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Migration

Wenn die Familie drei Jahre aufs Visum wartet

Seit fast drei Jahren wartet ein Ludwigsburger, der 2014 aus Afghanistan kam, bereits darauf, dass seine Familie zu ihm ziehen kann. Was fehlt, ist das Visum. Vor allem seit die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben, möchte der Mann die Familie schnellstmöglich nach Deutschland holen.

Ein Lächeln liegt auf den Lippen des 31-jährigen Ludwigsburgers, der 2014 aus Afghanistan kam. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, ist der Redaktion aber bekannt. So glücklich wie heute sei er schon lange nicht mehr gewesen, erzählt er. Der Grund ist eine positive Nachricht zur Familienzusammenführung, die er kurz vor dem Gespräch in der Redaktion bekommen hat.

Dabei ist seine Geschichte nicht schön – und auch noch nicht am glücklichen Ende angekommen. Vor fast drei Jahren, nachdem er in Deutschland anerkannt wurde, hatte er für seine Frau und die drei minderjährigen Kinder den Familiennachzug beantragt. Seit April 2019 sind seine Frau und Kinder in der deutschen Botschaft in Islamabad für ihre Visa registriert. Aber bisher ist noch nichts passiert – obwohl alle notwendigen Formulare vorliegen.

Schon lange kämpft der Mann dafür, dass seine Familie nach Deutschland kommen kann. Mit der Machtübernahme der Taliban im August hat sich die Lage noch verschlimmert. Er selbst ist vor sieben Jahre von den Taliban verfolgt worden und deshalb nach Deutschland gekommen. „Meine Frau hat sehr große Angst um unseren ältesten Sohn“, sagt der 31-Jährige. Auch er als Vater habe Angst, dass die Taliban seinem zehnjährigen Sohn etwas antun könnten. Da er in Deutschland sei und sein Vater bereits gestorben, sei der Sohn der nächststehende Verwandte.

Doch bevor die Familie nach Deutschland kommen kann, muss sie für das Visum in die deutsche Botschaft in Pakistan. Eine Nacht im August sei die Frau mit den Kindern im Kabuler Flughafen gewesen, um rauszukommen. Doch als es dort eine Explosion gab, seien sie schnell wieder nach Hause gegangen.

Anfang September hat der Mann seiner Frau Geld geschickt – er arbeitet bereits seit mehreren Jahren in Deutschland – und bat sie, ihn mit den Kindern in Islamabad zu treffen. Er buchte einen Flug und ein Hotel und sie trafen sich in Pakistan. Anfang September sind sie zusammen in die deutsche Botschaft. Dort konnten sie mit einer Mitarbeiterin sprechen, doch weil sie keinen Termin hatten, wurden sie weggeschickt – mit der Aufforderung, per E-Mail einen Termin zu vereinbaren. „Seit mehr als zwei Jahren schreibe ich schon an genau diese E-Mailadresse und bekomme nie eine Antwort“, sagt der Mann. Aber er habe der Botschaftsmitarbeiterin vertraut und mehrere Tage in Islamabad abgewartet, ob er einen Termin bekommt. Nachdem das nicht geschah, hat er es eine Woche später wieder bei der Botschaft versucht, wurde aber von Sicherheitskräften weggeschickt.

Weil sich die Familie keinen längeren Aufenthalt in Islamabad leisten konnte, ist sie wieder zurück – er nach Deutschland, die Familie nach Kabul. „Meine Frau weint sehr viel, sie kann überhaupt nicht mehr schlafen ohne Tabletten“, berichtet der Mann. Er versteht nicht, warum die Botschaft ihnen noch keinen Termin zugeschickt hat. Im April 2019 bekam er eine E-Mail, dass die Terminvergabe sechs bis zwölf Monate dauern könnte, wegen des großen Andrangs. Inzwischen sind gut 30Monate vergangen. „Und vor und in der Botschaft war kaum was los“, sagt er.

„Dass in dieser Situation, die gerade in Afghanistan herrscht, eine Frau und ihre Kinder, die ausreisen dürften, keinen Termin bei der Botschaft bekommen, ist unglaublich“, sagt Martha Albinger von der ökumenischen Fachstelle Asyl. Es gehe doch darum, so viele Menschen wie möglich aus dem Land zu holen. Auch die Geschäftsführer der Diakonie und der Caritas haben sich jetzt eingeschaltet und ans Auswärtige Amt in Berlin geschrieben. „Dass eine Frau mit drei minderjährigen Kindern nicht bedient wurde, ist für uns als Vertreter von Caritas und Diakonie nicht nachvollziehbar. Dies gilt umso mehr, da sie einen Rechtsanspruch auf Familienzusammenführung hat“, schreiben die Geschäftsführer Martin Strecker und Hendrik Rook in dem Brief, der der Redaktion vorliegt.

Warum der 31-Jährige trotz dieser Geschichte lächelt, liegt an einer Nachricht, die er kurz vor dem Gespräch erhalten hat: Ende Dezember haben seine Frau und Kinder jetzt einen Termin in der Botschaft im Teheran. Dort hatte er es versucht, nachdem er von Freunden gehört hatte, dass es im Iran leichter sei, einen Termin zu bekommen. Er hofft aber dennoch, dass es noch davor in Islamabad klappt. Denn dort sind die Dokumente bereits hinterlegt, außerdem haben seine Familie und er noch bis Ende des Jahres ein Visum für Pakistan. Für den Iran müssten sie ein neues beantragen – und bezahlen. „Meine Frau und die Kinder müssen mindestens drei Wochen vor dem Termin in den Iran fliegen“, sagt er. Denn auch wenn man ein Ticket für einen Flieger habe, sei es nicht sicher, ob man tatsächlich Platz im Flugzeug aus Afghanistan raus bekomme. Auch er werde hinfliegen, um seine Familie zu unterstützen. Und hoffentlich mit nach Deutschland nehmen zu können.

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