Ludwigsburg | 19. Juni 2018

Erster Ausflug für junge Steinkäuze

Wie flauschige Plüschtiere sehen die kleinen Steinkäuze aus. Vor etwa drei Wochen sind sie geschlüpft, fliegen können sie noch nicht. Mit großen Augen schauen sie sich ihre Umgebung an: eine Streuobstwiese in Remseck-Hochdorf. Zum vermutlich ersten Mal haben sie an diesem Tag ihre sichere Brutröhre verlassen. Nicht unbedingt freiwillig, aber zu ihrem eigenen Nutzen. Sie werden beringt, damit sich ihr weiterer Lebensweg verfolgen lässt. Das ist Teil des Programms, mit dem die seltenen Tiere geschützt werden.

Stillhalten lautet die Devise für die jungen Steinkäuze. Fliegen können sie noch nicht und bleiben deshalb ruhig bei den Kindern sitzen. Fotos: Ramona Theiss
Stillhalten lautet die Devise für die jungen Steinkäuze. Fliegen können sie noch nicht und bleiben deshalb ruhig bei den Kindern sitzen. Fotos: Ramona Theiss
Tausende von Steinkäuzen hat Herbert Keil (rechts) in den vergangenen Jahren beringt.
Tausende von Steinkäuzen hat Herbert Keil (rechts) in den vergangenen Jahren beringt.
Jeder Jungvögel wird gewogen und vermessen, die Daten an die Foge übermittelt.
Jeder Jungvögel wird gewogen und vermessen, die Daten an die Foge übermittelt.

Doch das erste, was die Jungvögel von der Welt sehen, sind die Hand und das Gesicht von Petra Ruppel, Mitglied in der Ortsgruppe Remseck-Poppenweiler des Naturschutzbundes (Nabu). Schon seit vielen Jahren engagiert sie sich dort und ist für die Pflege der Brutröhren für die Steinkäuze verantwortlich. Einmal im Jahr werden diese gesäubert. Dieses Mal hat Petra Ruppel jedoch keine Bürste und keinen Eimer dabei, sondern einen weißen Stoffbeutel.

Sie lehnt die Leiter an einen Baum auf und steigt die Stufen hinauf. Umringt wird sie dabei von einigen Interessierten. Vor allem Familien und Kinder wollen sehen, wie eine Beringung abläuft. Petra Ruppel schraubt die Klappe der Niströhre auf und greift vorsichtig hinein. Ihr Gesichtsausdruck sagt mehr als tausend Worte über den Geruch aus, der ihr entgegen schlägt. „Ihr könnt gerne mal die Nase reinhalten“, sagt sie. Nacheinander holt sie drei Küken heraus. Schnell trägt sie den Beutel mit dem kostbaren Inhalt zu Herbert Keil.

Seit 30 Jahren führt der Oberriexinger die Beringung von jungen Steinkäuzen durch. Im Schatten eines Baumes hat der 72-Jährige einen Tisch mit den Utensilien aufgebaut, die er für diese Aktion benötigt. Eine Waage mit einem Behälter darauf, eine Zange zum Befestigen der Ringe, Messinstrumente und ein Buch, in das er unter anderem Gewicht und Größe der Jungvögel einträgt.

„Wer von Euch hat Mut und will einen kleinen Steinkauz in die Hand nehmen?“, fragt er die Kinder, die das Geschehen beobachten und sich durchaus Gedanken um das Wohlergehen der Jungvögel machen. „Haben die Vögel geschlafen und sind jetzt geweckt worden?“, fragt ein Mädchen besorgt. Vorsichtig greift es nach einem der Vögel. „Halte den Popo lieber nach hinten, falls der Vogel etwas fallen lässt“, rät Herbert Keil. Bei dieser Aktion machen sich die Naturschützer dem Umstand zunutze, dass die Jungvögel noch nicht fliegen können. Stillhalten, lautet die Devise der kleinen Eulen.

