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Bombenverdacht

Südstadt bereitet sich auf Evakuierung vor

Ein metallener Gegenstand im Boden am Holzheizkraftwerk hat die größte Evakuierungsaktion in Ludwigsburgs neuester Geschichte ausgelöst. Ob es am Samstag überhaupt dazu kommt, werden Grabungen am Freitag zeigen. Da ist auch der Kampfmittelexperte dabei – der die bisherigen Messdaten nochnicht zur Bombeinterpretiert.

Verdacht eines Kampfmittelfundes – mögliche Evakuierung: In mehreren Sprachen wurde diese Warnung an jedes Haus im betroffenen 500-Meter-Umkreis gehängt.Foto: Janna Werner
Verdacht eines Kampfmittelfundes – mögliche Evakuierung: In mehreren Sprachen wurde diese Warnung an jedes Haus im betroffenen 500-Meter-Umkreis gehängt. Foto: Janna Werner

Ludwigsburg. Bisher ist nur eins sicher: Direkt neben dem Holzheizkraftwerk, wo ein 21 Meter hoher Solarspeicher entstehen soll, liegt in sechs Meter Tiefe ein Gegenstand aus Metall. Dies ergaben Bohrungen mit Magnetsonden durch eine von der Stadt beauftragte Kampfmittelräumfirma. Daraus ergeben sich Sinuskurven, die Ausschluss geben über die Form des Gegenstands. Erst vor kurzem hatte Mathias Peterle Zugang zu den Bohrdiagrammen der Kampfmittelräumfirma und sagt: „So eine Kurve habe ich noch nie im Zusammenhang mit Kampfmitteln gesehen.“

Schlossbesuch und Kaffeetrinken

Die Südstadt ist nicht allein: Für den möglichen Evakuierungssamstag am 12. Januar bietet das Schloss ab 10 Uhr freien Eintritt für alle Schlossmuseen an – auch wenn es keine Bombe geben sollte. Die Schlosswache bietet an dem Tag einen verbilligten Mittagstisch mit Pasta Bolognese an.

Der Keller der Friedenskirche am Karlsplatz wird ab 8 Uhr geöffnet, Kaffee und Tee wird ausgeschenkt. In den Beruflichen Schulen am Römerhügel gibt es ein Notquartier. Der Verein Tierrettung Unterland bietet Hilfe beim Transport von Tieren an: Telefon (07132) 8599719 oder E-Mail an evac@tierrettung-unterland.de. Die LVL wird mit ihren Bussen voraussichtlich an der Bärenwiese zwischengeparkt, die ehemalige RBS zieht nach Remseck ins Industriegebiet. Es fahren keine Züge mehr von und nach Stuttgart. Auch der kommunale Busverkehr ist massiv eingeschränkt, weil der ZOB teils im Evakuierungsgebiet liegt.

Mit Klarheit über Bombe oder Badewanne ist am frühen Freitagnachmittag zu rechnen. Ab dem Tag gibt es einen Newsticker unter www.ludwigsburg.de sowie in der NINA-App des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe für Smartphones. Die LKZ berichtet unter www.lkz.de. (ja)

info: Wie verbringen die Bewohner der Sperrzone den Samstag? Sind Ausflüge geplant, gibt es Übernachtungsangebote, Besuche bei Verwandten, wie fühlen Sie sich? Schreiben Sie uns unter stadtredaktion@lkz.de!

Die Sinuskurve bildet sozusagen den Gegenstand ab, der sich unter der Erde findet. Peterle hat nach 16 Jahren beim Kampfmittelbeseitigungsdienst beim Regierungspräsidium Stuttgart viel Erfahrung mit den Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg, seit 2014 hat er an die 30 Bomben entschärft. Derzeit passten die Maße von 70 auf 20 Zentimeter durchaus zu einer 50-Kilo-Sprengbombe, doch der Experte hat seine Zweifel: „Die Kurven müssten gleichartiger sein. Das passt alles nicht hundertprozentig zusammen.“ Es könne natürlich auch ein Messfehler sein und doch eine Bombe, die mit 500 Kilo weitaus größer sei als bekannt, sagt Peterle, oder ein ganz anderer Metallgegenstand, Genaueres wisse man erst am Freitag, wenn die Firma den Gegenstand freigelegt habe.

