17. August 2012

Poisel: Meine Fans haben auch eine eher dünne Haut

Berlin (dpa) - Philipp Poisel (29) meidet die Öffentlichkeit lieber. Interviews gibt der Stuttgarter nur ungern, Fernsehauftritte lehnt er meistens ab.

Philipp Poisel
Ganz in sich gekehrt: Philipp Poisel. Foto: Christoph Köstlin
dpa

«Wenn die Leute meine Musik gut finden, dann wird sie sich ihren Weg bahnen, ohne dass ich mein Gesicht in jede Kamera halten muss», sagt der in Ludwigsburg geborene Liedermacher, dessen Stimme leicht nuschelig und dessen Songs oft melancholisch klingen. Der Wunsch scheint sich zu verwirklichen. Seine beiden bisherigen Alben erlangten Gold-Status.

Jetzt ist die Live-Platte zur aktuellen Konzertreise «Projekt Seerosenteich» erschienen. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa spricht Poisel über Freiheiten und Rituale, Machos und Tussen sowie die positiven Auswirkungen des Leidens.

Herr Poisel, muss man leiden, um gute Musik zu schreiben?

Poisel: «Nicht unbedingt - aber wenn dieser Leidensdruck da ist, dann läuft das von alleine. Zumindest bei mir ist das so. Ich habe dann das dringende Bedürfnis, diese Gefühle aus mir herauszubringen. Manche Leute müssen heulen oder gehen spazieren. Wenn ich an meine Instrumente gehe, kann ich meiner Stimmung eine Farbe, eine Melancholie verleihen.»

Wie sieht denn das typische Poisel-Publikum aus?

Poisel: «Letztendlich sind das wohl alles Leute, die auch schon mal das Leiden, die Ängste, die Liebe und die Freuden, die es im Leben gibt, erlebt haben. Und die - genau wie ich - vielleicht auch eher eine dünnere Haut haben. Am Anfang habe ich mich bei Konzerten noch gewundert, wenn ein tätowierter Bodybuilder im Unterhemd lauthals mitsingt. Dann hab ich gemerkt: Den typischen Fan gibt es eigentlich nicht.»

Darf der «moderne Mann» weicher sein? Helfen Sie Männern, mehr Gefühl zu zeigen?

Poisel: «Grundsätzlich finde ich es gut, wenn alle alles dürfen. Wenn Frauen jeden Beruf ergreifen können, auf den sie Lust haben. Aber ich habe auch überhaupt kein Problem damit, wenn Mädchen Tussis sein wollen. Einigen Männern helfe ich mit Sicherheit, das bekomme ich auch in Briefen zu lesen, etwa, wenn sie sich in meinen Songs wiedererkennen und diesen dann ihrer Freundin vorspielen. Aber abgesehen davon gibt es immer noch einen Haufen Machos, und das ist auch in Ordnung.»

Vergänglichkeit ist ein weiteres großes Thema in Ihren Songs...

Poisel: «Ja, da ist so eine Traurigkeit in mir. Das Bewusstsein, dass nichts für immer ist und nichts für immer bleibt. Auf der anderen Seite wird einem klar, wie besonders das Leben ist. Ich setze mich sehr intensiv mit dem Thema Tod auseinander. Nicht zuletzt, weil ich einmal im Krankenhaus als sehr krank diagnostiziert wurde, was alles nicht gestimmt hat - das hat das noch mal auf die Spitze getrieben.»

Haben Sie Vorbilder, vielleicht Herbert Grönemeyer, der Sie entdeckt hat und bei dessen Plattenfirma Sie unter Vertrag stehen?

Poisel: «Mich beeindrucken Leute, die ihr Ding machen, ganz bei sich und dadurch besonders einzigartig sind. Herberts Musik hat mich geprägt, so wie viele Popsongs der 90er Jahre. Damals habe ich stundenlang vor dem Radio gesessen und Kassetten aufgenommen. Herbert hat eine künstlerische Weitsicht, von der ich profitiere. Da er das alles schon erlebt hat, kann er gewisse Momente, in denen ich jetzt stecke, relativieren. Vor dem zweiten Album habe ich mich ziemlich unter Druck gesetzt. Da hat er mir wirklich Gelassenheit vermittelt.»

Wie kann man sich selbst treu bleiben im Show-Business?

Poisel: «Ich habe mir das ein Stück weit bewahrt. Am Anfang war es schwierig, gegenüber meinen Promotern Sachen durchzusetzen, etwa dass ich eigentlich kaum Interviews gebe und nicht ins Fernsehen gehe. Somit ist das alles gewachsen, ohne die große Glocke zu schwingen und mein Gesicht in jede Kamera halten zu müssen. Jetzt, wo alle sehen, es geht auch so, wird es natürlich einfacher. Dadurch habe ich viele Freiheiten und muss mich zu nichts zwingen.»

Sie sind viel gereist und haben Ihr Leben zeitweise als Straßenmusiker finanziert? Wie wichtig ist Ihnen Freiheit?

Poisel: «Ich kam schon in der Schule schwer damit zurecht, wenn mir jemand Regeln aufgestellt hat, etwa dass ich um 7.40 Uhr im Unterricht sein soll. Solche Vorschriften konnte ich nie nachvollziehen. Ich liebe das Freie und Unverbindliche. Aber auf der anderen Seite habe ich feste Rituale und auch eine ganz treue Seite in mir. Wenn jemand in meinem Herzen ist, geht der nicht mehr raus.»

Interview: Jenny Tobien, dpa

Homepage

Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige