Ludwigsburg | 16. September 2017

Neues Arbeiten in der Autoindustrie

Wenn es um BMW und Daimler, Opel und Volkswagen geht, fällt oft das Wort Autobauer. Ganz korrekt ist der Begriff aber eigentlich nicht mehr. „Die Formel für die Mobilität der Zukunft ist ,Software mal Dienstleistungen‘“, sagt Professor Stefan Bratzel, Direktor des Center for Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Das klingt kompliziert. Es bedeutet aber eigentlich nur, dass die Autoindustrie in Zukunft viel mehr machen wird, als nur Fahrzeuge herzustellen.

Große Teile der Autoproduktion erledigen schon heute Roboter und Maschinen. Dadurch ändert sich auch für die Beschäftigten viel. Foto: Jan Woitas/dpa
Große Teile der Autoproduktion erledigen schon heute Roboter und Maschinen. Dadurch ändert sich auch für die Beschäftigten viel. Foto: Jan Woitas/dpa

Die Anzeichen dafür sind längst zu sehen: Konzerne wie BMW und Daimler haben bereits eigene Carsharing-Angebote, werden also vom reinen Hersteller zum Autovermieter. Zunehmende Vernetzung verwandelt Autos in rollende Computer. Und Assistenten und Autopiloten nehmen dem Fahrer immer mehr Arbeit ab – und könnten Autos in Zukunft sogar ganz alleine steuern.

Und damit kommen auch auf die Beschäftigten der Autoindustrie große Veränderungen zu. Denn alle diese neuen Geschäftsmodelle und Autopiloten wollen ja entwickelt werden: von Unternehmensberatern, Datenexperten und Softwarespezialisten. Kein Wunder, dass die großen Automobilkonzerne händeringend nach solchen Fachkräften suchen. Und auch beim Bau der Fahrzeuge selbst wird nach einhelliger Expertenmeinung kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.

Einen guten Elektromotor zu bauen, erfordert zum Beispiel andere Kenntnisse als die Konstruktion klassischer Verbrennungsmotoren, so Bratzel. Denn effizient wird ein solcher Motor erst durch gute Steuersoftware. Deshalb sind hier vor allem Programmierer gefragt. Und auch Chemiker werden künftig eine viel größere Rolle in der Motorenentwicklung spielen, glaubt der Experte. Denn die wissen, was im Akku eines Elektromotors vor sich geht – und damit auch, wie man diesen besser macht.

Aber die größten Veränderungen stehen wahrscheinlich in der klassischen Produktion an, also dort, wo die Autos tatsächlich vom Band rollen. Denn wie in vielen anderen Branchen werden auch in der Autoindustrie künftig noch mehr Roboter so manche Arbeit übernehmen. „Wir sehen generell eine hohe Substituierbarkeit für fertigungstechnische Berufe“, sagt Katharina Dengler vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit.

Die Wissenschaftlerin untersucht Jobs auf ihre Substituierbarkeit – also darauf, inwiefern sie durch eine Maschine ersetzbar sind. Das Ergebnis ist teilweise ernüchternd: „64 Prozent der Tätigkeiten in den fertigungstechnischen Berufen könnten heute schon von Computern oder Maschinen erledigt werden“, erklärt Dengler. Welche das genau sind, hängt vom jeweiligen Job ab: Reinigungsarbeiten beherrschen Roboter noch nicht so gut, im Karosseriebau sind sie schon spitze.

64 Prozent Substituierbarkeit bedeutet allerdings nicht, dass künftig zwei Drittel der Jobs in den Fabrikhallen von Autokonzernen wegfallen. „Berufe werden nur in den seltensten Fällen gänzlich verschwinden, sie werden sich vor allem verändern“, sagt Dengler. Denkbar sei auch, dass damit ganz neue Berufe entstehen, oder dass Jobs ihren Titel behalten, in zehn Jahren aber ganz anders aussehen als heute.

Denn mit dem Siegeszug der Roboter wird sich auch die gesamte Produktionsweise der Autoindustrie verändern. „Wir werden in den nächsten Jahren in der Autoindustrie eine Abkehr von der Linienmontage sehen, hin zu einer modularen Montage“, sagt Ralf Bechmann von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. „Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass jeder Standort eines Automobilkonzerns künftig jedes Fahrzeug herstellen kann, nicht mehr nur einzelne Baureihen und abgeleitete Varianten.“

Damit das klappt, müssen aber nicht nur die Fabriken, sondern auch die Mitarbeiter flexibler werden. „Es wird in Zukunft nicht mehr so sein, dass jeder Mitarbeiter jeden Tag den gleichen Arbeitsschritt ausführt“, sagt Bechmann, „stattdessen wird es ständig wechselnde Anforderungen und einen häufigen Wechsel des Arbeitsplatzes geben.“

Auch werden künftig andere Fachkräfte gesucht als jetzt. So muss zwar nicht jeder Produktionsarbeiter IT-Spezialist sein, sagt Bechmann. Kenntnisse in Mechatronik und Softwareentwicklung würden aber immer gefragter. „Multidisziplinäres Arbeiten wird in der Autoindustrie immer wichtiger, genau wie lebenslanges Lernen und hohe Lernbereitschaft“, sagt Dengler. Das gelte für alle Mitarbeiter, egal in welchem Job und mit welchem Abschluss.

Das klingt nach viel Stress, muss für die Mitarbeiter aber nicht unbedingt schlecht sein. Bechmann geht zum Beispiel davon aus, dass die Unternehmen der Autoindustrie künftig viel mehr in Weiterbildung investieren und sich auch sonst mehr um ihre Mitarbeiter kümmern müssen. Denn die Konkurrenz um qualifizierte Jobeinsteiger ist groß – und ihre Zahl begrenzt.

„Generell wird es für Unternehmen wichtiger, flexibler und damit attraktiver für Fachkräfte zu sein“, sagt Bechmanns Kollegin Silvia Hernandez – und meint damit etwa flachere Hierarchien und alternative Karriere- und Arbeitszeitmodelle, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Auszeiten inklusive. „Wir haben zum Beispiel jetzt schon Start-ups innerhalb großer Konzerne, mit den entsprechenden Auswirkungen auf Arbeitsweise und Unternehmenskultur.“

Tobias Hanraths
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