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Suche nach dem Radweg geht von vorne los

Alles auf Anfang: Angesichts horrender Kosten ist die Stadt aus der Sanierung der Eisenbahnüberführung in der August-Bebel-Straße ausgestiegen, jetzt geht die Deutche Bahn alleine ran – ohne Verbreiterung und damit ohne zweiten Radweg. Weil die Deutsche Bahn ohnehin keine Anstalten macht, die enge Nachbarbrücke ebenfalls anzupacken, geht die Suche nach Alternativen wieder los.

Stückwerk: Der Radweg an der August-Bebel-Straße. Ab 2022 wird die vordere DB-Brücke saniert, die hintere bleibt, wie sie ist. Archivfoto: Janina Rodeit
Stückwerk: Der Radweg an der August-Bebel-Straße. Ab 2022 wird die vordere DB-Brücke saniert, die hintere bleibt, wie sie ist. Foto: Janina Rodeit

Ludwigsburg. Es wäre im wahrsten Sinne des Wortes der Durchbruch gewesen: Die Deutsche Bahn (DB) saniert mit der DB Netz AG ihre Eisenbahnüberführung in der August-Bebel-Straße, verbreitert damit die Fahrbahn inklusive Bürgersteig, und die Stadt kann endlich den dringend benötigten zweiten Radweg in Richtung Eglosheim anlegen. Doch ständig steigende Kosten bewogen Ludwigsburg zum Ausstieg aus den Planungen, jetzt zieht die Deutsche Bahn das Vorhaben alleine durch – ohne Verbreiterung der Straße. Es wäre ohnehin ein Vabanquespiel gewesen: Die DB macht keine Anstalten, die ebenfalls enge Nachbarbrücke anzupacken. Die führt die ehemalige Bahnstrecke nach Markgröningen, die heute bei der Firma Lotter endet. Dieses Risiko spielte im ersten Beschluss keine Rolle – man wollte sich nicht die nächsten 100 Jahre, die Lebenszeit einer Brücke, verbauen.

„Die lichte Weite des Bauwerks entspricht im Endzustand 13,15 Meter“, heißt es nüchtern im nun begonnenen Planfeststellungsverfahren des Regierungspräsidiums (RP) für die S-Bahn-Brücke. Mehr wird es nicht geben. „Das ist genau die jetzige Breite“, sagt Bürgermeister Michael Ilk. Als Baubürgermeister war er 2016 ganz vorne mit dabei, als die Deutsche Bahn ankündigte, die Brücke zu sanieren. Auf 18,5 Meter wäre die Asphaltdecke verbreitert worden – genug Platz für einen zweiten Radweg auf östlicher Seite der Straße, um auch die Radler vom Westen her sicher in Richtung Eglosheim zu bringen. Bisher wird der einspurige Radweg auf westlicher Seite in beiden Richtungen benutzt – die „Geisterfahrer“ bringen sich damit in große Gefahr, insbesondere an der Einmündung Kurfürstenstraße/Talallee.

Und obwohl schon damals klar war, dass die Stadt ihren Geduldsfaden in viele Schleifen würde winden müssen, stimmte der Gemeinderat im September 2016 einstimmig dafür, bei Gesamtkosten von 6,2 Millionen Euro städtische 3,7 Millionen Euro in die ungewisse Zukunft zu investieren (wir berichteten).

Rund ein Jahr später dann die Kehrtwende: Bei neu geschätzten Gesamtkosten von 8,62 Millionen Euro wurde der städtische Anteil auf happige 7,6 Millionen Euro erhöht. Das ist nicht nur teurer, sondern auch deutlich mehr als die 60 Prozent Anteil, die zuvor galten. Zu viel, sagt Bürgermeister Ilk. „Das macht keinen Sinn. Wir hätten über sieben Millionen Euro für 30 Meter Radweg ausgegeben, dessen zweite Hälfte ungewiss ist.“

Mit dem sogenannten Eisenbahnkreuzungsgesetz sind Kommunen bei DB-Projekten gezwungen, den größeren Teil der Kosten zu übernehmen, wenn sie Änderungswünsche haben. Von jeher ein umstrittenes Recht, so Ilk: „Das benachteiligt die Kommunen und bevorzugt die Bahn.“ Dass sich die Bahn im Gegenzug wenig kooperativ zeigt, wenn es um die Sanierung oder Verbesserung ihrer Bahnunterführungen geht, ist ein offenes Geheimnis. Nicht zuletzt sorgt auch die DB mit ihrer Weigerung, die Bahnsteige zu erhöhen, dafür, dass Ludwigsburg in der Skandalliste der nicht barrierefreien Bahnhöfe ganz oben zu finden ist.

