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Kinder- und Jugendarbeit
„Wir müssen in der Kirche flexibler werden“

Bei einem Studientag der evangelischen Hochschule unterhalten sich Experten und Studenten über das Thema „Junge Menschen und die Kirche“

Die Studie „Kirche im Umbruch“ zeichnet kein gutes Bild für die zwei größten Kirchen in Deutschland. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik waren 2020 weniger als die Hälfte der Sechs- bis 18-Jährigen in Deutschland Mitglied in der evangelischen oder der katholischen Kirche. Wolfgang Ilg, Professor an der Evangelischen Hochschule (EH) Ludwigsburg, hat mit zwei Kollegen aus Freiburg diese Studie durchgeführt. „Das ist deutschlandweit eine historische Umbruchsituation“, sagt er. Die empirische Studie legt die Zahlen der Kirchenmitglieder offen und berechnet, wie sich diese bis ins Jahr 2060 entwickeln werden. Bis dahin wird sich dieser Anteil auf 25Prozent verringern, so das Ergebnis der Studie. „Ein ‚Weiter so‘ wird nicht ausreichen“, so Ilg. Die Kirche müsse sich verändern.

Impulse dazu sollte der Studientag, der am Montag digital stattgefunden hat, geben. Rund 100Studierende aus dem Studiengang Religions- und Gemeindepädagogik nahmen daran teil, außerdem Experten und weitere Interessierte. Die EH organisierte den Tag gemeinsam mit dem Evangelischen Jugendwerk (EJW).

Gründe, warum immer weniger junge Menschen Mitglied der Kirche sind, erhebt die Studie nicht. Für die meisten jungen Menschen sei die Konfirmation wichtig, so Cornelius Kuttler, der Leiter des EJW. Das habe er in seiner Zeit als Pfarrer beobachtet. „Wie kann es sein, dass die Kirche und der Glaube dann in zehn, 15Jahren so an Relevanz verliert?“ Auf diese Frage habe er noch keine Antwort. Wolfgang Ilg hat eine Hypothese, warum die meisten Austritte im Alter von 25 bis 32Jahren passieren: „Es ist die Zeit, in der junge Menschen beginnen, Geld zu verdienen und dann plötzlich bemerken, dass sie ja auch Kirchensteuer bezahlen.“ Und natürlich spielten auch die Inhalte eine Rolle, so Ilg. Wer mit diesen nichts anfangen könne, verbinde sich auch nicht mit der Institution.

Bei denjenigen, die schon als Kind viele kirchlichen Angebote besucht und dabei gute Beziehungen zu den Mitarbeitern geknüpft haben, sei die Wahrscheinlichkeit eines Austritts geringer, so Jens Adam, der Landesjugendpfarrer Baden. Er merke das bei der Arbeit mit Konfirmanden. Die, zu denen er während der Konfirmandenzeit bereits eine gute Beziehung aufgebaut habe, kommen auch Jahre später zu ihm, wenn sie getraut werden wollen. „Die praktische Arbeit vor Ort, die muss ermöglicht werden“, so Bader. Weil aber jede Entscheidung durch viele Gremien müsse, gehe viel Schwung verloren, sagt er. Die Kirche müsse da pragmatischer unterwegs sein. „Wenn ein Jugendraum renoviert wird, warum muss dann der Kirchengemeinderat über die Farbe entscheiden?“, fragt sich Cornelius Kuttler. Für ihn ein konkretes Beispiel, wie Jugendliche vor Ort in ihrer Gemeinde eingebunden werden und Kirche selbst mitgestalten könnten.

Außerdem müsse beachtet werden, dass Kinder und Jugendliche auch Teil des Systems Familie seien. „In den vergangenen zehn Jahren hat Kirche für Familien an Selbstverständlichkeit verloren“, so Kuttler. Familien müsse gezeigt werden, dass Kirche auch für sie relevant sein kann. Dafür brauche es Angebote, bei denen Familien gemeinsame Zeit in der Kirche verbringen können. „Das muss nicht am Sonntag zwischen 9.30 und 10.30Uhr sein“, sagt Kuttler. Angebote am Nachmittag zum Beispiel könnten besser in den Tagesablauf für Familien passen. „Wir müssen in der Kirche flexibler werden.“

Es sei zudem sehr wichtig, auf den Jugendlichen zu hören und sie als Mensch wahrzunehmen, so Jens Adam. Das sollte ein Ziel des Studientags an der EH sein: mit jungen Erwachsenen ins Gespräch zu kommen. Der Tag gilt als Auftakt für das Forschungsprojekt „Jugend zählt 2“. Im Schuljahr 2021/22 soll die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Evangelischen Landeskirchen Baden und Württemberg statistisch erhoben wird. Die Studie ist nach 2013 bereits die zweite.

Aus dem Studientag und den Gesprächen in den Workshops nehmen die Organisatoren mehrere Impulse mit. Zum Beispiel, dass Perspektiven für 2060 auch von denen mitgestaltet werden sollen, die dann noch nicht im Ruhestand sind. Zudem werde Kirche dann ihrem Auftrag bei jungen Menschen gerecht, wenn sie einen Beziehungsraum bereitstellt. Und Kirche entwickle sich am besten, wenn sie sich mit diesem Auftrag und nicht so sehr mit sich selbst beschäftige.