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Ludwigsburger Stadtteile-Projekt
Unterm Banner der Utopie: Bürgertheater in Alt-Hoheneck

Idyllische Situation in Alt-Hoheneck: Das Bürgertheater hat sich häuslich eingerichtet. Fotos: Holm Wolschendorf
Idyllische Situation in Alt-Hoheneck: Das Bürgertheater hat sich häuslich eingerichtet. Fotos: Holm Wolschendorf
Axel Brauch und Ronja Schweikert in Aktion. Fotos: Holm Wolschendorf
Axel Brauch und Ronja Schweikert in Aktion. Fotos: Holm Wolschendorf
Bis zum Wochenende erkundet das Bürgertheater-Projekt „L’Utopia“ Hohenecks alten Ortskern am Neckar – auch der Fluss selbst wird bespielt. Riesenbeifall gibt es für einen mutigen Spontanauftritt.

Ludwigsburg. Ein bunter Abend unter dem Banner der Utopie bescherte der Aktionswoche des Bürgertheaters in Hoheneck einen Auftakt nach Maß. Lesungen, Musik, Interviews und Gespräche sorgten bei hochsommerlichen Temperaturen für gute Laune und gaben manche Anregung für weiterführende Ideen und Gedanken. „Der Ort meint es gut mit uns“, sagt Bürgertheater-Regisseur Axel Brauch auf der kleinen Bühne aus Europaletten, die gegenüber dem Dorfbrunnen im alten Ortskern am Neckar einen Platz gefunden hat. Dessen Stufen haben sich mittels selbstgewirkter Sitzkissen und Palettenmöbel, beides zuvor in Workshops vor Ort entstanden, in ein kleines Amphitheater verwandelt. Das „Café der Utopist*innen“ (unter anderem im September 2021 bereits in Neckarweihingen zu Gast), der mit dem bunt-diversen „L’Utopia“-Schriftbildlogo gebrandete Kiosk des Projekts, passt gerade so auf ein oberhalb des Brunnens gelegenes Plateau. Die Situation im Alt-Hoheneck genannten Siedlungsgebiet des Stadtteils wirkt idyllisch, die städtebaulichen Verhältnisse zeugen vom mittelalterlichen Ursprung des ehemaligen Dorfs.

Gefasst von historischen Gebäuden, wirkt das Camp der Utopisten hier perfekt eingebettet. Ganz im Gegensatz zum Berliner Platz etwa, einer der letzten Stationen des Bürgertheaters, verfügt dieser Ort über ein großes Maß an Aufenthaltsqualitäten: Das Antiquariat von Heiner Beutler lädt bereits seit Jahrzehnten mit seinen Außenregalen zum Stöbern und Lesen ein, an Wochenenden zwingen die langen Bücherreihen Scharen von Radfahrern zum Absteigen. Daran, dass dies auch ein Ort der Literatur ist, an dem „unendlich viele Geschichten“ geschrieben stehen, knüpft ein „Spaziergang auf den Spuren des Lesens“ mit Brauch und der Schauspielerin Ronja Schweikert am Freitagabend an.

Untere Gasse ist temporär für Verkehr gesperrt

Auch das gegenüberliegende Gasthaus Krone Alt-Hoheneck lockt Gäste aus der gesamten Region an, seit Markus Fetzer 2014 hier die Leitung übernommen hat. Wie Stephan Dyballa, der als 2. Vorsitzende der Bürgervereinigung Hoheneck neben dem Krone-Wirt auf dem Podium Platz genommen hat, spricht Fetzer von einen „tollen Ort mit toller Nachbarschaft“. Jeden Tag „ehrliche Gastronomie“ anzubieten, darin sehe er seinen Auftrag. Welche Visionen er für die Zukunft habe? Sein Ziel sei die faire Behandlung aller – vom Gast über die Mitarbeiter bis zu Lieferanten und Erzeugern. Nur zufällig sind Vincent und seine Schwester Amanda aus der Unteren Gasse auf die Aktionswoche aufmerksam geworden. Zwar gebe es viele Kinder in der Nachbarschaft, aber auch „viel Erwachsenenzeug“, meinte Vincent und sprach sich für nähergelegene und bessere Spielmöglichkeiten aus.

Brauch und Schweikert stellten mit einigen Texten grundsätzliche Überlegungen zur Utopie und deren Verknüpfung mit der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, in den Raum. Als konkrete, auf Zeit verwirklichte Utopie hingegen muss die sensationelle Tatsache gelten, dass es gelungen ist, für die Aktionswoche rund 25 Meter der Unteren Gasse für den motorisierten Verkehr temporär zu sperren. Seitens der Anwohnerschaft habe sie bislang keinen Gegenwind erfahren, berichtete Projektleiterin Bettina Gonsiorek im Gespräch mit unserer Zeitung, lässt aber auch anklingen, dass der Genehmigungsprozess kein einfacher gewesen sei.

Freundesclique von der Bärenwiese

Mit „Utopia“, „Wie er wolle geküsset seyn“ mit einem Text von Paul Fleming (1609– 1640) und „Cinema“ (nach Else Lasker-Schüler) stellte Brauch drei Synthiepop-Stücke aus eigener Feder vor, zwei davon im Duett mit Schweikert. Ein voller Erfolg auch die offene Bühne im Anschluss: Eberhard Klöpfer (Gitarre), André Stängler (Perkussion) und Werner Heitzmann (Gesang) entstammen einer Freundesclique, die seit einer halben Ewigkeit alle zwei Wochen auf der Bärenwiese musiziert. In Hoheneck unterhielten sie als Bärenwiese West & Guests die Anwesenden mit Hits der Beatles, Kinks und Rolling Stones. Lilian Balmberger vom Bürgertheater-Team glänzte mit „Fly, Fly away“ aus dem Musical „Catch Me If You Can“ und „A New Life“ aus „Jekyll & Hyde“. Der zehnjährige Theo Matysik hatte rasch seinen Kontrabass von zuhause geholt: Riesenbeifall für den mutigen Spontanauftritt mit „He’s A Pirate“ aus „Fluch der Karibik“.

Info: Das ganze Programm findet sich unter www.buergertheaterlb.de.