Ludwigsburg | 13. Oktober 2017

Geländezwerge kombinieren Praktikabilität und Emotionen

Kleine SUV sind offenbar das nächste große Ding der Autobranche: „Wir gehen davon aus, dass die SUV im B-Segment die sogenannten C-SUV bis zum Ende der Dekade überholen werden“, sagt zum Beispiel Kia-Europachef Michael Cole und rechnet mit nahezu einer Verdopplung der Zulassungszahlen. Und weil von diesem Anstieg jeder profitieren will, gehen allein in dieser Saison ein halbes Dutzend neuer Modelle in den Großstadtdschungel.

Getragen wird dieser Trend von einem Wertewandel bei den Kleinwagen, sagt Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer: In den 1980er und 1990ern seien VW Polo oder Ford Fiesta in diesem Segment noch das Maß der Dinge gewesen, sagt der Professor an der Universität Duisburg-Essen.

„Doch dann kam die Industrie auf den Trichter, dass klein nicht auch einfach und billig sein muss und hat Nobelzwerge wie den Audi A1 oder kunterbunte Lifestyle-Flitzer wie den Fiat 500 und den Mini gebracht.“ Und jetzt gebe es mit dem SUV plötzlich die Kombination von Praktikabilität und Emotion.

Ganz vorne dabei: die Koreaner. Nahezu gleichzeitig bringen die Schwestermarken Hyundai und Kia im Herbst zwei kleine Geländewagen an den Start. Beide um die 4,20 Meter lang, teilen sie sich nicht nur die Plattform, sondern auch die Philosophie: Beide sind sie für koreanische Modelle ungewöhnlich expressiv gezeichnet. Und beide setzen auf sehr viele, sehr bunte Farbkombinationen und poppige Individualisierungen im Innenraum. Während es allerdings Hyundai bei seinem Kona nach Angaben von Chairman Wonhee Lee ernst meint mit den Geländegenen und deshalb auch Varianten mit Allradantrieb anbietet, kommt der Kia Stonic laut Hersteller zunächst nur als Fronttriebler.

Peugeot und Renault haben mit 2008 und Captur bereits entsprechende Modelle im Rennen und diese mit Blick auf die neuen Konkurrenten gerade gründlich überarbeitet. Als Dritter im Bunde kommt jetzt Citroën dazu. Dort wird der kleine Van C3 Picasso in diesem Herbst vom neuen C3 Aircross ersetzt, der ebenfalls mit erhöhter Bodenfreiheit und robuster Plastik-Beplankung antritt. Allerdings legt Citroën-Chefin Linda Jackson Wert darauf, dass der Aircross ansonsten kein typisches SUV ist. Erstens, weil ihm der Allrad fehlt. Und zweitens, weil er weder Trutzburg noch Aggressor sein will. Sondern sein Design ist betont weich und freundlich.

Die deutschen Hersteller haben diesen Trend dagegen lange Zeit verschlafen. Der Ford Ecosport ist fast schon wieder eine Nummer zu klein, Audi Q2 und Mini Countryman zu groß und zu teuer für die breite Masse. Nur Opel hat sich mit dem Mokka X so früh so gut aufgestellt, dass sich die Hessen nun sogar eine Doppelspitze leisten können. Wem der Mokka X zu groß, zu teuer und zu nah am echten Geländewagen ist, dem bieten sie nun auch den etwas kleineren und abseits der Straße weniger ambitionierten Crossland X an.

Auch der VW-Konzern bläst zur Offensive: Tochter Seat stellt dem erfolgreich gestarteten Ateca zum Jahreswechsel den Arona zur Seite. Mit einer Länge von 4,14 Metern überragt er den neuen Ibiza um acht Zentimeter, ist aber vor allem zehn Zentimeter höher als der konventionelle Kleinwagen.

Auf der gleichen Plattform mischt auch die Muttermarke mit. VW stellte auf der IAA einen kleinen Tiguan-Bruder vor, der sich an der Studie T-Roc orientiert. Und während bei Seat aktuell von Allradantrieb noch keine Rede ist, stellt VW-Entwicklungschef Frank Welsch ihn für den VW in Aussicht.

Marktbeobachter Dudenhöffer wundert sich nicht über die Schwemme der SUV-Zwerge: „So wie alle Welt vom Erfolg der kleinen Premium-Modelle á la Mini überrascht wurde, machen nun ein Tick Ironman und das Gelände-Feeling die kleinen SUV zum next big thing“. (tmn)

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