Ludwigsburg | 17. Oktober 2017

Mode nach Maß statt von der Stange

In der Modewerkstatt von Iris Gassner in Bietigheim-Bissingen werden Frauenträume wahr. Auf den goldenen Bügeln hängen die Kreationen, die kürzlich bei der Modenschau der Maßschneiderinnung in Stuttgart vorgeführt worden sind. Abendkleider in fließenden Stoffen gehören ebenso dazu wie zeitlose Kostüme im Chanel-Stil und Kombinationen in zarten Farben.

Das Kostüm im Chanel-Stil ist ein Klassiker, das Kleid ein Bekenntnis zum VFB Stuttgart.
Das Kostüm im Chanel-Stil ist ein Klassiker, das Kleid ein Bekenntnis zum VFB Stuttgart.
Anhand eines Musterbuches suchen sich die Kundinnen die Stoffe aus.
Anhand eines Musterbuches suchen sich die Kundinnen die Stoffe aus.

Individualität und Qualität werden großgeschrieben, die perfekte Passform versteht sich von selbst: Jedes Kleidungsstück wird auf Maß geschneidert. „Zu uns kommen Frauen, die Individualität suchen“, sagt Iris Gassner. Seit 30 Jahren ist sie selbstständig und bildet fast genauso lange aus. Und zwar mit Erfolg. Lea Baltner ist kürzlich als beste Damenmaßschneiderin der Handwerksinnung Stuttgart ausgezeichnet worden. Sie besucht jetzt die Meisterschule in Stuttgart. Anschließend will sie zurück in ihre Heimat, das Allgäu, und sich dort auf das Schneidern mittelalterlicher Gewänder und Fantasiekostüme spezialisieren. „Ich habe das Nähen für mich entdeckt, als ich 14 Jahre alt war“, erzählt die junge Frau. Durch eine Freundin, die Kostüme für Events gefertigt habe, sei sie schließlich zu diesem Beruf gekommen. Das Studium – Biologie und Agrarwissenschaft – hängte sie an den Nagel, um ihr Hobby zum Beruf zu machen. Dass sie geht, bedauert Iris Gassner sehr, sie hätte die talentierte Schneiderin gerne übernommen.

Abitur ist keine Voraussetzung

Aktuell absolvieren bei der Schneidermeisterin, die auch über eine Ausbildung als Entwurfsdirectrice verfügt, Nora Biemann und Stephanie Zwick ihre Ausbildung. Auch die beiden Frauen haben ihr Abitur gemacht, obwohl das keine Voraussetzung für diesen Beruf ist. „Wenn man etwas Selbstgenähtes trägt, ist man stolz“, hat Nora Biemann festgestellt. Und dass ihr zweifellos traditioneller Beruf bei anderen Menschen auf starkes Interesse stößt. Stephanie Zwick hat zunächst Textil- und Bekleidungstechnologie studiert, dann aber festgestellt, dass ihr das Handwerkliche mehr liegt als die Theorie.

Frauen einzukleiden, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Die meisten Kundinnen, viele lassen seit vielen Jahren in der Modewerkstatt von Iris Gassner schneidern, bestellen hier vor allem festliche Kleidung und Businessoutfits. „Zu uns kommen viele Bräute und Brautmütter“, sagt sie. Am Anfang steht das Gespräch: Wie sieht sich die Kundin, wie würde sie gerne aussehen? Außerdem sollen Stärken betont und Schwächen kaschiert werden. Iris Gassner ist es wichtig, dass ihre Auszubildenden ebenfalls einen entsprechenden Blick entwickeln. Die Stoffe, die zu Kleidung verarbeitet werden, sind edel und stammen vor allem aus Italien und Frankreich. „Ich bestelle ihn auf zehn Zentimeter genau“, so Iris Gassner. Und sie achtet darauf, dass sie ihn niemals doppelt verwendet. Keine ihrer Kundinnen soll einer anderen Kundin begegnen, die ein Kleid aus dem gleichen Stoff trägt.

Nach der Beratung wird Maß genommen, zunächst werden die Schnittmuster und später der Stoff zurechtgeschnitten. Zur ersten Anprobe werden die einzelnen Stoffteile nur zusammen geheftet, später an der Maschine genäht. „Wir lassen unsere Kundinnen erst gehen, wenn die Kleidung perfekt sitzt“, so Iris Gassner. Auch Hüte und Täschchen aus dem passenden Stoff werden auf Wunsch gefertigt und runden das Erscheinungsbild ab. Maßarbeit braucht ihre Zeit: Ein Kostüm wird in rund 40, eine Bluse in acht Stunden gefertigt. Um sich inspirieren zu lassen, schauen sich die Schneiderinnen an, was bei den großen Modenschauen in Paris, Mailand und New York gezeigt wird, stöbern aber auch in Modezeitschriften.

Die Arbeit bietet durchaus meditativ anmutende Momente: „Wenn man ein Knopfloch näht, ist man tief in sich und seine Arbeit versunken“, hat die Schneidermeisterin festgestellt. Wer zu ihr kommt, erhält auch gleich eine Stilberatung, ohne dem Gegenüber etwas aufzwingen zu wollen. „Mich darf man sehen, wenn ich auf dem Kreuzfahrtschiff zum Essen gehe“, zitiert Iris Gassner eine etwas rundliche Dame, die nicht von ihrer Vorliebe für auffallende Stoffe abrücken wollte. Der englischen Königin bescheinigt die Expertin, immer gut angezogen zu sein: „Sie will sich durch Kleidung in kräftigen Farben von der Masse abheben.“

Leggings sind ein modisches Tabu

„Der Fluch dieses Berufs besteht darin, dass man nichts mehr von der Stange kaufen kann“, so Lea Baltner. Sie schaut genau hin, wenn sie shoppen geht. Was sie dort sieht, gefällt ihr nur selten. Auch der Blick auf ihre Geschlechtsgenossinnen lässt sie manchmal gruseln. „Leggins sind ganz schlimm“, findet sie, und ihre Kolleginnen nicken zustimmend. „Schade, dass viele Frauen etwas tragen, was modisch ist, ihnen aber nicht steht“, bedauert sie.

Iris Gassner lehnt dagegen Jogginghosen kategorisch ab. In ihrem Schrank befindet sich fast nur Kleidung, die in ihrem Atelier entstanden ist. Maßarbeit hat aber auch ihren Preis. Der entspricht dem von gehobener Designermode. Die Schneidermeisterin hat in ihrer beruflichen Laufbahn 26 Frauen ausgebildet, bisher aber noch keinen Mann. Das darf sich ändern, wenn das Interesse und die Begabung vorhanden sind. Wer sagt denn, dass Männer nicht auch von schöner Mode träumen.

von marion blum
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige