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Infektionen

So bereitet sich Ludwigsburg auf die nächste Coronawelle vor

Masken- und Abstandsregeln sind größtenteils gefallen, in Cafés und Freibädern, bei Konzerten und Fußballspielen geht es eng zu. Auch die Schnellteststellen werden nach und nach abgebaut. Eine trügerische Ruhe? Denn die Covid-Infektionszahlen steigen, Gesundheitsminister Karl Lauterbach spricht gar von einer „Sommerwelle“, ein Infektionshoch mit der neuen Virusvariante BA.5 wird spätestens für den Herbst erwartet. Wir haben nachgefragt, ob und wie sich Stadt, Behörden und Einrichtungen vorbereiten.

Aktuell werden Tests weniger nachgefragt. Doch das kann sich bald wieder ändern. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Aktuell werden Tests weniger nachgefragt. Doch das kann sich bald wieder ändern. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Ludwigsburg.

Tagt der Krisenstab der Stadt noch?

Ja, allerdings derzeit in großen Abständen. Wie eine Sprecherin der Stadtverwaltung mitteilt, ist das nächste Treffen im Juli, dann gibt es wieder eines im September. Ab Oktober sei der Krisenstab jedoch wöchentlich terminiert. „Sollte die Lage entspannt bleiben und keine großen Schutzmaßnahmen notwendig werden, werden wir das Intervall entsprechend anpassen“, so die Sprecherin.

Wie sieht es in den Arztpraxen aus?

Derzeit sei es eher ruhig, sagt der Ludwigsburger Arzt Dr. Roland Kolepke, der damit rechnet, dass Corona im Herbst wieder eine größere Rolle spielt. Doch auch aktuell kommen Patienten mit Corona in die Praxis. „Es sind mehr, als die Statistik vermuten lässt“, so Kolepke. Aber insgesamt seien es dennoch weniger als noch im Winter. Er geht aber davon aus, dass die Zahlen in nächster Zeit wieder steigen werden.

Wie ist die Situation im Krankenhaus?

„Wir sind mehr oder weniger im Normalbetrieb“, sagt der Kliniken-Pressesprecher Alexander Tsongas angesichts einer Hospitalisierungsinzidenz von 2,2 landes- und kreisweit. Im Ludwigsburger Klinikum der Regionalen Kliniken-Holding sind derzeit 27 Covid-Patienten untergebracht, davon 24 auf Normalstation und drei auf Intensiv (nicht beatmet). Im Bietigheimer Krankenhaus sind es 15 Covid-Patienten auf Normalstation. Es gibt auch keine eigenen Covid-Stationen mehr, positive Patienten werden innerhalb der Stationen in extra Zimmern isoliert. 95 bis 98 Prozent der Mitarbeiter seien geimpft, so Tsongas. Getestet werden die Mitarbeiter mindestens zweimal die Woche, „viele machen es öfter“.

Aufmerksam wird natürlich die zuletzt steigende Kurve der Covid-Infektionen beobachtet, vor allem beim „akuten Personalmangel“, der herrsche. Kommt die neue Viruswelle, „machen wir das wie in den Wellen zuvor“ – die Maskenpflicht gilt ohnehin, hinzu kämen Isolierstationen, neue Zugangsbeschränkungen, verschobene OPs. Die Angst und Sorge der Menschen aus der Anfangszeit sei einem guten Management gewichen: „Wir haben gelernt, mit dem Virus umzugehen.“

Wird an den Teststellen noch getestet?

An der städtischen Teststelle im Ratskeller-Pavillon werden derzeit im Schnitt 100 Schnelltests am Tag gemacht. PCR-Tests sind an dieser Stelle nicht mehr möglich, da der Dienstleister KME dazu keinen Auftrag von der Kassenärztlichen Vereinigung mehr bekommen hat.

An der Teststelle am Klinikum, die von der Praxis von Dr. Roland Kolepke betrieben wird, sind PCR-Tests noch möglich. Doch auch dort ist nicht mehr viel los, berichtet Kolepke. „Die Testbereitschaft ist dramatisch gesunken“, sagt er. Am Tag würden noch 50 bis 100 Tests dort gemacht. Die Teststelle am Klinikum soll aber weiterhin betrieben werden – „solange sie gebraucht wird“, so Kolepke.

Lassen sich noch viele Menschen impfen?

Im Impfstützpunkt im Landratsamt werden aktuell pro Tag zwischen zehn und 20 Personen geimpft, so ein Sprecher der Behörde. Der größte Teil davon seien Boosterimpfungen. Nur vereinzelt würden Impfungen mit dem proteinbasierten Vakzin von Novavax durchgeführt. Ähnlich sieht es auch bei der Impfstelle im Breuningerland aus, so Dr. Roland Kolepke, der diese betreut. In seine Praxis würden viele Patienten über 70 oder Risikopatienten unaufgefordert kommen, um sich die dritte oder vierte Impfung abzuholen. „Das ist auch wirklich sinnvoll“, so der Mediziner. Diejenigen, die nicht selbstständig zu einer Auffrischungsimpfung kommen, spreche das Praxisteam aktiv an.

Könnte im Herbst wieder mehr geimpft werden?

Die Konzeption und Planung für Impfungen ab Herbst werden durch das Land vorgenommen, so ein Sprecher des Landratsamtes. Doch sollte die Behörde unterstützen müssen, könne innerhalb von wenigen Wochen ein Impfangebot aufgebaut werden, zusammen mit den Partnern des Landratsamtes.

