Ludwigsburg | 23. August 2017

Den Augenblick genießen lernen

Siegfried Dannwolf kennt diesen Bewusstseinszustand, der das Verweilen im Hier und Jetzt verhindert. „Der Mensch ist auf Autopilot geschaltet“, sagt der Coach und Trainer für Stressbewältigung aus Kornwestheim.

Ein Ausstieg sei aber möglich, betont er. In der Achtsamkeit sieht der 65-Jährige eine Chance, um dem Teufelskreis zu entkommen. Und das ist notwendig, denn Dauerstress macht seelisch und körperlich krank. Bereits die Urmenschen kannten laut Dannwolf Stress, doch der war zeitlich begrenzt und hatte mit der Begegnung gefährlicher Tiere bei der Jagd zu tun. „Das Bewusstsein war auf den Säbelzahntiger ausgerichtet“, so Dannwolf. In solchen Situationen sei es gut, wenn der Mensch im Autopilot-Modus funktioniere, schließlich gehe es dann ums Überleben. Heute lauert der Säbelzahntiger überall. Die Folge: Der Autopilot ist immer eingeschaltet.

So geschieht es dann auch, dass die schönen Momente im Urlaub nicht richtig erlebt werden können. In der Flut der Gedanken versinkt der Augenblick. „Die Gegenwart entgeht uns, obwohl wir nur und ausschließlich darin leben“, sagt Dannwolf. Die Achtsamkeit als Schulung des Geistes und einer ganz besonderen Form von Konzentration und Bewusstsein kann dabei trainiert werden.

Was macht einen achtsamen Menschen aus? Der Coach nennt verschiedene Grundhaltungen: Ein achtsamer Mensch sei neugierig, freundlich und damit nicht hart gegen sich und andere, er wirke zufrieden und nicht getrieben, er sei aufmerksam, ohne zu urteilen, im Moment präsent, ohne ihn verändern zu wollen, er könne loslassen beziehungsweise sein lassen und zeige Geduld sowie Vertrauen. „Der Anfängergeist gestattet uns außerdem, jede Situation und jede Person mit neuen Augen zu sehen, nur so lösen wir uns von Vorurteilen, Vorstellungen und Prägungen“, sagt Siegfried Dannwolf.

Im Alltag begegnet einem aber eher der „Expertengeist“, der immer weiß, wie es geht, der urteilt und bewertet sowie ungeduldig, fordernd und zweifelnd ist. Ein Stresstypus eben. Achtsamkeit kann laut Siegfried Dannwolf mit Meditation, Yoga sowie dem in einzelne Körperteile hineinspürenden Entspannungsverfahren Bodyscan eingeübt werden. Er arbeitet dabei mit der Methode MBSR, der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulbased Stress Reduction). Durch Achtsamkeitsübungen könne ein tiefes Gefühl von Frieden und Entspannung eintreten, er nennt aber noch eine weitaus bedeutendere Wirkung: Der Mensch werde sich seiner Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen bewusst. „Damit erweitert sich unsere Freiheit und unser Spielraum im Umgang mit Problemen, Stress und Alltagssituationen“, betont der Coach und Berater.

Der 65-Jährige hat selbst erlebt, was Stress bewirken kann. Der pensionierte Geschäftsführer der SWR-Media Services GmbH und einstige stellvertretende Direktor der Landesanstalt für Kommunikation hatte seine Stresssignale lange nicht erkannt: Vor acht Jahren machte der Rücken Probleme. Vor fünf Jahren war es schließlich ein Husten, dem eine Herzerkrankung zugrunde lag.

„Da war mir klar, dass ich etwas ändern muss“, sagte Dannwolf. In einem Coaching lernte er, die Dinge gelassener und weniger emotional anzugehen. Er hat sich dabei auch intensiv mit dem Thema Älterwerden beschäftigt. Und er hat erkannt, dass Krankheit kein Zeichen der Schwäche, sondern ein wichtiges Stoppsignal ist. „Ich hätte vieles nicht so persönlich nehmen dürfen, Distanz zu den Dingen bewahren und auch für mehr Ausgleich sorgen müssen, denn die Ruhephasen haben völlig gefehlt“, weiß er heute.

Dannwolf hat aber schon viel früher bewiesen, dass man seinem Leben eine Wende geben kann. In den neunziger Jahren trat er aus einer Religionsgemeinschaft aus, die er zunehmend als beengend und restriktiv empfand. Seither berät er Menschen beim Ausstieg aus religiösen Gruppierungen, Sekten oder Sondergemeinschaften, die sich seiner Einschätzung nach belastend oder hinderlich auf die Entfaltung und Entwicklung eines freien Lebens sowie Denkens auswirken und damit ebenfalls Stressauslöser sind. Dannwolf, der der Senioren-Union und dem Kreisseniorenrat angehört, ist zudem Stiftungsrat der Invitare-Stiftung für Mutter und Kind.

Info: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „MenschSein“ berichtet Siegfried Dannwolf am 12. Oktober um 19.30 Uhr bei Invitare in der Mörikestraße 118 in Ludwigsburg über Achtsamkeit und den liebevollen Umgang mit sich selbst. Bei Invitare bietet er außerdem ein am 18. September beginnendes achtwöchiges Aufmerksamkeitstraining an. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.dannwolfcc.de.

Angelika Baumeister
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