01. Juni 2012

Botanica in Berlin: Weltklasse für Eingeweihte

Berlin (dpa) - Am Mittwoch hatte der große Bruce Springsteen noch vor über 50 000 begeisterten Fans das Berliner Olympiastadion gerockt. Beim Konzert der Indie-Band Botanica verloren sich tags darauf gerade mal einige Dutzend Menschen im kleinen Crystal Club.

Botanica
Kleines Publikum, großes Konzert. Botanica in Berlin. Foto: rent a dog
dpa

Gerecht ist das nicht, denn fantastisch waren beide Auftritte. Botanica zeigten, was es heißt, auch vor überschaubarem Publikum Vollprofi zu sein, sich für wenige Zuschauer den Allerwertesten abzuspielen und zur Not eben ein Weltklasse-Konzert für Eingeweihte zu geben. Energie und Spielfreude dieses US-Quartetts über gut 90 Minuten waren ganz anders, aber nicht weniger mitreißend als die adrenalinstrotzende Stadionrock-Performance des 62-jährigen «Boss» und seiner aufgepumpten E Street Band am Vorabend.

Die Band um Keyboarder/Sänger Paul Wallfisch ist natürlich ein ganz anderes Kaliber als Springsteen und seine jahrzehntelangen Kumpel aus New Jersey. Während Springsteen mit seinen Melodien den direkten Weg zu Ohren und Herzen von Millionen Fans sucht, bleiben Botanica mit ihrer kunstvollen, rauen Rockmusik zwischen Indie-Folk, jazzigen Balladen und Art-Punk stets eher kompliziert und etwas sperrig. Ihre Songs - so schön sie sind - muss man sich erarbeiten.

Kein Wunder, dass Botanica derzeit als Hausband des Dortmunder Theaters bei der gefeierten Bühnenadaption von Michail Bulgakows Jahrhundertroman «Der Meister und Maragarita» gebucht sind. Songs des tollen Theater-Soundtrack-Albums «What Do You Believe In» bildeten in Berlin den Kern eines an Virtuosität und Wucht kaum zu überbietenden Auftritts.

Paul Wallfisch wand sich an Orgel und Piano theatralisch zwischen zwei Mikrofonen und einer Flüstertüte, die gelegentlich seine markante Stimme verfremdete. John Andrews, der mit seinem schwarzen Hut aussah wie eine freundliche Version der «Clockwork Orange»-Bösewichter, holte erstaunliche Riffs aus seiner Gitarre.

Bassist Jason Binnick spielte unauffällig, aber präzise und effektiv den Gegenpart zum eigentlichen Ereignis dieses Abends: dem Schlagzeuger Brian Viglione. Was dieser schmächtige Kerl - bekannt geworden als hyperaktiver Drummer des bizarren Piano/Schlagzeug-Duos The Dresden Dolls mit Amanda Palmer - aus seinen wenigen Becken und Trommeln herausdrosch oder filigran herausklöppelte, das grenzte an Hexerei. Eine beeindruckendere Schlagzeug-Performance wird man lange suchen müssen.

Dabei traten Botanica nicht als Band von vier selbstverliebten Künstlern auf, sondern als echte Einheit mit viel Spaß an ihrer Musik und sympathischer Ausstrahlung. Während Bruce Springsteen stellvertretend einige seiner rund 50 000 Fans im Olympiastadion umarmt hatte, konnte Paul Wallfisch am Ende des Konzerts sein Publikum einzeln abklatschen. Man hatte nicht den Eindruck, dass ihm dies schlechtere Laune bereitete.

Weitere Deutschland-Konzerte von Botanica im Juni: Cottbus (1.), Krefeld (2.), Freiburg (4.), Sindelfingen (6.), Haldern (7.) und Braunschweig (8.).

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