Logo

Nahverkehr

Streit um neue S-Bahn-Lotsen

Die Signaltechnik ETCS hat das Zeug dazu, die S-Bahnen auf der Stuttgarter Stammstrecke wieder pünktlicher fahren zu lassen. Das Problem: Die elektronischen Lotsen kosten rund 60 Millionen Euro. Wer soll das bezahlen?

350_0900_15475_COKR87946634.jpg
Foto: Daniel Maurer/dpa

Ludwigsburg. Im Simulator des Bahntechnik-Herstellers Thales in Ditzingen scheint immer die Sonne. Mit einem Hebel lassen sich die Züge hier beschleunigen und bremsen. Streckensignale sind nicht mehr nötig, die Fahrzeuge bekommen Befehle über Mobilfunk aus einer Zentrale. Im Gleisbett liegen elektronische Kilometersteine, die die Züge orten. Die Lösung, die Thales anbietet, heißt ETCS, sie steht für European Train Control System und sollte eigentlich dafür sorgen, Europas Weg zur Einheit auf der Schiene zu vollenden. Eine Zulassung für den Nahverkehr gibt es derzeit nicht.

Der Stuttgarter Regionalverband findet jedoch, dass es höchste Eisenbahn ist, das Zugbeeinflussungssystem auf der überlasteten Stammstrecke zwischen dem Hauptbahnhof und der Schwabstraße einzuführen, auf der auch alle drei S-Bahn-Linien des Kreises unterwegs sind. Gestern hat der Verkehrsausschuss für eine rund eine Million Euro teure Machbarkeitsstudie gestimmt, die die technischen Anforderungen klären und den Kosten- und Zeitrahmen definieren soll.

Leicht ist das dem Gremium nicht gefallen. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn: „Die Studie und die Einführung von ETCS muss die Bahn alleine finanzieren, das sind keine regionalen Aufgaben.“ Sein Argument: Die Region habe bei der DB pünktliche S-Bahnen bestellt, die Realität sehe seit Jahren anders aus. In Vorgesprächen haben sich die Partner Regionalverband, Bahn und Landesregierung allerdings verabredet, jeweils ein Drittel der Kosten für die Expertise zu zahlen, also etwa 330 000 Euro.

Kuhn befürchtet nun, dass es bei einem positiven Ergebnis keinen Hebel gibt, die Bahn zur ETCS-Umsetzung, die mit rund 60 Millionen Euro zu Buche schlagen würde, zu verpflichten. Er sagt: „Das Vorgehen zeigt unsere strategische Hilflosigkeit.“

Der Stuttgarter OB erntete gestern „große Sympathien“ für seine Position, wie der verkehrspolitische Sprecher der CDU, Rainer Ganske, sagte. Seine Fraktion stimmte dennoch für die Studie. „Wir wollen die neue Technik jetzt auf die Schiene bringen.“ Die Freien Wähler gingen laut Bernhard Maier „zähneknirschend und mit der Faust in der Tasche“ mit. Die SPD will auch von der Landesregierung hören, was ihr der elektronische Lotse wert ist. Thomas Leipnitz: „Das Kabinett hat zum Ausdruck gebracht, ETCS fördern zu wollen.“

Schließlich stimmten auch Kuhns Grüne für die Machbarkeitsstudie. Vorher hatte sich der Verkehrsausschuss auf ein klares Signal an die Bahn verständigt: An den Kosten für die Einführung der neuen S-Bahn-Signaltechnik beteiligt sich die Region nicht.