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Kulturprojekt

Zwischen Hoffnung und Verlust

Die rechtskonservative Regierung in Ungarn krempelt die Kulturpolitik um – auch renommierte Hochschulen wie die Budapester SzFE werden Opfer dieser Entwicklung. Die Ludwigsburger ADK gehört zu einem europäischen Netzwerk, das Studierenden und Lehrenden eine neue Heimat bietet. Ein emotionaler Balanceakt für alle Beteiligten.

Auf zu neuen Ufern: Kata Csatò, Dániel Herczeg, Péter Forgács, László Upor mit ADK-Direktorin Elisabeth Schweeger (von links). Foto: Holm Wolschendorf
Auf zu neuen Ufern: Kata Csatò, Dániel Herczeg, Péter Forgács, László Upor mit ADK-Direktorin Elisabeth Schweeger (von links). Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg/Budapest. Bange Monate liegen hinter den rund 150 Studierenden sowie Dutzenden von Lehrkräften der Budapester Theater- und Film-Universität (SzFE), die im vergangenen Jahr gewissermaßen akademisch heimatlos geworden sind. Wie würde es für sie weitergehen? Die Hochschule war zuvor durch eine private Stiftung übernommen worden, die der rechtskonservativen ungarischen Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán nahesteht. Linientreue Funktionäre wurden installiert, Lehrkräfte kündigten ihre Professuren und Lehraufträge, Studierende besetzten aus Protest schließlich das Haus unweit der Donau. Es half alles nichts. Hochschulen aus vier europäischen Länder erklärten sich jedoch schließlich bereit, die Studierenden mit einem fulminanten Rettungsprogramm aufzunehmen, und sei es erstmal virtuell – darunter auch die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (ADK) in Ludwigsburg, an der acht Absolventen der Dramaturgie vor wenigen Tagen nun ihren Master-Abschluss feiern konnten. Zur Verleihung in der Barockstadt reisten rund 50 Studenten und Dozenten des neu gegründeten Vereins „FreeSzFE“ für mehrere Tage an. Es wurde eine feierliche Demonstration des europäischen Gedankens – dass niemand einfach so allein gelassen wird.

Zum Gespräch mit unserer Zeitung in dieser Woche kommen die Puppenspielerin und Regisseurin Kata Csatò, der Studiengangsleiter Regie und Schauspieldozent Péter Forgács und Dramaturgie-Professor László Upor, zugleich Ex-Vize-Rektor der Uni, an der er 35 Jahre lang tätig war, sowie der Dramaturgie-Absolvent Dániel Herczeg – einer der acht Studenten, die nun trotz aller Widrigkeiten ihren Abschluss in der Tasche haben. „Ich bin unglaublich dankbar“, sagt er sichtbar gerührt. Die Situation war erschreckend, wir waren völlig isoliert. Wir hatten Angst, vor dem Nichts zu stehen. Deshalb war es toll, zu sehen, wie man sich um uns gekümmert hat.“ Der Sommer 2020 sei eine extreme Erfahrung für seine Generation von Künstlern gewesen. „Es war ein Drama, die Uni zu verlieren – aber auch ein Akt kollektiver Anstrengung, dagegenzuhalten.“ Die letzten Monate seines Studiums unterschieden sich dabei gar nicht so sehr von der Zeit davor, erzählt Herczeg, schließlich fand wegen Corona alles online statt, einschließlich der Prüfungen und der Besprechungen der Abschlussarbeiten.

„Dass wir jetzt so zahlreiche Kooperationen auf europäischer Ebene haben, hätten wir uns vor einem Jahr kaum erträumt“, betont László Upor. Erst in ein paar Jahren werde man wirklich sehen, was man durch diesen Schritt verloren oder doch gewonnen habe. „Die Studenten wurden zu Helden, aber viele Dozenten sind für immer gegangen. Das bedeutet Verlust – aber auch Hoffnung.“ Dass mit der neuen, regierungstreuen Leitung der Hochschule nicht zu reden sein würde, merkten er und seine Kolleginnen und Kollegen schnell. „Alle Gesprächsangebote waren einseitig, sie wollten nur Anweisungen geben“, klagt er. Eines der Hauptprobleme dieses politischen Konstrukts sei, dass die Leitung einer Stiftung üblicherweise nicht auf die Inhalte einwirken dürfe – und das sei hier anders. „Es gab während der 71 Tage des Protests viele Versuche, die Bewegung zu schwächen“, so Upor. „Das hat nicht geklappt. In dieser Zeit ist viel Kreativität entstanden.“ Und Kata Csatò ergänzt: „Es ist eine schockierende Situation gewesen, in der wir Zeit brauchten, zu sehen, wie wir mit der Krise umgehen können.“

Rund zwei Drittel des akademischen Personals sind im Zuge der Umwandlung der Budapester Hochschule gegangen, eine wahre Erosion der Strukturen. Gleichzeitig sind neue Lehrkräfte geholt worden, die auf der rechtskonservativen Linie der Regierung liegen. Ein paar wenige sind trotz der schwierigen Situation geblieben, oftmals, weil sie ihre Studenten nicht im Stich lassen wollten, die die Uni aktuell nicht verlassen wollen oder können. So wie Péter Forgács, der zugleich, wie er sagt, einen extremen Spagat übt, indem er zugleich weiter an der SzFE lehrt und sich bei „FreeSzFE“ engagiert. Die Situation an der Hochschule sei schwierig, erklärt er. „Alle Studenten, die noch vor der Privatisierung angefangen haben, arbeiten getrennt von den neu aufgenommenen, in anderen Räumen, mit anderen Dozentinnen und Dozenten“, so Forgács. „Das Beste, was wir tun können, ist die Tür zu schließen und unser eigenes Ding zu machen. Die neue Führung lässt uns machen, gibt sich tolerant, behandelt uns aber wie Mitarbeiter zweiter Klasse.“

Wie sich das Projekt, das gestern in Budapest mit dem Europäischen Bürgerpreis 2021 ausgezeichnet wurde, entwickelt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Über die Abschlüsse für die aktuellen Studierenden hinaus soll das europäische Netzwerk – mit dem Mozarteum Salzburg, der Accademia Teatro Dimitri (Verscio/Schweiz), der Warschauer Theaterakademie und ihrer Puppenspiel-Fakultät im polnischen Bialystok, der Filmakademie Wien sowie, flankierend, auch der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg – verstetigt werden, mit Austauschprogrammen in alle Richtungen. Die Zusammenarbeit von allen Beteiligten sei „langfristig gedacht, mit dem Bestreben, eine zeitgemäße Ausbildung in einem europäischen Rahmen zu fördern“, so ADK-Direktorin Elisabeth Schweeger, der das Programm ganz besonders am Herzen liegt. „Eine Universität oder Akademie unabhängig von politischen Systemen ist ein Traum, wir werden sehen, ob es klappt. Es ist hochspannend.“

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