Jetzt geht die DB ins Planfeststellungsverfahren, der Bau selbst soll 2020/21 stattfinden – ohne jede Beteiligung der Stadt. Und damit fängt die Diskussion von vorne an. Mit habhaften Ausmaßen. Ilk bringt eine ganz neue Variante ins Spiel: Die Stadt bohrt einen eigenen Tunnel durch die Böschung östlich der bestehenden zwei Brücken. Damit würde der Radverkehr und auch der Fußgängerverkehr von der August-Bebel-Straße über eine abzweigende Sackgasse unter den Bahnlinien auf die Kurfürstenstraße geführt. Der Vorteil: Die Gesamtkosten wären deutlich niedriger, und ein Großteil des Geländes gehört der Stadt. Wird der Durchstich mehr in Richtung Südosten verlegt, muss zudem nur ein Gleisstrang unterquert werden. Allerdings mit Einschränkungen: Für den Durchbruch unter den Gleisen „müssen wir die Deutsche Bahn um Erlaubnis fragen“, sagt Ilk. Hier würden erneut harte Verhandlungen bevorstehen.

Ähnlich hart wird in Ludwigsburg seit Jahren über die Radstrecken diskutiert. Mit dem Alleingang der Bahn ist die umstrittene Radroute 3a mit Radwegen in der Kurfürstenstraße inklusive Tempo 30 und dem Wegfall von Parkplätzen de facto nur noch Stückwerk und damit eigentlich obsolet. Dafür ist jetzt auch wieder die Radroute 3b im Gespräch, die schon 2012 von der Stadt geprüft wurde und im Sommer 2017 von den Freien Wählern im Verbund mit der CDU aus der Schublade geholt wurde (wir berichteten). Mit der Absage an die Bahn versprach die Stadt, die Variante erneut zu prüfen.

Die Route 3b führt über die Reuteallee in die Bismarckstraße, die ohnehin sanierungsbedürftig ist. Für die Anbindung zur Kurfürstenstraße müssten die Gleise mit einer verschwenkten Brücke gequert werden. Vor sieben Jahren hatte die Verwaltung dafür 4,7 Millionen Euro aufgerufen. Damit wäre ein weiteres Problem gelöst: Die geplante Stadtbahnhaltestelle am Bildungszentrum West wäre von beiden Seiten der Gleise zu erreichen und verbände die Quartiere. Bisher gibt es dafür nur die stauintensive Asperger Straße. Die Variante 3b hatte allerdings Proteste von Anwohnern in der Bismarckstraße generiert – für den einseitigen Radweg müssten auf einer Seite Parkplätze wegfallen. Und: Um die Querung wahr werden zu lassen, müssten die Gestaltung von Innenstadt (Ziel) und Bahnhof geklärt sein. Auch hier wird jedoch munter seit langem diskutiert.

Radwegplanung liegt mangels

Experten erst mal wieder auf Eis

Stadträte jeder Couleur mahnen seit Jahren, das Radwegekonzept voranzutreiben. Verwirklicht ist bisher allein der Radweg Marbacher Straße. Die sichere Radwegverbindung zwischen Eglosheim und Weststadt hingegen wird noch lange auf sich warten lassen. Denn es gibt ein weiteres, gravierendes Problem: Die Stelle des Radwegeplaners ist laut Michael Ilk vakant. Und: Mit dem Sofortprogramm Saubere Luft und der digitalgestützten Mobilitätskampagne befindet sich die Stadt derzeit in einem Wirbel aus Förderprogrammen und Vorhaben. Das bindet viele Kapazitäten. Von Vorantreiben kann also keine Rede sein. „Wir müssen die Stelle erst wieder besetzen.“

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