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Backhaustag

Wie früher: Hier wird mit Gefühl gebacken

Beim Backhaustag entstehen würzige Kuchen und Brote – Veranstaltung findet zum sechsten Mal statt – Alte Tradition wiederbelebt

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Klaus Kupper und Ursula Merlau bei ihrer Arbeit im Backhaus. Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Backen nach Bauchgefühl: Ein Thermometer hat der Ofen im Ingersheimer Backhaus nämlich nicht. Klaus Kupper hat den Ofen am Samstag im Rahmen des Backhaustages angeheizt.

Draußen liegen trockene Reisigbündel. Mit Papier, altem Rebholz und dem Schnittgut von Obstbäumen wird der Ofen wie schon vor Generationen angeschürt. Kupper ist dafür früh aufgestanden. Um acht Uhr morgens hat er das Feuer gemacht, etwa drei Stunden später werden die Teige mit Zeitungspapier abgedeckt. Denn gleich wird’s staubig.

Kupper holt die rote Glut heraus, fegt mit einem gewässerten Besen die Asche aus dem Ofen. Als Erstes werden die Kuchen eingeschossen. Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes die Gradmesser. Sind sie nach zwölf bis 15 Minuten noch nicht durch, war es im Backofen zu kalt, sind sie recht kross, war es zu heiß. Erst dann kommen die Brote, die bei 180 bis 200 Grad etwa 40 bis 50 Minuten brauchen.

Ursula Merlau streicht noch einmal ihre schwäbischen Kartoffelkuchen glatt, bevor sie in den Ofen kommen. Zum Frühjahrsfest des Blasorchesters um Christi Himmelfahrt ist sie dann wieder mit dabei. Dann wird sie hier mit anderen Frauen drei Tage lang backen. „Im Backhaus geht es viel schneller als daheim“, sagt sie. Außerdem sei der Geschmack unvergleichlich besser. „Würziger“, sagt Irene Betsch, die Mitinitiatorin der Backhaustage ist. Sie hat unter anderem Apfel- und Zwiebelkuchen dabei, Leinsamen und Roggenbrot sowie Körnerweckle. Schon als Kind habe sie ihre Oma zum Backen begleitet. „Hier wurden immer schon Neuigkeiten ausgetaucht und geschwätzt.“

Den Schlüssel verwaltet Dorothee Majer, so wie das ihr Vater in der benachbarten Wagnerei getan hat. Denn jeder, der sich bei der Gemeindeverwaltung meldet, könne das Backhaus nutzen. Neben der Zukunftswerkstatt, machen das der Kegelclub, der BUND, das Blasorchester und drei Familien.

Es war der sechste Backhaustag, mit dem die Ingersheimer Zukunftswerkstatt eine alte Tradition aufleben lässt. Einmal wird im Frühjahr der Ofen befeuert, einmal im Herbst. „Früher wurde er wahrscheinlich niemals kalt“, glaubt Kupper. Drei Backhäusle gab es einmal in Ingersheim – immer etwas abseits der Wohnhäuser am Dorfrand wegen der Brandgefahr. Erhalten geblieben ist nur das Backhaus in der Marktstraße. Wie alt es eigentlich ist, weiß keiner so genau. Nur, dass es 1978 letztmals renoviert wurde. Und dass ein Ofen kaputt ist. „Es wäre schön, wenn sich die Gemeinde die Reparatur leisten würde“, sagt Kupper.

Hier wurden Ehen angebahnt

Zwölf Kuchen und ebenso viele Brote wurden am Samstag gebacken. Damals wie heute war das ein geselliges Treffen. Während des Wartens wird getratscht, statt Most oder Wein wird ein Glas Sekt geschlürft oder Bier aus der Flasche getrunken. Das Backhaus war einmal sehr wichtig, denn hier wurde auch so manche Ehe angebahnt.

Zurück bei der Arbeit: Kupper tunkt den „Laibschiaßer“ in die mit Wasser gefüllte Zinkwanne damit ihm das Holz nicht anbrennt. Er holt die Kuchen raus, die verführerisch gut duften und eine Pracht zum Anschauen sind. Er muss noch nicht einmal für die Brote nachheizen. Mit seinem Bauchgefühl stimmt also alles.