02. Juni 2014

Grün, grüner, New York: Eine Stadt entdeckt sich neu

New York (dpa) - Noch vor wenigen Jahren war selbst vielen New Yorkern nicht bewusst, dass ihre Metropole wirklich am Wasser liegt.

New York - Yoga im Park
Free Yoga im Bryant Park in Manhattan, New York. Foto: Christina Horsten
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New York - Manhattan mit Central Park
Blick vom Rockefeller Center auf den Central Park. Foto: Sven Hoppe
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Verfallende Industriegebäude, Häfen und Brachflächen dominierten die Küsten. East River, Hudson River und Kanäle wie der Gowanus in Brooklyn waren dermaßen mit giftigen Abfällen verseucht, dass so gut wie niemand auch nur einen Zeh hineinstecken wollte. Die Menschen lebten mit dem Rücken zum Wasser. «Es gab an der Küste überhaupt keine Wege», erzählt Cy Adler, der seit rund 30 Jahren in der Millionenmetropole wandert und jedes Jahr eine Gruppe Gleichgesinnter beim «Great Saunter» (Großer Bummel) um Manhattan herumführt. «Anfangs mussten wir über Schienen kraxeln und durch Löcher in Zäunen steigen.»

Heute ist der 52 Kilometer lange Weg um die Insel zu großen Teilen ein Spaziergang durch blühende Parks. Fast die komplette Westseite Manhattans - vom Finanzviertel im Süden über das Szene-Viertel Chelsea, Midtown, die Upper West Side und bis hoch nach Harlem und den Inwood Park an der Nordspitze Manhattans - ist mit Fahrrad- und Fußgängerwegen sowie Grünflächen ausgebaut. Auch an der Ostseite der Insel tut sich immer mehr und die anderen Stadtviertel ziehen nach. Die einst als Inbegriff einer dreckigen, grauen Beton-Stadt geltende Millionenmetropole New York ist auf dem besten Weg, die Appelle zum Weltumwelttag am Donnerstag (5. Juni) umzusetzen: Städte möglichst grün zu gestalten und Menschen vor den Folgen der Erderwärmung zu schützen.

Aber der Wandel kam nicht nur freiwillig: In den 60er und 70er Jahren, als viele Parks der Stadt verfielen und auf den Straßen der Verkehrskollaps drohte, verließen die Menschen den Smog New Yorks in Scharen. Ganze Gebäudeblocks standen leer, die Kriminalitätsrate stieg. «Die reichste Stadt des Landes atmet die schlechteste Luft», beschwerte sich die «New York Times» 1969. «Die Stadt mit den meisten Parks des Landes, könnte in einer Generation ohne Grünflächen sein. Die Welthauptstadt der Kunst ist die dreckigste Metropole des Landes.»

Dazu kam ein immer stärkeres Bewusstsein für den Klimawandel und die Verletzbarkeit der am Wasser gelegenen Metropole - besonders deutlich geworden durch den Wirbelsturm «Sandy» 2012, der große Teile New Yorks verwüstete und unter dessen Folgen die Stadt bis heute leidet. «Mit unserem öffentlichen Nahverkehr, der Dichte und der guten Struktur hat New York die Möglichkeit, ein nachhaltigerer Ort zu werden», sagte Ron Shiffman, der seit mehr als einem halben Jahrhundert als Stadtplaner in der Metropole arbeitet, jüngst der «New York Times». «Aber wenn wir diese Vorteile nicht nutzen, werden wir leiden. Und wie wir von Wirbelsturm "Sandy" gelernt haben, brauchen wir gute Pläne. Wir müssen uns steigenden Meeresspiegeln und stärkeren Stürmen anpassen.»

Ein grüneres New York sei auch angenehmer, so Shiffman. «Es wird zu einer enorm verbesserten Umgebung führen, die schöner ist und mehr offene Plätze hat, an denen sich Menschen treffen können. Es wird mehr Bäume geben und Pflanzen, die das Wasser absorbieren und die Hitze der Bürgersteige reduzieren, mehr Schatten bieten und an heißen Tagen eine kühlende Wirkung haben.»

Besonders im Sommer setzt New York inzwischen alles daran, seine Bewohner nach draußen zu locken - und da viele in engen, stickigen und fensterlosen Wohnungen leben, folgen sie nur allzu gerne. Neue Fahrradwege, Sportplätze, Picknickanlagen - sogar mit Blick auf die Freiheitsstatue - Sonnenliegen und neue Parks werden an vielen Orten angelegt. Die Stadt unterstützt kleine Gemeinschaftsgärten, immer mehr New Yorker buddeln in der Erde und halten zwischen Straßenschluchten und Hochhäusern Hühner.

Das neue Natur-Bewusstsein, vorangetrieben vor allem in der Amtszeit von Bürgermeister Michael Bloomberg (2002-2013), hat die Stadt verändert: Am Wasser liegende Wohngegenden sind wieder begehrt. In Gowanus in Brooklyn wird der gleichnamige Kanal derzeit gesäubert und die Häuserpreise stiegen nach Angaben der «New York Times» seit 2004 um mehr als die Hälfte. Aus einer stillliegenden Hochbahntrasse im Südwesten Manhattans wurde der Highline-Park, der aus dem Grünen heraus beste Blicke auf die Skyline bietet und sich zu einer der Haupt-Touristenattraktionen der Stadt entwickelt hat. Zur Eröffnung 2009 kürte ihn das «Wallpaper»-Magazin zum «Lebensverbesserer des Jahres».

Inzwischen gilt es unter New Yorkern gar als schick, sich für die Natur einzusetzen. Stars wie die Schauspieler Edward Norton und Kevin Bacon und die Designerin Diane von Fürstenberg demonstrierten jahrelang für die Highline. Schauspielerin Bette Midler hat sogar eine eigene Stiftung für ein «grüneres, nachhaltigeres New York» gegründet.

Und die Begrünung soll weitergehen, denn New Yorks neuer Bürgermeister Bill de Blasio hat schon deutlich gemacht, dass er dem Weg seines Vorgängers Bloomberg folgen will. Der hatte der Stadt vor seinem Abgang noch das Papier «PlaNYC2030» hinterlassen, mit einem eindeutigen Ziel: «New York zur grünsten aller Städte zu machen.»

Bericht der New York Times zu Gowanus

Webseite der Highline

Informationen zu PlaNYC2030

Interview der New York Times mit Shiffman

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