18. April 2014

«Mehr als ein Maler»: Große Polke-Schau im MoMa

New York (dpa) - Ob Glas, Luftpolsterfolie oder Stoff - Sigmar Polke bemalte einfach alles. Auch Filme, Collagen, Zeichnungen und Skulpturen gehören zum Werk des Multitalents, das sich mit anscheinend grenzenloser Kreativität, radikalem Zweifel und immer auch einer großen Portion Humor zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit entwickelte.

Sigmar Polke
«Alibis: Sigmar Polke 1963–2010» heißt die Ausstellung im Museum of Modern Art. Foto: Justin Lane
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Sigmar Polke
Sigmar Polke war ein Multitalent. Foto: Justin Lane
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Sigmar Polke
Eine Arbeit von Sigmar Polke im New Yorker MoMA. Foto: Justin Lane
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Sigmar Polke
Blick in die Polke-Ausstellung. Foto Justin Lane Foto: Justin Lane
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«Er war mehr als ein großartiger Künstler», sagt Kuratorin Kathy Halbreich vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), das Polke vier Jahre nach seinem Tod nun posthum seine bislang größte Retrospektive widmet. «Mit seiner enormen Intelligenz hat er mir dabei geholfen zu verstehen, was es bedeutet, ein Künstler zu sein: Grausam, unzufrieden, eigensinnig und ohne jede Balance.»

Fast ein Jahrzehnt lang ist die Ausstellung, die ab dem 19. April in dem renommierten Museum mitten in Manhattan zu sehen ist und nach dem Ende am 3. August noch nach London und ins Kölner Museum Ludwig weiterzieht, im Kopf von Halbreich gereift. «Es fing damit an, dass ich dachte, dass er ein großartiger Künstler ist, der es verdient, bekannter und besser verstanden zu werden.»

Auch in Deutschland steht Polkes Werk bis heute immer ein wenig im Schatten unter anderem von dem seines Kollegen Gerhard Richter. In den USA ist Polke hauptsächlich Kunstexperten ein Begriff. Das will Kuratorin Halbreich nun ändern und hat dafür ein Mammutprojekt gestemmt: Erstmals alle Kunstformen Polkes in einer Ausstellung zu vereinen.

Bei einem Besuch in der niederrheinischen Heimat des Künstlers, zwei Jahre vor seinem Tod, holte sie sich dafür seine Zustimmung. «Ich habe absolut erwartet, dass er nein sagt, wie zu allen anderen vorher auch. Als er zugestimmt hat, war ich erstmal geschockt.»

Polke war noch aktiv in die Planung der Ausstellung eingebunden, bis er dann 2010 im Alter von 69 Jahren an Krebs starb. Einen letzten Wunsch konnte ihm Kuratorin Halbreich nicht erfüllen: «Er wollte auf keinen Fall eine chronologische Ausstellung. Aber wir haben keinen anderen Weg gefunden.»

Mehr als 250 Werke hat das MoMA aus der ganzen Welt zusammengesammelt. Darunter sind Meisterwerke und Skizzen, Bekanntes - das «Kartoffelhaus» und das Bild mit der Aufschrift «Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!» - wie Unbekanntes, Leichtes und Humorvolles und tiefsinnig Kritisches. Immer wieder beschäftigte sich der 1941 im heutigen Polen geborene und später aus der DDR nach Westdeutschland geflohene Polke mit der deutschen Geschichte, die er so schmerzvoll selbst miterlebte.

Gegenüber Autoritäten aller Art blieb er Zeit seines Lebens kritisch. Die Wachtürme beispielsweise, die er immer wieder malte, erinnern an die innerdeutsche Grenze und die Konzentrationslager der Nazis gleichermaßen. «Polke war ein universeller Künstler», sagt Kuratorin Halbreich. «Aber seine Wurzeln sitzen tief in einer vergifteten Seele.»

Viele von Polkes Werken wirken unfertig, ein wenig tollpatschig oder nicht auf lange Dauer angelegt - mit Absicht, wie Halbreich erklärt. Polke sei stets bescheiden geblieben, er wollte nicht ein Meisterwerk nach dem anderen schaffen und damit zu erfolgreich werden. «Zu erfolgreich zu sein nimmt einem vielleicht auch die Radikalität.»

Außerdem habe er nicht anders gekonnt. «Er hatte keine Strategie, da war einfach eine Kraft in ihm.» Polke sei stets auf der Suche gewesen und habe nie klare Antworten gefunden - die seien deshalb auch von seiner Kunst nicht zu erwarten. «Er testet unsere Fähigkeit, mit Gleichzeitigkeit umzugehen. Sigmar steht nicht für Ja oder Nein, er steht für Vielleicht.»

Eines von Polkes letzten Werken, entstanden kurz vor seinem Tod, liegt auf einem Sockel im finalen Raum der Ausstellung. Ein dickes Buch, jede Seite fett getränkt mit blauer Tinte. «Er wusste, dass seine Tage gezählt sind», sagte Halbreich. Aber er hätte noch so viel zu sagen gehabt.

Informationen zur Ausstellung

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