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Karlshöhe

Wenn Mitbewohner zu Freunden werden

Seit Mai 2019 wohnen auf der Karlshöhe Studenten zusammen mit ehemals Geflüchteten. Der Austausch zwischen den Kulturen soll dabei im Mittelpunkt stehen. Dass das funktioniert, erzählen uns bei einem Besuch im Wohnheim zwei Bewohner.

Die Studentin Madita Hartenstein gemeinsam mit Ahamd Kadah (links) und Mohammad Aldeeb am Tisch ihrer Wohngemeinschaft. Ihr Mitbewohner Fardin, der uns von seinen Erfahrungen erzählte, wollte nicht fotografiert werden.Foto: Holm Wolschendorf
Die Studentin Madita Hartenstein gemeinsam mit Ahamd Kadah (links) und Mohammad Aldeeb am Tisch ihrer Wohngemeinschaft. Ihr Mitbewohner Fardin, der uns von seinen Erfahrungen erzählte, wollte nicht fotografiert werden. Foto: Holm Wolschendorf

Eigentlich wollte er gar nicht in das Wohnheim ziehen, sagt der junge Mann, der sich Fardin nennt. Seinen richtigen Namen möchte er nicht sagen, genauso wenig, wie er fotografiert werden oder seine Geschichte erzählen möchte. Er ist als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen und hat bereits in einer Wohngruppe auf der Karlshöhe gewohnt. Als seine Zeit dort vorbei war, wurde ihm ein Umzug in das Wohnheim Manara empfohlen. Begeistert war Fardin zuerst nicht, doch im Nachhinein sei es die richtige Entscheidung gewesen. „Es gibt hier richtig coole Leute, wie Madita“, sagt er und lacht seine Mitbewohnerin an. Madita Hartenstein und Fardin wohnen in einer Fünfer-WG im Wohnheim Manara.

Das Wohnprojekt ist im Mai 2019 eröffnet worden. Hier können ehemals minderjährige Flüchtlinge einen großen Schritt in Richtung Selbstständigkeit machen. Sie werden nicht mehr durchgängig von der Kinder- und Jugendhilfe betreut. Trotzdem haben sie im Manara die Möglichkeit, sich von Sozialpädagogen, die ihr Büro im Erdgeschoss des Wohnheims haben, beraten zu lassen, wenn sie Hilfe brauchen. Die Bewohner leben in Zweier-, Dreier- oder Fünfergruppen zusammen. Die Fünfer-WGs sind inklusiv, das heißt, dort leben zwei Flüchtlinge mit drei Studenten zusammen. Im Wohnheim hat es Platz für 30 Flüchtlinge und 15 Studenten.

Sie habe vor ihrem Einzug ein bisschen Bedenken gehabt, gibt Madita Hartenstein zu. „Ich habe noch nie in einer WG gewohnt und hatte Angst, keinen Anschluss zu finden.“ Die Angst sei unbegründet gewesen, sie fühle sich jetzt sehr wohl. Madita Hartenstein war nach ihrem Abitur ein Jahr lang im Ausland, studiert jetzt internationale soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule. Verschiedene Kulturen und Denkweisen haben sie schon immer interessiert. „Während des Ramadans habe ich mit meinen muslimischen Mitbewohnern das Fastenbrechen gefeiert, das war total interessant“, erzählt sie.

„Wir diskutieren viel über das Thema Religion“, fügt Fardin hinzu, der aktuell eine Ausbildung zum Fahrzeuglackierer macht. Mit seinen Mitbewohnern komme er sehr gut klar, auch die Freizeit verbringen sie zusammen: gemeinsam kochen und essen, schwimmen gehen, Fußball und Federball spielen oder „einfach nur chillen“. Der große Vorteil dabei: Man erfahre immer etwas Neues und lerne andere Kulturen kennen, so Fardin.

Trotz der verschiedenen Kulturen und Denkweisen kommt es bei Fardin und Madita Hartenstein in der WG kaum zu Streitereien. Es sei alles sehr harmonisch. Egal, in welcher WG man wohne, man müsse einfach miteinander reden, sagt Madita Hartenstein. „Mir ist es egal, ob jemand weiß oder schwarz, Muslim oder Christ ist“, fügt Fardin hinzu. Das Wichtigste sei, aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Bis jetzt hat das Wohnprojekt Manara positive Rückmeldungen bekommen, sagt Philip Ziegler, der Leiter der Kinder- und Jugendhilfe der Karlshöhe. Die ehemals von der Jugendhilfe Betreuten bekommen dort Einblicke in die Gesellschaft und Sprache in Deutschland. Das sei das Ziel des Projekts. Gleichzeitig erfolgt eine niederschwellige Betreuung, da es an jedem Wochentag Beratungszeiten gibt, an denen sich die Bewohner – wenn es Bedarf gibt – mit Fragen an die Sozialpädagogen wenden können.

„Es ist wie eine Brücke in die Selbstständigkeit“, sagt Regina Martin. Sie ist eine der Ansprechpartner für die Bewohner. Diese kommen oft mit Alltagsfragen auf sie zu. Wenn sie einen Ausbildungsvertrag unterschreiben müssen zum Beispiel, oder wenn sie Behördenbriefe erhalten haben. Manche fragen auch, wie sie in Deutschland einen Führerschein machen können.

Außerdem lernen die Bewohner, so Philip Ziegler, dass es immer auch Aufgaben und Pflichten gibt. Die Kehrwoche etwa oder die Rücksichtnahme auf die Nachbarn. Vor allem gehe es aber darum, über die Studierenden Menschen kennenzulernen und sich ein Netzwerk aufzubauen.

Das Ziel: die ehemaligen Flüchtlinge fit zu machen für ein selbstständiges Leben in einer eigenen Wohnung. Die Bewohner bekommen bei Manara Mietverträge für erst mal ein Jahr, Ein- und Auszüge seien Teil des Konzepts. „Es ist für uns ein Erfolg, wenn jemand eine eigene Wohnung findet und auszieht“, sagt Philip Ziegler.

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