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Bildung

Was wird jetzt aus den Sommerferien?

Eltern von schulpflichtigen Kindern sind verunsichert. Nicht nur, dass sie nicht genau wissen, wann und in welcher Form es mit dem Unterricht für ihr Kind weitergehen wird, nun diskutiert die Politik auch über eine Verkürzung der Sommerferien. Fällt womöglich der Familienurlaub flach?

Wolfgang Schäuble hat eine Verkürzung der Sommerferien ins Spiel gebracht. Foto: dpa
Wolfgang Schäuble hat eine Verkürzung der Sommerferien ins Spiel gebracht. Foto: dpa

Ludwigsburg. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat die Diskussion ins Rollen gebracht. Er sieht in der Verkürzung der Sommerferien die Möglichkeit, Lernstoff nachzuholen, der in der Corona-Zeit nicht vermittelt werden konnte. Außerdem sei ja ohnehin fraglich, ob und wie man im Sommer verreisen könne.

Zwischenzeitlich sieht es so aus, als könne zumindest dem Urlaub in Deutschland nichts im Wege stehen, und Eltern rechnen damit, den lange im Voraus mit Arbeitgeber und Kollegen abgestimmten Urlaub antreten zu können.

Die Position von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ist eindeutig: Sie lehnt eine Verkürzung der Sommerferien ab und verweist auf die Tourismusbranche, die dringend auf Urlaubsgäste angewiesen sei. Außerdem würde ein solcher Schritt auch die privaten Pläne von Familien und Lehrern torpedieren.

Doch einmal laut ausgesprochen, lässt sich die Idee von der Sommerferienverkürzung so schwer unterdrücken wie ein Sommer-Waldbrand in Südeuropa. Im Saarland wird aktuell über freiwillige Vorbereitungskurse in den Ferien diskutiert.

Doro Moritz, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg, erteilt dem Vorschlag Schäubles eine klare Absage: „Wir halten nichts davon, die Sommerferien zu verkürzen. Der jetzt versäumte Lernstoff muss aufgeholt werden. Aber dafür müssen wir uns im nächsten Schuljahr Zeit nehmen“, sagt sie unserer Zeitung.

Wolfgang Medinger sieht das differenzierter. Er ist Schulleiter am Ludwigsburger Goethe-Gymnasium und bereits seit 40 Jahren im Schuldienst. Er hofft, dass die Schulen bald wieder für alle Schüler öffnen können. „Es ist nicht gut, wenn Kinder und Jugendliche so lange dem sozialen Geschehen entzogen werden.“ Wenn die Schule bald wieder begänne, könnte man auch die bislang geltenden Versetzungsregeln einhalten.

Doch da ist Kultusministerin Eisenmann schon vorgeprescht: Alle Schüler werden versetzt. Medinger hält das für keine gute Lösung. „Dann haben wir ein Problem, das sich ins nächste Schuljahr einschiebt.“ Dann sei die Zahl der Wackelkandidaten im kommenden Schuljahr noch höher. Außerdem würden sich nach dieser Ankündigung „entsprechende Kandidaten entspannen“, das sei „gar nicht gut“.

Der Goethe-Schulleiter würde sich vielmehr ein anderes Modell wünschen, um Lernstoff nachzuholen und um die Schüler fit zu machen für das folgende Schuljahr. Medinger denkt an eine Sommerschule, wie er es von seinen Auslandsjahren in Spanien und Argentinien kennt. „Schülern, bei denen sich abzeichnet, dass sie unter normalen Bedingungen nicht versetzt werden würden, könnte man ein Angebot machen, um den Unterrichtsstoff aufzuholen.“ Beispielsweise zum Beginn und zum Ende der Ferien eine einwöchige Lerneinheit mit Test, der dann über eine Versetzung entscheidet. Das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach bietet schon seit Jahren eine von Schülern getragene Sommerschule an. Und in Baden-Württemberg gibt es landesweit an rund 50 Standorten eine Sommerschule.

„Wir haben mit den Ferien eine Ressource, die wir noch gar nicht nutzen“, so Medinger. „Man hat nicht den Mut besessen, da ranzugehen.“ Vor allem für Kinder aus bildungsfernen Schichten sei das ein Angebot im Sinne der Chancengleichheit. „Wenn sie es in Stuttgart mit der Chancengleichheit ernst meinen, dann müssen sie solche pragmatischen Instrumente nutzen.“ Wie das organisiert werde, ob das jede Schule für sich macht, ob Krankenvertretungslehrer statt zum Arbeitsamt zur Sommerschule gehen, ob PH-Studenten eingebunden werden – vieles sei denkbar.

Unterstützung für diese Idee bekommt Schulleiter Medinger von Christina Bechmann, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats. Sie würde eine Sommerschule auf freiwilliger Basis befürworten. „Ich glaube aber nicht, dass die Familien eine generelle Verkürzung der Sommerferien wünschen.“ Sie geht davon aus, dass sich für eine Sommerschule genügend Lehrkräfte finden lassen würden.

Doro Moritz von der GEW fürchtet, dass der Infektionsschutz auch in der Sommerferienzeit noch zu „stressigen Aufenthalten für alle Beteiligten in der Schule führen wird“. Das spreche ihrer Meinung nach dafür, das „Nachholen des Lernstoffs in eine Zeit zu verlegen, die weniger strenge Hygiene-Auflagen“ erfordert. Außerdem dürfe „nicht der Eindruck erweckt werden, dass mit Unterricht in den Sommerferien alles erledigt werden kann und danach so weitergemacht wird wie bisher“.

Und was sagen die Schüler? Unsere Mitarbeiterin Rebekka El Gabi schreibt in wenigen Wochen ihr Abitur an der Erich-Bracher-Schule in Kornwestheim. Auch sie könnte sich Unterricht in den Ferien vorstellen, „die Lehrer müssen ja irgendwie fertig werden mit dem Stoff“. Vielleicht, so meint sie, könne man einen Teil der Ferien in die Zeit des Homeschoolings vorziehen. „Es ist halt blöd für die Familien, die schon feste Pläne für die Ferien haben.“

Online-Umfrage: Was halten Sie vom Vorschlag Schäubles? Sollten die Sommerferien verkürzt werden, um Unterrichtsstoff nachzuholen? Stimmen Sie ab unter www.lkz.de

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