Entwarnung oder Evakuierung? Am Freitag herrscht Gewissheit

Der 39-Jährige wird Beobachter sein, wenn am Schluss Handarbeit gefragt ist. Die Vorsicht sei völlig richtig, betont er, wie auch die Evakuierung. Bei jeder Baumaßnahme mit Eingriff ins Erdreich in gewisser Tiefe muss geprüft werden, ob es einen Blindgänger im Boden gibt. Das Regierungspräsidium habe auch in Ludwigsburg schon einige Standorte ausgewertet, wenn auch nicht im Fall der Fläche am Holzheizkraftwerk. „Wir haben Luftbilder von den Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg mit Trichtern, möglichen Blindgängern oder Laufgräben“, so Peterle, daraus würden entsprechende Karten rekonstruiert.

Die heftigsten Bombenschäden gab es von 1943 bis 1945 in der Garnisonsstadt Ludwigsburg in der Südstadt und der Bahnlinienumgebung sowie in der Weststadt. Im westlichen Teil der Bahnlinie, wo heute das Holzheizkraftwerk, Busunternehmen und ein Autohaus stehen, war von 1916 der Güterbahnhof untergebracht, der 1998 von dem neuen Güter-Terminal in Kornwestheim abgelöst wurde. Im Krieg diente er natürlich auch zum Transport von Militärgütern.

Vier schwere Bombeneinschläge listet Wolfgang Läpple in seinem Werk „Schwäbisches Potsdam“ für die Eisenbahnstraße auf, ein Luftbild der Alliierten zeigt die Auswirkungen des schwersten Luftangriffes im Zweiten Weltkrieg auf Ludwigsburg am 16. Dezember 1944. Zu sehen sind zahlreiche Brandherde im Carré Friedrich-, Elmar-Doch-, Stuttgarter Straße und Solitudeallee.

Private Kampfmittelräumdienste sondieren bei Blindgänger-Verdacht, Peterle und sein drei- bis vierköpfiges Team kommen mit ihrem Kampfmittelbeseitigungsdienst „nur“ zur Entschärfung und Beseitigung. Dabei trägt er wie seine Kollegen keine Schutzanzüge. „Die behindern nur.“ Bei einer Detonation schon von einer 50-Kilo-Bombe explodierten an die 25 Kilo TNT-Gemisch. Da hätte ein Mensch bei einer Druckwelle von 8000 Metern in der Sekunde sowie Splittern auch mit schwerem Schutzanzug keine Chance. „Wir befinden uns unmittelbar daneben.“ Die letzten Todesfälle habe es aber Anfang der Sechziger gegeben.

In der Zeit der Entschärfung sind Peterle und sein Team die einzigen Menschen im Sperrradius. Der richtet sich nach dem Gewicht der Bombe: 300 Meter bei 50 Kilo, 500 Meter bei 500 Kilo. Mathias Peterle hat Erfahrung: „Wir gehen keine unnötigen Risiken ein.“ Sollte es sich unerwarteterweise nicht um einen mechanischen Zünder oder eine Bombe handeln, die nicht entschärft werden kann, würde notfalls kontrolliert gesprengt. „Das kam aber das letzte Mal vor 14 Jahren vor.“ Insgesamt nimmt die Arbeit der Feuerwerker und Bombenentschärfer nicht ab. Laut Peterle sind es jährlich an die 15 Kampfmittel, die im Land gefunden werden. „Wir schätzen, das beschäftigt uns noch die nächsten 50 Jahre.“

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