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Zuhause für Flüchtlinge: In diesem Ludwigsburger Reihenhaus ist es plötzlich eng geworden

Gerda Mosny mit ihren neuen Mitbewohnern auf der Wohnzimmercouch (von links): Illia, Rodion und Ira Cherednyk. Rechts neben Mosny sitzt Tanja Zadorozna mit ihrer Tochter Katja und ihrem Sohn Artem. Katja trägt Hund Rocky auf dem Schoß.Foto: Holm Wols
Gerda Mosny mit ihren neuen Mitbewohnern auf der Wohnzimmercouch (von links): Illia, Rodion und Ira Cherednyk. Rechts neben Mosny sitzt Tanja Zadorozna mit ihrer Tochter Katja und ihrem Sohn Artem. Katja trägt Hund Rocky auf dem Schoß.Foto: Holm Wols
Bis vor drei Wochen lebte die 80-jährige Gerda Mosny allein in ihrem Neckarweihinger Reihenhaus. Bis sie sich Anfang März dazu entschloss, zwei ukrainische Flüchtlingsfamilien aufzunehmen. Mit unserer Zeitung hat sich die Patchwork-Familie über die neue Hausordnung unterhalten.

Ludwigsburg. Wenn sie die schrecklichen Nachrichten über den Krieg in der Ukraine hört, wird Gerda Mosny emotional. Als Kind habe sie selbst die schwierige Nachkriegszeit erlebt. „Damals hatte ich oft Angst“, erzählt die heute 80-Jährige. Deshalb habe sie sich auch gleich nach dem Kriegsausbruch vorstellen können, ukrainische Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. Dass jetzt gleich sechs Personen bei ihr eingezogen sind, konnte die Rentnerin allerdings nicht ahnen.

Angeheiratete Nichts ist in der Ukraine aufgewachsen

Vor drei Wochen meldete sich ihre angeheiratete Nichte Jana Janello am Telefon. Janello ist selbst in der Ukraine aufgewachsen und lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Sie berichtete Mosny, dass ihre alte Freundin Tanja Zadorozna aus der Ukraine geflüchtet sei und eine Unterkunft in Deutschland suche. Nicht nur sie selbst, sondern auch ihre beiden Kinder Katja (15) und Artem (9). Und ihre Freundin Ira Cherednyk sowie deren beiden Söhne Illia (14) und Rodion (12), mit denen sich die Zadoroznas auf der Flucht in Polen zusammengeschlossen hatten.

Entscheidung ist nicht leicht gefallen

Mosny gab sich einen Ruck und sagte allen eine sichere Bleibe zu. „Es war keine einfache Entscheidung“, meint sie. „Aber ich wollte nicht, dass die Familien getrennt werden. Ich will ihnen so viel Geborgenheit bieten wie möglich.“ Ihre eigene Familie sicherte Unterstützung zu. Und so reisten die ukrainischen Gäste aus Berlin an, wohin es sie nach der Ankunft in Deutschland zunächst verschlagen hatte.

Nun ist es eng geworden im Reihenhaus. Mosny hat sich im Erdgeschoss eingerichtet, ihre Gäste wohnen in vier Zimmern auf den beiden oberen Etagen. „Am Anfang war es schon ein bisschen wie ein Überfall“, scherzt Mosny. Aber inzwischen habe sich alles eingespielt.

Die Kinder haben schon deutsche Gedichte gelernt

Man spiele zusammen Karten, esse gemeinsam, die Kinder hätten schon deutsche Gedichte gelernt. Ira Cherednyk ist eine gute Köchin und tischt herzhafte ukrainische Speisen auf. „Auf einmal ist so viel Leben im Haus“, sagt Mosny. „Jetzt habe ich zwei Familien und sogar einen Hund.“ Denn mit den Cherednyks ist auch Familienhund Rocky aus der Ukraine geflüchtet. Die Verständigung ist schwierig. Mosny spricht kein Englisch, kann als gebürtige Ostpreußin aber Polnisch. „Das Polnische und das Ukrainische sind sich sehr ähnlich“, erklärt sie. „Das reicht zumindest für die grundlegende Kommunikation.“ Wenn ihre Nichte da ist, übersetzt sie ins Ukrainische.

Horror begann am ersten Kriegstag

Sprachliche Barrieren sind aber nur ein Teil jener zahlreichen Probleme, vor denen die ukrainischen Familien jetzt stehen. Noch vor wenigen Wochen führten sie ein ganz normales Leben, das nun auf brutale Weise zerstört wurde. Der Horror begann gleich am ersten Kriegstag, erinnert sich Tanja Zadorozna. In ihrem Heimatort Brovary, einem östlichen Vorort von Kiew, hätten sie um 5 Uhr morgens eine gewaltige Explosion gehört. Sofort seien sie mit drei weiteren Familien zu ihrem in einem kleinen Dorf gelegenen Sommerhaus aufgebrochen. „Wir haben nur unsere Dokumente geschnappt und sind gleich los“, erzählt die 45-Jährige. Die richtige Entscheidung – die Stadt Butscha, in der die russische Armee aller Wahrscheinlichkeit nach ein schreckliches Massaker an der Zivilbevölkerung verübt hat, liegt nur 30 Kilometer von Browary entfernt am westlichen Stadtrand von Kiew.

Es blieb nur die Flucht ins Ausland

Doch auch im Ferienhaus wurde es zu unsicher, es blieb nur die Flucht ins Ausland. Der Kiewer Hauptbahnhof war völlig überfüllt, genau wie der Zug, mit dem Zadorozna und ihre Kinder am 1. März nach Lemberg in der West-Ukraine fuhren. Von dort aus gelangte die Familie über die polnische Grenze, wo sie auf Ira Cherednyk und ihre beiden Kinder trafen und von freiwilligen Helfern mit dem Auto nach Berlin gebracht wurden. Am 8. März kamen sie in Neckarweihingen an.

„Es ist so eine große Hilfe, dass Gerda uns aufgenommen hat“, sagt Tanja Zadorozna. Doch die Ungewissheit ist groß. Die Familien haben sich bereits im Ausländeramt angemeldet, doch viele Behördengänge stehen noch an. Werden die Kinder in die Schule gehen können? Werden Tanja Zadorozna und Ira Cherednyk wie in der Ukraine als Verwaltungsmitarbeiterin im Gesundheitsbereich beziehungsweise selbstständige Lehrerin arbeiten können? All das muss noch geklärt werden.

Ein Stück Normalität in Ludwigsburg

Immerhin gefällt es den Familien in ihrem neuen Umfeld. „Die Stadt ist schön, und die Menschen scheinen sehr hilfsbereit zu sein“, so die 42-jährige Cherednyk. Ihr Sohn hat seinen zwölften Geburtstag im Daimler-Museum in Stuttgart gefeiert. Zadoroznas Tochter Katja hat schon eine Freundin in der Nachbarschaft gefunden.

Doch die Sorge um die in der Ukraine zurückgebliebenen Angehörigen ist eine große Belastung. Die Ehemänner der beiden Frauen kämpfen nicht an der Front, aber leisten logistische Unterstützung für die Bevölkerung. „Wir sehen ständig Nachrichten, die Lage ändert sich stündlich“, sagt Zadorozna. „Wir können nichts planen. Unser Leben fühlt sich gerade an wie ein schlimmer Traum. Aber wir können nicht aufwachen.“

Alle Neuigkeiten zum Krieg in der Ukraine und dessen Auswirkungen auch auf den Landkreis lesen Sie auf unserer Sonderseite zur Ukraine.