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Flüchtlinge
Viele Fragezeichen im neuen Alltag: So sieht der Alltag von geflüchteten Ukrainern in einem Ludwigsburger Hotel aus

Die 13-jährige Maria verfolgt den Unterricht in der Heimat auf dem Hotelbett sitzend, ihre 9-jährige Cousine Vira sitzt neben der Dusche auf einem Hocker und nimmt ebenfalls am digitalen Unterricht ihrer Klasse teil. Trotz der ungünstigen Bedingungen
Die 13-jährige Maria verfolgt den Unterricht in der Heimat auf dem Hotelbett sitzend, ihre 9-jährige Cousine Vira sitzt neben der Dusche auf einem Hocker und nimmt ebenfalls am digitalen Unterricht ihrer Klasse teil. Trotz der ungünstigen Bedingungen
•Die Kinder haben wenig Entfaltungsmöglichkeiten – aber wenigstens genug Spielsachen. Foto: Ramona Theiss
•Die Kinder haben wenig Entfaltungsmöglichkeiten – aber wenigstens genug Spielsachen. Foto: Ramona Theiss
•Ksenia bereitet den Kindern in einem provisorisch eingerichteten Raum etwas zu Essen zu. Foto: Ramona Theiss
•Ksenia bereitet den Kindern in einem provisorisch eingerichteten Raum etwas zu Essen zu. Foto: Ramona Theiss
Sie haben ihre Wohnungen zurückgelassen, sich unter Tränen von ihren Vätern und Männern verabschiedet, sind der Hölle von Mariupol entkommen: Rund 60 Menschen aus der Ukraine sind im Ibis Budget Hotel am Bahnhof untergekommen. Wie meistern sie den Alltag fern der Heimat? Ein Besuch.

Ludwigsburg. Wenn Tetyana Bytniewski das Hotel betritt, bleibt sie nicht lange allein. Die gebürtige Ukrainerin besucht eigentlich ihre Freundin Tenya, bringt ihr und ihrer Familie die frisch gewaschene Wäsche mit und organisiert, was sonst benötigt wird. Dabei prasseln von allen Seiten Fragen auf sie ein, werden ihr von fremden Menschen Dokumente gereicht – fragende Blicke, Schulterzucken, wohin sie kommt. Die Geflüchteten aus der Ukraine kennen sie nicht, aber viele setzen Hoffnung in die hübsche blonde Frau, die ihre Sorgen kennt und dabei so gut Deutsch spricht. Denn Deutsch versteht hier niemand, die wenigsten können ein bisschen Englisch. Dabei gibt es so viele Fragen.

Die wichtigsten betreffen die ganz elementaren Dinge des täglichen Lebens, zum Beispiel das Essen. So ist die Unterbringung mit Frühstück von den Behörden organisiert, das Mittagessen beispielsweise über die Ostertage wurde schlicht vergessen. Doch in den Zimmern gibt es keine Küche, keinen Wasserkocher. Die Flüchtlinge sind inzwischen fast ohne eigenes Geld in Ludwigsburg, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz müssen beantragt werden. Einige erzählen, dass sie seit Wochen noch keinen Euro erhalten haben. Und das eigene Geld ist bei den deutschen Preisen schnell aufgebraucht.

An den Wochenenden kümmern sich freiwillige Helfer um das Essen

Wo gibt es ein günstiges Mittagessen? Inzwischen können die Geflüchteten unter der Woche mit Essensmarken auf der Karlshöhe mittagessen. Auch das Angebot der Suppenküche, die vor einigen Tagen auf dem Rathausplatz Station gemacht hat, wurde von den Ukrainern aus dem Hotel gerne angenommen. Doch die Wochenenden waren zuletzt immer wieder eine Herausforderung. Freiwillige Helfer wie Tetyana Bytniewski und ihr Mann Lukas haben sich um die Essensversorgung gekümmert.

Über private Kontakte hat auch Gregor Thomas von den Nöten der Flüchtlinge an den Wochenenden erfahren. DQuadrat Living ist die Hotelbetreibergesellschaft, Gregor Thomas der Geschäftsführer der Muttergesellschaft. Inzwischen hat die Firma auf eigene Initiative in einem Nachbargebäude einen Aufenthaltsraum zur Verfügung gestellt, in dem eine Küche ist und wo auch die Kinder spielen können. Im Hotel wurden in einem kleinen Wirtschaftsraum zwei kleine Kochplatten und zwei Kühlschränke aufgestellt. Es sind scheinbar nur Kleinigkeiten, die für die Menschen aber eine große Bedeutung haben.

