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Oßweil

Streit mit der Stadt um großen Baum in Ludwigsburger Wohnstraße: Schatten, Schäden und kein Fernsehempfang mehr

Eine große Esche verschattet das Haus von Marianne Bihlmaier in Oßweil. Der Baum ragt mittlerweile weit über das Dach hinaus, seit Wochen hat die alte Dame keinen Fernsehempfang mehr. Doch die Stadt bleibt hart. Der Baum darf nicht angetastet werden.

Marianne Bihlmaier mit ihrer Enkelin vor ihrem Haus in der Brandenburger Straße. Davor die Esche, die ihr Haus überragt. Foto: Ramona Theiss
Marianne Bihlmaier mit ihrer Enkelin vor ihrem Haus in der Brandenburger Straße. Davor die Esche, die ihr Haus überragt. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. Die Brandenburger Straße in Oßweil ist ein beschauliches Sträßchen. Hier stehen viele Einfamilienhäuser, ein Großteil davon ist schon älter. Wer die Straße hinabschaut, bleibt verwundert an einem Detail hängen. Es ist die riesige Esche vor dem Haus von Marianne Bihlmaier, die völlig überdimensioniert in dem Sträßchen wirkt und das Haus mittlerweile um etliche Meter überragt.

Der Baum ist so hoch, dass sein Laub die Satellitenantenne der Seniorin auf dem Dach vollkommen abschirmt. Seit dem Frühjahr hat sie keinen Fernsehempfang mehr. Dass die Blätter des Baumes dafür verantwortlich sind, hat ihr auch der Techniker eines Fernseh- und Radiofachbetriebs bestätigt. „Sobald die Blätter im Frühjahr da sind, schirmen sie alles ab und ich habe keinen Empfang“, sagt die 86-Jährige. Alle Anrufe und Bitten bei der Stadt, den Baum zurückzuschneiden, waren bisher aber vergeblich.

Wohnzimmer durchgehend dunkel

Der unterbrochene Fernsehempfang ist auch nicht das einzige Problem, das Marianne Bihlmaier mit dem Baum hat. An die vielen Säcke Laub, die sie im Herbst beseitigen muss, oder die größeren Äste, die bei Sturm in ihrem Garten landen, hat sie sich schon gewöhnt. Allerdings macht ihr der Schatten zu schaffen. Der Baum steht im Süden ihres Hauses, das vor über 100 Jahren gebaut wurde und wegen der Fachwerkkonstruktion nur kleine Fenster hat. Ihr Wohnzimmer ist daher praktisch durchgehend dunkel, selbst tagsüber muss sie manchmal das Licht anmachen.

Und wäre das alles nicht schon genug, haben die Wurzeln des Baumes auch noch ihre Abwasserrohre beschädigt. Die sind nämlich noch aus Ton. Vor einigen Jahren sind die Wurzeln der Esche dort hineingewachsen und haben die Rohre verstopft. Die Folge: eine riesige Überschwemmung im Keller von Marianne Bihlmaier. „Das Regenwasser hat bei uns reingedrückt.“ Die Spuren sieht man bis heute. In ihrem Keller hat die 86-Jährige ein Stück der Wurzel aufbewahrt. Handwerker haben es bei der Ertüchtigung der Abwasserrohre von dort herausgeschnitten. Fast 1000 Euro musste Marianne Bihlmaier für die Schäden bezahlen.

Seit dem Frühjahr kein Fernsehen mehr

Vor etwa 20 Jahren wurde die Brandenburger Straße neu angelegt und saniert. Damals sei von kleinen Straßenbäumen die Rede gewesen. „Ich verstehe nicht, warum am Ende Bäume gepflanzt wurden, die so riesengroß werden.“ Eigentlich habe sie gar keinen Baum direkt vor ihrem Haus haben wollen und die Stadt schon damals darauf hingewiesen, dass von ihrem Grundstück alte Abwasserrohre wegführen, die sehr empfindlich sind.

Am schlimmsten ist für die Seniorin aber, dass sie nicht mehr fernsehen kann und dass all ihre Bitten und Anfragen bei der Stadt in den vergangenen Jahren unerhört geblieben sind.

Von dieser Linie will die Verwaltung auch jetzt nicht abrücken. Bäume seien wichtig, um die Folgen des Klimawandels abzufedern. „Die Eschen in der Brandenburger Straße haben eine gute Vitalität. An anderen Stellen sind wir stark vom Eschentriebsterben betroffen. Zu bedenken ist, dass ein kräftiger Rückschnitt hier zu Schädigungen und Stress führt, was einen Befall begünstigt“, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung.

Stadt verweigert Rückschnitt der Krone

Ein Rückschnitt der Baumkrone würde die Gefahr von Astbrüchen erhöhen, außerdem sei das laut der städtischen Baumschutzsatzung nicht gestattet. Kurzum: „In Anbetracht einer ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit ist es nicht erwünscht, die Bäume stark und dauerhaft zurückzuschneiden.“

Die Abwasserleitungen vom Haus zur Straße seien Sache der Hauseigentümer. Die Stadt habe damit nichts zu tun. Auch habe man sich vor 20 Jahren bewusst für Eschen in der Brandenburger Straße entschieden, da diese sehr anpassungsfähig seien. Warum die Esche vor dem Haus von Frau Bihlmaier im Vergleich zu den anderen so groß geworden ist, kann die Stadt nicht sagen.

Zur Verschattung könne man nichts sagen. Die meisten Menschen seien aber froh, „dass Bäume Schatten spenden“. Gerade vor Südfassaden. Auf das Thema mit dem fehlenden Fernsehempfang reagiert die Stadtverwaltung gar nicht.

Marianne Bihlmaier muss wohl oder übel weiter mit dem Riesenbaum vor ihrem Häuschen leben – inklusive der schlaflosen Nächte, die er ihr mittlerweile bereitet.

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