Ludwigsburg | 16. Mai 2018

Wenn nichts mehr trägt – Hilfe für trauernde Eltern

Das Buch, das Silia Wiebe und Silke Baumgarten gemeinsam geschrieben haben, hätten sie sich selbst gewünscht. Beide haben Kinder in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens verloren. In ihrem Buch haben sie mit Eltern gesprochen, deren Kind ebenfalls gestorben ist.

Eltern, die um ihr totes Kind trauern, tun dies auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Ein allgemeines Rezept gibt es nicht. Foto: Kai Remmers/dpa
Eltern, die um ihr totes Kind trauern, tun dies auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Ein allgemeines Rezept gibt es nicht. Foto: Kai Remmers/dpa
Silia Wiebe/Silke Baumgarten: Das Trauerbuch für Eltern. Kösel. 176 Seiten. Foto: Kösel-Verlag/dpa
Silia Wiebe/Silke Baumgarten: Das Trauerbuch für Eltern. Kösel. 176 Seiten. Foto: Kösel-Verlag/dpa

Die Interviews zeichnen die individuellen Wege auf, mit der Trauer umzugehen. Ein Gespräch mit der Autorin Silke Baumgarten darüber, was Eltern in dieser schweren Zeit brauchen und was Außenstehende für sie tun können.

Gab es in den Gesprächen mit den Eltern etwas, das immer wiederkehrend genannt wurde, weil es ihnen im Trauerprozess geholfen hat?

Silke Baumgarten: Tatsächlich ist das, was den Eltern hilft, sehr unterschiedlich. Aber alle empfinden es als wohltuend, wenn über ihr verstorbenes Kind gesprochen wird. Einfach, dass sie erzählen können und ihnen geduldig zugehört wird.

Aber auch, dass Freunde und Verwandte schildern, was sie mit dem Kind erlebt haben, wie sie es wahrgenommen haben, was sie besonders an ihm liebten – all das ist Trost für trauernde Eltern.

Viele Menschen denken ja: bloß nicht dran rühren! Sie haben Angst, dass sie die Wunde des Verlustes neu aufreißen, wenn sie vom verstorbenen Kind sprechen. Dabei ist das Gegenteil der Fall – es ist heilsam und hilft den Eltern, wenn sie merken: Ihr Kind ist nicht vergessen.

Gab es Dinge, die Sie beide überrascht haben bei der Recherche?

Baumgarten: Ja. Wir wussten zwar vorher: Trauer hat viele Gesichter. Aber uns hat dann doch überrascht, wie viele verschiedene Wege die Eltern gegangen sind, um mit der Trauer zu leben, und um wieder ins Leben zurückzufinden.

Da gibt es die Mutter, die sofort wieder arbeiten ging, weil sie eine feste Struktur brauchte und sagte: „Sonst wäre ich verrückt geworden.“ Da gibt es den Vater, der sich erst mal zurückgezogen hat, weil ihm der Trubel und die Geschäftigkeit absurd vorkamen. Eine Mutter machte gleich nach dem Tod ihres Sohnes eine Clownsausbildung, eine andere kämpfte jahrelang für eine Ampel an der Stelle, an der ihr Kind tödlich verunglückte.

Durch all diese Schilderungen bin ich zu der Überzeugung gelangt: Es gibt wohl kein Gefühl, das individueller ist als Trauer. Und wer den Mut hat, sich nicht mit anderen zu vergleichen, sondern auf seine ganz eigene Art trauert, der findet den richtigen Weg. Wobei Trauer nie ganz verschwindet, auch das erzählen alle Eltern. Der Schmerz bleibt. Er verändert sich nur.

Es gibt ja viel Trauerliteratur: Warum dieses Buch, was war Ihnen wichtig?

