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„Wir kriegen den Dreck und Verkehr“

Anwohner sehen Verkehrszunahme durch den Ausbau von Wüstenrot mit Sorge – „Wir sind ein abgehängter Stadtteil“

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Ludwigsburg. Albrecht Bogner hat von seinem Wohnzimmer in der Teckstraße aus einen wunderbaren Blick auf die Baustelle von Wüstenrot & Württembergische (W&W) am Rand der Südstadt. Was der einstige Baubürgermeister Ludwigsburgs da sieht, findet er jedoch gar nicht wunderbar. Denn das Unternehmen baut auf der sieben Hektar großen Fläche auf Kornwestheimer Gemarkung eine neue Zentrale und will dort bis 2023 von 3200 auf 4700 Mitarbeiter erweitern. „Wir ersticken doch jetzt schon im Verkehr“, sagt Bogner.

In der Interessengruppe Südstadt sind mittlerweile mehrere Anwohner versammelt. Darunter auch Marc Benseler aus der Rechbergstraße: „Wir sind ein abgehängter Stadtteil.“ Ins Bewusstsein der Stadtverwaltung sei dieser erst mit der geplanten Flüchtlingsunterbringung geraten: „Ludwigsburg muss mehr für die Südstadt tun.“

Wüstenrots Wechsel nach Kornwestheim mit dem Großteil der Mitarbeiter ist ein Verlust, wie ihn der Wirtschaftsstandort Ludwigsburg selten erlebt hat. Für die Ludwigsburger in der Nachbarschaft des neuen Quartiers verschärft sich indes das Problem: Enormer Parkdruck, Lärm und Feinstaub durch den Durchgangs-, Park- und Suchverkehr, verstopfte Straßen. Der neue Bus-Shuttle von W&W habe keine Entlastung gebracht, so Bogner: „Die Gewerbesteuer kriegt Kornwestheim, wir kriegen den Dreck und den Verkehr.“

In Sachen Parken plant Wüstenrot laut Kornwestheims Baubürgermeister Daniel Güthler für die 4700 Mitarbeiter mit 1500 Parkplätzen im Parkhaus, plus etwa 600 offenen Stellplätzen. Die Verkehrplanung geht von einem Drittel Parkplätzen aus, bei einem Anteil von 20 Prozent öffentlichem Nahverkehr. Die Stadt Ludwigsburg hatte dies in einer Stellungnahme, die unserer Zeitung vorliegt, im Januar 2015 bemängelt: Notwendig sei eine „Verdopplung des ÖPNV-Anteils auf 42 Prozent“.

Wüstenrot erhöhe die Zahl der Mitarbeiter um 47 Prozent. Nach der Berechnung teilten sich dann, so die Stadt Ludwigsburg, 2,3 Beschäftigte einen Parkplatz. Die Kapazität sei aber heute schon mit 1,5 Mitarbeitern pro Parkplatz voll ausgelastet. Diese suchten woanders: „In der Südstadt wird bereits heute über den externen Parkdruck geklagt (auch in Anliegerstraßen)“, so die Stadt. „Der Parkdruck wird ohne Gegenmaßnahmen zunehmen, wenn das Bestandsareal weiter genutzt wird.“

Wüstenrot plant, das alte Hochhaus auf Ludwigsburger Markung weiter mit 1000 Mitarbeitern zu besetzen. Nach der Räumung der anderen Büro-Liegenschaften entlang der Hohenzollernstraße soll neu gebaut werden. Hier sei die Bauform noch offen, hatte W&W kürzlich erklärt. Doch das Areal gilt mit einer Bauhöhe von bis zu elf Geschossen als ein Hochhausstandort. Geplant ist ein neues Viertel mit Büros, Wohnungen, Läden und Restaurants.

Herbe Kritik dazu 2015 aus Ludwigsburg: „Grundsätzlich beschränkt sich das Verkehrsgutachten auf die Betrachtung der Leistungsfähigkeiten in nahegelegenen Knotenpunkten. Weitere indirekte Wirkungen (Verkehrs- und Parkdruck, Luftreinhaltung) werden nicht angesprochen.“

Im Dezember 2017 wurde im Kornwestheimer Gemeinderat beschlossen, zur Erschließung des neuen W&W-Campus am Zubringer zur B 27 einen Kreisel mit 36 Metern an der Tambourstraße zu bauen (Autokino). Dort soll auch der LVL-Bus 427 mit neuer Haltestelle wenden. Kornwestheims Stadtplaner Christian Kübler sagt, dies reiche aus. Der meiste Verkehr werde „über die B 27 abgewickelt“.

So ganz überzeugt sind Wüstenrot und Kornwestheim davon aber offenbar nicht. Wie Baubürgermeister Güthler bestätigt, prüft ein Planungsbüro, wie der Knotenpunkt Hohenzollern-/Ludwigsburger Straße/Salonallee „ertüchtigt werden kann“, heißt: aufgeweitet, um den Verkehr von und nach Norden bewältigen zu können. Dieser befindet sich auf Ludwigsburger Gebiet. Kübler gibt zu: „Mehr Verkehr muss bewältigt werden.“ Zudem ist ein neuer Fußgängerübergang geplant, hier soll der Radweg bis nach Pattonville beginnen.

Die Interessengemeinschaft Südstadt hatte vergeblich gefordert, das neue W&W-Quartier auch von der Ludwigsburger Straße aus anzuschließen. Diese Lindenallee soll aber geschützt werden. Die Anwohner fordern jetzt ein Parkraumkonzept, wobei ein flächendeckendes Anwohnerparken inklusive Kontrollen schnell zu machen sei, so Bogner. Dass das Linksabbiegen aus Richtung Stuttgart von der B 27 in die Elmar-Doch-Straße erlaubt ist, obwohl es kurz davor eine Ausfahrt von der B 27 gibt, ziehe zudem noch mehr Park- und Suchverkehr in das Viertel.

Die Freien Wähler hatten gefordert, ein Parkraumkonzept zu erstellen. Dieses soll nach der Weststadt folgen. Dort werden noch Interviews geführt, im Mai soll das Verfahren beschlossen, das Parkraumkonzept 2019 realisiert sein. Aktuell hat die FDP-Fraktion im Gemeinderat den Antrag gestellt, dass die Stadt über die Folgen für Verkehr und Infrastruktur des Wüstenrot-Ausbaus sowie die Möglichkeiten der Verkehrslenkung berichtet. Zudem fordert sie eine Info-Veranstaltung in der Südstadt.

Damit geht Albrecht Bogner konform, der Bürgerbeteiligung fordert. „Was die Südstadt braucht, ist eine gute Verkehrskonzeption, die die Belange dieses Stadtteils und seiner Bürger berücksichtigt.“