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WeinLesebilanz

„Wir hängen am Tropf der Natur“

Wenig Ertrag, aber sehr gute Qualität: Roman Glaser, der Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes hat gestern eine gemischte Bilanz der Lese 2017 in Württemberg gezogen. Schuld am Ertragseinbruch ist der sehr frühe Austrieb und der heftige Spätfrost Mitte April.

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Früher Austrieb, Spätfrost und ein extrem früher Lesebeginn – für Wengerter hielt das Jahr einige Herausforderungen bereit.Foto: Alfred Drossel

Kreis Ludwigsburg. Seine Lesebilanz-Pressekonferenzen veranstaltet der Genossenschaftsverband in beiden Landesteilen – einmal in Baden, einmal in Württemberg – und dann jeweils in einer anderen Genossenschaft. In diesem Jahr war der Weinkonvent Dürrenzimmern in Brackenheim (Kreis Heilbronn) Gastgeber.

Was den Weinbau angeht, ist Württemberg Genossenschaftsland: Fast 70 Prozent der Rebfläche werden von 41 Weingärtnergenossenschaften bewirtschaftet. Es waren schon mehr, aber in den vergangenen Jahren hatte es viele Fusionen gegeben – ein Kapitel, das vorläufig abgeschlossen zu sein scheint. Im vergangenen Jahr hatte es lediglich einen Zusammenschluss gegeben (Hohenlohe und Heuholz), in diesem Jahr gar keinen. Roman Glaser, der Präsident des Genossenschaftsverbandes, sieht in Genossenschaften ein Zukunftsmodell: „Unsere Genossenschaften sind bestens ausgerüstet, die Kellermeister sind fit; Genossenschaften sind in der Lage, auf Veränderungen schnell und professionell zu reagieren.“

Zum Beispiel auf „herausfordernde Vegetationsjahre“ (Glaser) wie 2017, in dem die Trauben schon weit ausgetrieben hatten, als Mitte April der Frost kam und – regional sehr unterschiedlich – zum Teil erhebliche Schäden anrichtete. Besonders stark betroffen waren zum Beispiel das Weinsberger Tal (knapp 50 Prozent Ausfall), der Bereich Kocher-Jagst-Tauber und einzelne Lagen in Stuttgart.

Im Stuttgarter Stadtteil Hedelfingen zum Beispiel standen die Wengerter vor komplett leeren Rebstöcken – Totalausfall. Alte Wengerter, heißt es, seien in manchen Gegenden kopfschüttelnd vor ihren erfrorenen Reben gestanden; Frost hatten sie dort bisher noch nie erlebt. Das hat natürlich Auswirkungen auf den Ertrag.

In diesem Jahr liegt die Erntemenge der württembergischen Weingärtnergenossenschaften 27 Prozent unter dem Durchschnitt. In Zahlen: Gekeltert wurden rund 60 Millionen Liter – im Vorjahr waren es 82,8 Millionen Liter. Das entspricht einem Ertrag von 81 Hektoliter je Hektar Rebfläche (2017: 111 Liter). Der Qualität allerdings hat der Frost nicht geschadet. Vielerorts regenerierte sich die Natur sogar, zwei Wochen nach dem Frosteinbruch beobachteten Wengerter ein üppiges Wachstum, die Lese begann extrem früh – zum Teil schon Mitte August. „Besonders die späten Rotweine haben sich sehr gut entwickelt“, sagt Ute Bader, die Wein-Fachberaterin des Genossenschaftsverbandes, „die roten Trauben waren schön durchgefärbt, die Weißweine werden sehr aromatisch.“ Den Weintrinkern stellt sie mit dem Jahrgang 2016 fruchtige und sortentypische Qualitätsweine in Aussicht – wenn sie denn überhaupt deutschen Wein kaufen.

Denn die Situation auf dem Weinmarkt sei „alles andere als erfreulich“, sagt Dieter Weidmann, Vorstandsvorsitzender der Württembergischen Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG). Deutsche Haushalte haben in der ersten Hälfte des Jahres erneut weniger Geld für alkoholische Getränke ausgegeben. Vor allem Rot- und Roséweine wurden weniger gekauft.

Woran das liegt? Weidmann zitiert eine Studie, nach der die sogenannten „Millenniels“, also die heute 8- bis 18-Jährigen ein Drittel weniger Alkohol konsumieren werden, als ihre Vorgängergenerationen. Dazu komme der demografische Effekt: Auch alte Menschen konsumierten von allem weniger, also auch weniger Wein. Wein als Kulturgut werde künftig nicht mehr die Bedeutung haben wie bisher, prophezeite Weidmann.

Der Marktanteil württembergischer Weine liegt mengenmäßig bei zehn Prozent, umsatzmäßig bei elf Prozent. Die WZG rechnet damit, in diesem Jahr 15,1 Millionen Liter Wein einzulagern; das sind 5,2 Millionen Liter oder 26 Prozent weniger als im Vorjahr – „ein historisch niedriger Bestand“, sagt Weidmann. Aber man hänge halt vollständig am Tropf der Natur.

Zurückhaltende Auskünfte in puncto Gewinn: Die Genossenschaften mit eigenem Vertrieb haben 69,2 Millionen Liter Wein und Sekt verkauft und damit 218 Millionen Euro umgesetzt – 1,1 Millionen Euro weniger als 2015. Der Durchschnittserlös für den Liter Wein liegt bei 3,15 Euro je Liter.