Auf den anderen Gängen läuft der Hotelbetrieb normal weiter

„Das ist keine Dauerlösung“, sagt Gregor Thomas über die Unterbringung der Flüchtlinge im Hotel. Ursprünglich sei das Hotel vor allem für die kurzfristige Unterbringung ankommender Flüchtlinge gedacht gewesen, ein sicherer Hafen, nicht mehr, nicht weniger. Die Dreibettzimmer messen rund 15 Quadratmeter, Schränke gibt es nicht. Die Zimmer sind grundsätzlich nicht für einen Daueraufenthalt rund um die Uhr ausgelegt. Jetzt müssen sie es sein, während auf den anderen Gängen der Hotelbetrieb mit anderen Gästen normal weiterläuft.

Lesen Sie hier: Der Krauthof in Hoheneck wird zur Unterkunft für Ukrainer

„Ich versuche, die Kinder so viel wie möglich rauszubringen“, erzählt Tenya. Sie ist mit den drei und elfjährigen Söhnen, ihrer neunjährigen Tochter, der Schwiegermutter und ihrer 13-jährigen Nichte im April aus Mariupol nach Deutschland gekommen – mit der Hilfe ihrer Freunde Lukas und Tetyana. Auf ihren Schultern lastet viel Verantwortung. Die Wohnung in Mariupol ist zerstört. Lange hat sie auf ein Lebenszeichen ihrer Eltern warten müssen, die noch in der Stadt ausharren. „Mein Vater hat alle Nachbarn beerdigt“, erzählt sie. Auch ihr Mann ist noch in der Ukraine, wird wegen seiner beruflichen Tätigkeit offenbar von den Russen gesucht. Tenya hat in ihrer Heimat als Verhaltenspsychologin gearbeitet, ihr Sohn Peter ist Autist. In Deutschland an seine sehr wichtigen, starken und verschreibungspflichtigen Medikamente zu kommen, war eine der ersten großen Hürden, die sie genommen hat. Geholfen hat ihre Freundin. „Was ist mit den Menschen, die keine Betreuung haben?“, fragt sich Tetyana Bytnewski. Sie selbst hat seit dem Kriegsbeginn in ihrer Heimat keine ruhige Minute mehr. Hat große Hilfslieferungen organisiert, kümmert sich in Ludwigsburg und Schwieberdingen um Ukrainer.

Online-Unterricht zwischen Dusche und Waschbecken

In einem der Zimmer im ersten Stock sind die Schülerinnen Maria und Vira fleißig. Maria sitzt auf dem Bett, verfolgt den Unterricht ihrer ukrainischen Lehrerin. Auf der anderen Seite vom Vorhang sitzt Vira auf einem Hocker vor dem Laptop, zwischen Dusche und Waschbecken. In den anderen Zimmern hängen nasse Socken und Unterwäsche an Haken und über Hockern. Eine Waschmaschine gibt es nicht im Haus, das Nötigste waschen die Frauen in den Handwaschbecken durch. Wer Glück hat, findet freiwillige Helfer, die ihre Wäsche waschen. Manche haben Geld zurückgelegt und suchen einen Waschsalon auf. „Ich kann nicht für alle waschen“, sagt Tetyana Bytnewski entschuldigend. Immer wieder sind es private Kontakte, Initiativen von Freiwilligen, die die Situation der Geflüchteten stark verbessern. Dankbar wurde auch das Angebot von Drapalla Haarmoden angenommen, die Haare zu schneiden.

Blick auf den Krieg ist individuell

Iras Tochter ist vier Jahre alt und will Fußball spielen. „Ist es schwierig, einen Kindergartenplatz zu finden?“, die Antwort gefällt ihr nicht. „Wo gibt es Deutschkurse?“, will Swetlana wissen. „Ich will arbeiten.“ In der Heimat war sie im Lebensmittelhandel tätig. Viktor ist Lokführer, würde lieber heute als Morgen zurück auf die Schiene. Weil er drei minderjährige Kinder hat, durfte er ausreisen. Er wollte nicht kämpfen, sondern seine Frau und die Kinder beschützen.

Auch Tenyas Mann hat drei minderjährige Kinder, er ist geblieben. Sie sind alle ukrainische Flüchtlinge, aber sie haben ihre eigene Geschichte, auch ihr Blick auf den Krieg ist individuell. Nicht auf alle Fragen der Menschen gibt es eine Antwort. Ihre Vergangenheit fand in der Ukraine statt, ihre Gegenwart ist das Hotel am Bahnhof. Und ihre Zukunft? Wollen sie bleiben, wollen sie in die Heimat zurück? Ludmilla hat Verwandte in Deutschland, zu bleiben ist für sie wahrscheinlicher als zu gehen. Und die anderen? Sie zucken mit den Schultern, ihr Blick ist müde. „Wer weiß, was die Zukunft bringt.“