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Verkehr

Wieso dürfen immer die anderen zuerst?

Ampelsteuerung am Berliner Platz ärgert Radfahrer – Stadtverwaltung will jetzt weiter nachsteuern – Verkehrsrechner verwundert auch Autofahrer

Warten an der Fahrradampel: Die Digitalisierung hat, wie hier am Berliner Platz, noch keine Verbesserung gebracht. Foto: Holm Wolschendorf
Warten an der Fahrradampel: Die Digitalisierung hat, wie hier am Berliner Platz, noch keine Verbesserung gebracht. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Der Glaube an die Technik ist groß. Im Rathaus redet man davon, mit digitaler Steuerung und Verkehrsrechner den Verkehr zu verflüssigen und damit auch den Umstieg aufs Rad zu erleichtern – in der Oststraße und der Kreuzung Schorndorfer Straße sind die Ampeln im Sommer umgerüstet worden. Doch über Monate war keine Verbesserung zu spüren, im Gegenteil.

Vor allem die Radfahrer hatten das Nachsehen, weshalb es in den vergangenen Wochen auch herbe Kritik gab. Der ADFC Ludwigsburg (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub), der die Stadt immer wieder auch berät, wunderte sich über die Verschlechterung und die Bevorzugung der Autofahrer. Am Berliner Platz ist so ein Brennpunkt, zumal dort eine der am stärksten befahrenen Hauptradrouten der Stadt die Oststraße quert.

Die digitalisierte Ampelschaltung hat bislang den Radverkehr ausgebremst. An einem Tag Mitte Oktober – ein alltägliches Bild – stehen etwa 15 Radfahrer, vor allem Schüler, an der Ampel. Kaum Autoverkehr. Der Weg für die radelnden Schüler wäre frei, doch Grün gibt es nicht. Einige Schüler fahren deshalb bei Rot los – und gefährden sich damit selbst. Ein Auto bremst noch rechtzeitig.

Auch Berufspendler beschwerten sich, die mit dem Rad zum Bahnhof fahren, um auf die S-Bahn umzusteigen. Die einzige Ampel in der Stadt, die bislang die Radfahrer rasch über die Straße geführt hat, sei für den Radverkehr auf Rot gestellt. „Jeden Tag steht man an der Ampel und wundert sich, warum man nicht Grün bekommt“, so die Kritik. Der ADFC hat sich im Juli und August schon an die Stadt gewendet und sich beschwert. Die Fahrradexperten reden von einem „Rückschritt“.

Jetzt nach Monaten hat sich die Situation etwas verbessert, allerdings ist sie für Fußgänger und Radfahrer noch immer schlechter als zuvor, wie die Stadt auf Nachfrage einräumt. Noch im November sollten die Zeiten „an den früheren Zustand angepasst werden“, wie Torsten Conte vom Fachbereich Tiefbau und Baubürgermeister Michael Ilk versichern. Die Ampel soll also den Status quo von früher fortsetzen. Betrifft die Verflüssigung des Verkehrs also nur die Autofahrer, nicht die Radfahrer? Als sehr komfortabel bezeichnen Conte und Ilk, dass jetzt über Sensoren und Kontaktschleifen das Verkehrsaufkommen berücksichtigt wird, während es früher eher statisch drei oder vier Programme für die Ampelschaltung gab. Zu manchen Zeiten „funktioniert das für Radfahrer hervorragend“, so Ilk, der selbst dort abends mit dem Rad fährt und rasch Grün bekommt.

Die Kontaktschleifen und Sensoren registrieren sowohl Radfahrer als auch Autofahrer, die Ampel kann dann darauf reagieren. Und das, ohne dass Radfahrer auf den Anforderungsknopf am Ampelmast drücken müssen. Diese technische Neuerung findet sich auch am Übergang in der Marbacher Straße, wenn Radfahrer in Richtung Reichertshalde und Hoheneck abbiegen. Eine solche Schaltung wird es, berichtet Ilk, auch an der Brücke bei Neckarweihingen geben.

Um morgens die vielen Schüler, die mit dem Rad Richtung Innenstadt fahren, besser zu berücksichtigen, sollen am Berliner Platz zu Zeiten des Schulbeginns die Radfahrer bevorrechtigt werden. „Wir werden da weiter nachbessern“, so der Baubürgermeister im Gespräch mit unserer Zeitung. Bisher hätten auch Baustellen in der Oststraße die Funktion des Verkehrsrechners beeinträchtigt.

Die Ampeln mit der neuen Signaltechnik haben jedoch nicht nur die Radfahrer verärgert, auch die Autofahrer in der Kreuzung Schorndorfer Straße-Oststraße-Neckarstraße wundern sich. So schauen die Autofahrer in der Neckarstraße und Oststraße öfters auf eine leere Schorndorfer Straße, die die Hauptverkehrsachse ist, und haben trotzdem Rot.

Auch die Linksabbieger von der Oststraße wie von der Neckarstraße können nun zwar sicherer die Kreuzung überqueren, weil Gegenverkehr nicht mehr zugelassen ist – doch dafür müssen sie noch länger warten als schon bisher. Verflüssigung, so der Eindruck, betrifft vor allem die großen Verkehrsachsen. Die anderen werden zurückgestuft.

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