Baumgarten: In unserem Buch erzählen Eltern sehr offen, ausführlich und persönlich, was ihnen nach dem Tod ihres Kindes geholfen hat. Und genau dieser Fokus war uns wichtig. Was trägt, wenn eigentlich nichts mehr trägt? Das war unsere Leitfrage. Denn das war genau die Frage, die uns selbst umtrieb, als wir um unsere Kinder trauerten.

Das Buch, das wir jetzt geschrieben haben, hätten wir uns damals selbst gewünscht. Nun hoffen wir, andere Eltern zu unterstützen, die den Verlust ihres Kindes verkraften müssen. Denn oft sind auch sie erst einmal völlig ratlos, wissen nicht, was sie für sich tun können, was überhaupt möglich ist.

Das Buch ist aber auch für Angehörige und Freunde gedacht. Denn auch sie sind oft unsicher: Wie können wir helfen?

Wie können Angehörige und Freunde das denn tun?

Baumgarten: Weil Trauer so ein ausgesprochen individuelles Gefühl ist, gibt es keine Liste, die man abarbeiten kann. Aber was allen hilft, ist das, was ich vorhin schon angedeutet habe: zuhören, mitfühlen, da sein. Immer wieder. Selbstlos und geduldig. Das ist das Wichtigste. Und zwar nicht nur in den ersten Wochen. Sondern auch noch am ersten Todestag – und am besten noch an allen weiteren Todestagen.

Für unser Buch haben wir auch Psychotherapeutin Verena Kast befragt. Sie sagt: Erst nach neun Monaten wird den Hinterbliebenen tatsächlich klar, dass er oder sie wirklich nie wiederkommt. So lange dauert es, bis der Verlust durchdringt. Und genau zu diesem Zeitpunkt, also nach einem Dreivierteljahr etwa, sagen viele Angehörige: „Nun muss aber doch mal gut sein! Das Leben geht doch weiter!“ Das läuft richtig gegeneinander.

Was von Angehörigen und Freunden ebenfalls oft falsch gemacht wird, ist der berühmte Satz: „Melde dich, wenn du mich brauchst.“ Das ist durchaus lieb gemeint – aber so funktioniert es leider nicht. Das ist eine Überforderung. Fast so, als müssten wir bei einem Herzinfarkt auch noch unser eigener Notarzt sein.

Das heißt: Freunde sollten Angebote machen, sich melden, zeigen, dass sie da sein möchten, und immer wieder fragen: „Was kann ich für dich tun? Willst du mit uns ins Kino gehen?“ Oder: „Ich bin gerade in der Nähe, wollen wir einen Kaffee trinken?“ Und es nicht persönlich nehmen, wenn die Antwort „Nein“ lautet. Vielleicht geht beim nächsten Mal schon mehr.

Mit dem Partner gemeinsam trauern: Wie kann das funktionieren? Kann man sich überhaupt gegenseitig helfen, wenn das Kind stirbt?

Baumgarten: Die Trauer um ein Kind gemeinsam auszuhalten ist schwer. Das zehrt an der Partnerschaft, einige Paare erzählen davon in unserem Buch. Manche hat dieser Schicksalsschlag auch auseinandergerissen. Ich habe aus den Gesprächen mitgenommen, dass in der Trauer um ein Kind all das gilt, was auch sonst für eine funktionierende Partnerschaft gilt. Nur braucht man von allem eine viel größere Portion.

Um es mit einem schlichten Beispiel zu erklären: Der eine kann nur noch Mozart hören – der andere nur Musik von Queen aushalten. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch und keinen Kompromiss.

Das Einzige, was hilft, ist Respekt. Und notfalls der erforderliche Abstand, damit keiner von der Musik des anderen gestört wird – um in dem Bild zu bleiben. Und gleichzeitig sollten die Paare auch die Nähe zueinander suchen und reden, reden, reden. Auch über das, was man vielleicht kaum zu denken wagt. Bloß nicht schweigen. Sich nicht zurückziehen und denken: Das kann ich dem anderen nicht zumuten. Denn auch das Unausgesprochene wirkt.

Julia Kirchner
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