Affalterbach) seine Bedenken. Ansonsten sprach er von einem „Vorzeigeprojekt“, an dem man festhalten sollte.

Auch Ernst-Peter Morlock (SPD, Marbach) sprach sich dafür aus, das Projekt weiterzuführen, auch wenn es sich bei den Teilnehmern aufgrund ihres Alters und Geschlechts um Personen handelt, die ohnehin nicht viel Auto fahren. Auch die Grünen-Fraktion ist von dem Projekt begeistert, weil es eine Stärkung des ÖPNV bedeute und die Anzahl von Unfällen verringere, wie Dr. Peter-Michael Valet betonte. „Jeder Führerschein weniger ist theoretisch ein Autofahrer weniger“, sagte er und regte an, auf die Selbstbeteiligung zu verzichten. In diesem Zusammenhang erinnerte FDP-Kreisrat Volker Godel daran, dass es sich bei dem Projekt um eine freiwillige Leistung handle, die den Kreis im Jahr rund 300 000 Euro koste. Wenn umliegende Kreise die Aktion ebenfalls aufgreifen würden, könnten sich eventuell auch die Finanzierungsanteile verändern, hoffte er. Der parteilose Kreisrat Harald Lettrari regte ein Seniorenticket in Form eines Chips an, „damit man weiß, wie viele Senioren das Angebot auch nutzen“. Den Betrag für das Seniorenticket in Höhe von 546 Euro hielt er „für zu hoch angesetzt“. Mit einem einstimmigen Beschluss hat der Ausschuss das Landratsamt beauftragt, mit dem VVS ein Konzept zur Überleitung des Pilotprojekts in ein reguläres verbundweites Angebot zu prüfen.