Einer dieser Partner ist Dr. Roland Kolepke, der auch das Kreisimpfzentrum in der Ludwigsburger Weststadt medizinisch geleitet hat. „Wir stehen bereit“, sagt er. Allerdings sei es eine logistische Zumutung, einen Betrieb auf Dauer wellenartig hoch- und wieder herunterzufahren. Das koste Geld und fordere die Mitarbeiter in der Praxis. Die Kooperation mit dem Landratsamt funktioniere aber sehr gut. „Wir stehen ständig im Kontakt miteinander, um nicht unvorbereitet zu sein, wenn es wieder losgeht.“

Wie ist die Lage an Schulen und Kitas?

Von den Schulen sind der Stadtverwaltung aktuell keine verstärkten Unterrichtsausfälle aufgrund von Coronainfektionen bekannt. Auch die Schulkindbetreuung könne im gewohnten Rahmen stattfinden, so eine Sprecherin der Stadt, es gebe keine hohen Krankheitsausfälle. Allerdings könnte das nach zwei Wochen Pfingstferien ab kommender Woche anders aussehen.

Auch an den Kindertageseinrichtungen sei das Infektionsgeschehen rückläufig. Vereinzelt beeinträchtigen Ansteckungen aber den Kitabetrieb, so die Sprecherin. „In Ausnahmefällen eines gehäuften Infektionsaufkommens und Personalmangels müssen einzelne Gruppen teilweise geschlossen werden.“

Auch in den Kitas der evangelischen Kirche spielt „Corona aktuell nicht mehr die tragische Hauptrolle“, so Tobias Laufs, der bei der Kirche für die Kitas zuständig ist. Es gebe aber immer noch immer wieder Ansteckungen bei den Mitarbeitern. „Die Einschränkungen im Betrieb sind aber nicht mehr so gravierend“, so Laufs. Ab Montag, also nach den Pfingstferien, gebe es keine Maskenpflicht mehr für das Personal.

Eine Test- oder Maskenpflicht in den städtischen Kindertageseinrichtungen besteht derzeit weder für Personal noch für Kinder, so die Sprecherin der Stadt. Es werden den Mitarbeitern aber weiterhin Tests sowie Masken zur Verfügung gestellt.

Gibt es vom Land Vorbereitungen für Konzepte an den Schulen?

„Corona ist natürlich präsent“, sagt Benedikt Reinhard für das Kultusministerium. Derzeit jedoch fehle die rechtliche Grundlage, um Schutzmaßnahmen zu erlassen, so der Pressesprecher. Der Hintergrund: Im März wurde das Infektionsschutzgesetz des Bundes so novelliert, dass der Spielraum der Länder für Einschränkungen stark eingeschränkt ist. Derzeit laufen bundesweit Bemühungen, dieses wieder zu verändern. „Das Kultusministerium Baden-Württemberg hätte gerne eine gesetzliche Grundlage, um bestimmte Dinge verordnen zu können.“ Dieser Eingriff, und sei es „nur“ die Maskenpflicht, bedürfe des bundesweiten Konsenses und einer soliden Rechtsgrundlage. Es sei Aufgabe des Staatsministeriums, hier zu verhandeln.

Was wird für die Altenheime erwartet?

„Schutzlos in den Coronaherbst!“, warnt die Evangelische Heimstiftung, die in Ludwigsburg das Emilie-Räuchle-Stift in Poppenweiler und den Neckarweihinger Wittumhof betreibt. Hauptgeschäftsführer Bernhard Schneider befürchtet eine Überlastung der Einrichtungen und Pflege ohne Schutzkonzepte: „Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht.“ Die Forderung: eine starke Impfkampagne, die allgemeine Impflicht mit Impfregister und ein nachhaltiges Hygienekonzept.

Aus den Fehlern der Vergangenheit sei gelernt worden, schlägt Bernhard Wandel für die Stiftung Evangelische Altenheime einen ruhigeren Ton an. So werde es auch mit einer neuen Viruswelle keine extreme Isolation ohne Kontakt mehr geben wie in den Anfangszeiten 2020. Im Albert-Knapp-Heim, dem Gerokheim und dem Geschwister-Cluss-Heim sind laut dem Diakon alle Pflegemitarbeiter geimpft. „Wir haben schon länger keine Infektion von Bewohnern.“ Alle Bewohner sind bereits das zweite Mal geboostert worden und werden unregelmäßig getestet, alle Besucher werden am Eingang schnellgetestet – das kostenlose Angebot will er auch nach Schließung der offiziellen Stellen beibehalten.

Doch trotz aller Entspannung sorgt auch er sich wegen einer neuen Infektionswelle spätestens im Herbst. „Wir müssen konzeptionell überlegen, wie wir mit dem Virus umgehen. Das wird sich nicht so schnell erledigen.“ Mit Schneider teilt er die Kritik an der Bürokratie: Die Einrichtungen seien mit den Meldungen an das Impfregister des Robert-Koch-Instituts überfordert. „Das ist ein Fiasko. Keine Transparenz und keine Schlüsse, die man daraus zieht. Ein schlechtes Management.“ Für die eigenen Einrichtungen indes bleibt er gelassen: „Wir wissen damit umzugehen.

Was macht die Protestbewegung?

Gar keine bis wenig Restriktionen, wenig Proteste. Auf diese erfrischend simple Formel lässt sich die Frontenbildung in Coronazeiten herunterbrechen. Doch Achtung: Die Spaziergänge der Einschränkungsgegner am Montag finden – mit weniger Teilnehmern –unverdrossen weiter statt, laut Stadtverwaltung waren es in diesem Jahr bisher 24. Auch habe es in diesem Jahr 14 weitere Anmeldungen von Demonstrationen gegeben, „zumeist ‚Schilderdemos’“, so die Stadt. Immerhin schon 15 Wochen her ist der letzte Autokorso von drei im Jahr 2022 – am 5. März quälte der letzte hupende Tross die Autofahrer und Passanten in Ludwigsburg und Umgebung.

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