Wie die Eltern der Küken auf die Störung reagieren? „Die Mutter fliegt hier herum und beobachtet uns ganz genau“, hat der Steinkauz-Experte beobachtet. Sie wird ihren Jungen den Kontakt mit dem Menschen übrigens nicht übel nehmen, sondern sich anschließend unverändert um deren Wohlergehen kümmern. „Problematisch wird es nur, wenn man ihr Gelege verändert“, so Herbert Keil. Darauf reagieren diese Vögel sehr empfindlich. Mit Steinkäuzen kennt Keil sich wahrlich aus: Allein im Vorjahr hat Keil 570 Jungtiere beringt. Acht Brutpaare habe es im Jahr 1988 im Landkreis Ludwigsburg gegeben, diese Zahl ist auf aktuell 240 gestiegen. Dass es sich bei dem Steinkauz um eine bedrohte Tierart handelt, habe weniger mit dem Nahrungsangebot zu tun – gejagt werden Mäuse, Regenwürmer, Eidechsen, Insekten, Blindschleichen und Ringelnattern – als mit dem veränderten Lebensraum. Wo Baumhöhlen auf Streuobstwiesen fehlen, sorgen Nabu-Mitglieder durch das Anbringen von Nisthöhlen für geschützte Brutplätze. Ihnen ist es zu verdanken, dass es hier eine starke Population gibt. In anderen Regionen sind die Steinkäuze dagegen komplett verschwunden.

Vor seinem Einsatz in Remseck-Hochdorf am Samstagnachmittag war er bereits in Asperg, Erdmannhausen und Affalterbach unterwegs. Unterstützt worden ist der 72-Jährige von Gaby Hoffmann aus Mühlacker. „Man kann so viel von ihm lernen, er verfügt über unglaubliches Wissen“, so die Naturschützerin. Außerdem, so ergänzt sie, mache ihr die Aufgabe unglaublich viel Spaß. „Jedes Jungtier sieht anders aus und hat seinen eigenen Charakter“, ist sie überzeugt.

Und die Küken sind unterschiedlich groß, wie die Messungen ergeben. Die Flügellänge der Jungtiere variiert zwischen 8,9 und 11,7 Zentimetern. Mit 161 Gramm bringt eines der Küken das meiste Gewicht auf die Küchenwaage. „Das ist ja wie im Kreißsaal“, kommentiert ein Zuschauer die Kombination aus Wiegen, Messen und Zupfen.

So klein die Tiere auch sind und so niedlich sie aussehen: Ihre Krallen sind scharf. Kleine Blessuren an den Händen trägt Herbert Keil mit Fassung. Er trägt die Daten in ein Heftchen ein. Der Ring, den er an ihren Beinchen befestigt, ist eine Art Personalausweis. Die Zahlenkombination gibt Auskunft darüber, wo die Tiere geschlüpft sind und wann sie beringt wurden. Die Daten gibt der Vogelschützer an die Foge (Forschungsgemeinschaft zum Erhalt einheimischer Eulen) mit Sitz in Radolfzell weiter. So weiß man, dass das älteste beringte Weibchen im Landkreis elf Jahre alt ist. „Da ist ein Stück von ’ner Maus drin“, stellt der Experte nebenbei fest, als er einem der Tiere sanft über den prall gefüllten Bauch streicht.

Noch etwa zwei Wochen wird es dauern, bis die Jungvögel erstmals alleine ihre Niströhre verlassen werden. Das ist eine gefährliche Zeit, in der sie leicht zum Opfer von Bussarden oder Füchsen werden können. Von den Altvögeln, sprich ihren Eltern, lernen sie das Jagen und auch Feinde zu erkennen. Nach einer halben Stunde ist der erste Ausflug für die kleinen Steinkäuze erst einmal vorüber. Petra Ruppel bringt sie in ihre Niströhre zurück.

von marion blum
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