Ludwigsburg | 01. April 2017

Platonische Freundschaftenam Arbeitsplatz

Filmpreise, Reichtum und Ruhm: Mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper haben die meisten erst einmal wenig gemeinsam. Doch zahlreiche US-Medien sagen den beiden etwas nach, das am einen oder anderen Arbeitsplatz auch vorkommt: eine Arbeitsehe. Die beiden US-Schauspieler haben zahlreiche Filme gemeinsam miteinander gedreht, sie kennen sich gut, gelten als Work Spouses (Arbeitsehepartner). Doch was ist das eigentlich – und taugt das auch für den ganz normalen Arbeitsalltag?

Als Arbeitsehe gilt eine tiefe platonische Freundschaft mit einem Arbeitskollegen. Wie Studien zeigen, kann eine solche Freundschaft am Arbeitsplatz durchaus von Vorteil sein, wenn sich die Partner gegenseitig inspirieren und miteinander diskutieren. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Als Arbeitsehe gilt eine tiefe platonische Freundschaft mit einem Arbeitskollegen. Wie Studien zeigen, kann eine solche Freundschaft am Arbeitsplatz durchaus von Vorteil sein, wenn sich die Partner gegenseitig inspirieren und miteinander diskutieren. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Eine Arbeitsehe sei eine tiefe, platonische Freundschaft mit einem Arbeitskollegen, erklärt Sabine Hommelhoff und bezieht sich dabei auf eine Studie zum Thema. Hommelhoff arbeitet am Lehrstuhl für Psychologie im Arbeitsleben an der Universität Erlangen-Nürnberg und forscht unter anderem zum Thema Freundschaft am Arbeitsplatz. Besonders an diesen Arbeitsehen sei, dass sie ein „romantisches Potenzial“ haben – es besteht also rein theoretisch die Möglichkeit einer romantischen Beziehung.

Eine solche Beziehung bringe natürlich neben all den positiven und schönen Seiten auch Probleme mit sich, erklärt Hommelhoff. Zum einen könne es zu Missverständnissen, Gerüchten und Lästereien kommen. „Das heißt, harmlose Aussagen könnten unter Umständen als romantisches Interesse fehlinterpretiert und als unangenehm empfunden werden“, so die Expertin.

Außerdem kann zu viel private Nähe am Arbeitsplatz auch schwierig werden – besonders mit Blick auf die Gesprächsthemen. „Man muss genau aufpassen, dass man eine bestimmte Grenze nicht überschreitet“, warnt Hommelhoff. Mancher spreche zwar auch auf der Arbeit über Krankheiten, Familienplanung oder sogar sexuelle Vorlieben – für andere sei das undenkbar. Wer von seinem Arbeitsehepartner allzu private Fragen gestellt bekommt, sollte sich ein paar gute Antworten oder Gegenfragen zurechtlegen, rät die Expertin. Das kann etwa sein: „Das ist mir zu privat“ oder „Warum willst du das wissen?“.

Und egal ob Arbeitsehe oder einfach nur vertrautes Verhältnis am Arbeitsplatz: Zu viel Nähe kann auch zu Problemen im Job führen, denn wenn Diskretion gefragt ist, könne es zu Konflikten kommen, sagt Hermann Refisch, Kommunikationsexperte aus Frankfurt am Main. Beispielsweise weiß ein Kollege etwas vom Chef über eine Personalie – darf aber nicht drüber sprechen. Der Arbeitsehepartner sagt: „Aber mir kannst du es doch sagen!“ „Das ist ein Dilemma, sehr heikel“, erklärt Refisch. Und man ist gut beraten, die Personalie dann nicht auszuplaudern. Auch wenn der eine Kollege aufsteigt und der andere nicht, kann das schnell zu Ärger führen – und zum Ende der Arbeitsehe.

Ein anderes Problem kann die Außenwahrnehmung sein. Refisch hält es für gefährlich, privat ganz eng miteinander zu sein – es aber nach außen hin zu verheimlichen: „Die Menschen sind sehr sensibel. Sie nehmen das wahr und denken: Da stimmt was nicht.“ Aber wenn zwei im Büro nur klüngeln, kann das unter Umständen bei den Kollegen auch nicht gut ankommen.

Auch Gerüchte über eine mögliche sexuelle Beziehung zwischen den Arbeitsehepartnern können die Stimmung vergiften. Refisch rät, nicht immer nur zu zweit essen zu gehen und in Diskussionen auch mal eine gegensätzliche Position einzunehmen.

Eine enge Beziehung am Arbeitsplatz hat aber durchaus auch nicht nur Nachteile. Einer Untersuchung des Bundesarbeitsministeriums zufolge schätzen Personalverantwortliche ein gutes Betriebsklima und persönlichen Kontakt. Der Grund: Diese Faktoren zählen neben der Vergütung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu den Faktoren, die Mitarbeiter an den Betrieb binden.

Und eine gute Beziehung im Job kann sich auch auf die Arbeit auswirken: Eine US-amerikanische Studie kam bereits 1997 zu dem Ergebnis, dass Gruppen, deren Mitglieder befreundet sind, bei Entscheidungsprozessen besser abschneiden als Gruppen, deren Mitglieder nur Bekannte sind. Das US-amerikanische Marktforschungsinstitut Gallup stellt fest, dass die Loyalität zum Unternehmen auch davon abhängt, wie gut die Mitarbeiter sich untereinander verstehen.

Auch Refisch sieht Vorteile in der Arbeitsehe oder auch engem privaten Kontakt im Büro. „Freunde sind in der Lage, eine sinnvolle Form von Feedback zu geben“, erklärt er. Und Feedback sei auf allen Ebenen im Unternehmen wichtig und oft Mangelware. Man könne außerdem unfertige Gedanken miteinander diskutieren und sich so gegenseitig inspirieren.

Wie verbreitet Arbeitsehen sind, lässt sich nicht sagen, dazu gibt es keine Zahlen. Doch das Phänomen ist nicht zwangsläufig neu – auch beim ehemaligen US-Präsident George W. Bush und Außenministerin Condoleezza Rice war schon von Work Spouses die Rede. Diese Verbindung ist inzwischen fast ein Jahrzehnt her – doch Refisch fällt noch ein viel älteres Beispiel für Arbeitsehepartner ein: der Chef und seine Sekretärin. So antiquiert muss es heute freilich nicht mehr zugehen – in der Arbeitsehe.

Internet: Weitere Infos liefert etwa der englische BBC-Artikel zu Work Spouses auf http://www.bbc.com/ capital/story/20161106-having-a-work-spouse-makes-you-happier.

Julia Naue
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