20. Mai 2012

49. Theatertreffen geht zu Ende

Berlin (dpa) - Provozierend und polarisierend - so präsentierte sich das 49. Berliner Theatertreffen. Selten überschritten die gezeigten Inszenierungen so viele Grenzen - mitunter auch die des guten Geschmacks.

Fabian Hinrichs
Fabian Hinrichs bekam den Alfred-Kerr-Darstellerpreis. Foto: Florian Schuh
dpa

Und selten war auch die Meinung des Publikums über die von einer Jury aus Theaterkritikern ausgewählten zehn «bemerkenswertesten» Regiearbeiten der Saison so gespalten.

An diesem Montag geht das knapp dreiwöchige Festival zu Ende. Bereits am Sonntag wurde der mit 5000 Euro dotierte Alfred-Kerr-Darstellerpreis an das beste Nachwuchstalent verliehen. Jurorin war die Schauspielerin Nina Hoss. Sie entschied sich für den Schauspieler Fabian Hinrichs, der in René Polleschs Stück «Kill your Darlings! Streets of Berladelphia» (Volksbühne Berlin) eine furiose Solo-Rolle spielt.

«Ein Mensch mit Haltung, einem Selbstverständnis, der sich ganz meiner Einordnung entzieht und von dem man immer mehr auf der Bühne sehen will, weil er einen "entdecken" lässt», begründete Hoss ihre Entscheidung. «Er spielt mit dem Publikum mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und Selbstsicherheit und bleibt dabei gänzlich uneitel.» Wegen Stimmproblemen konnte Hinrichs beim Theatertreffen allerdings nur einmal auftreten.

Den Schocker des Festivals hatte es gleich zu Beginn gegeben. Mehr als zwölf Stunden dauerte die Ibsen-Performance «John Gabriel Borkman» des deutsch-norwegischen Theaterkollektivs Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen - Gewaltexzesse und eklige Fäkal-Spielereien inklusive. Ein Spektakel aus der eigentlich längst zugeklappten Mottenkiste der 70er-Jahre-Provokations-Performance-Kunst.

Auf andere Art sprengten zwei Stücke freier Gruppen den Rahmen traditioneller Theateraufführungen. In «Before Your Very Eyes» ließ die deutsch-britische Performance-Truppe Gob Squad ausschließlich «echte lebende Kinder» auftreten. Im Zeitraffer von einer Stunde und zehn Minuten sah der Zuschauer sieben Kindern zu, wie sie in einem Glascontainer Erwachsenwerden spielen - angeleitet von einer Stimme aus dem Off.

Weg vom Privaten hin zum Politischen ging es mit «Hate Radio» von Milo Rau. Der Schweizer Regisseur setzte das Publikum ebenfalls vor einen verglasten Container, der dieses Mal ein Radiostudio darstellte. Nur über an das Publikum verteilte Kopfhörer konnte die dort produzierte Propaganda-Sendung ruandischer Hutu mitverfolgt werden.

Der Sender RTLM hatte sich im Jahr 1994 zum Sprachrohr und Einpeitscher fanatisierter Hutus gemacht, die rund eine Million Tutsi ermordeten. Aus Mitschnitten spielten ruandische Schauspieler eine der Sendungen nach. In Videoaufnahmen erzählten Zeitzeugen von den Grausamkeiten. Ein erschütternder Abend.

Großes Schauspieler-Theater bot Alvis Hermanis' knapp fünfstündige Version von Tschechows «Platonov». Martin Wuttke in der Titelrolle sowie seine Mitspieler Johanna Wokalek, Dörte Lyssewski und Peter Simonischek zeichneten facettenreiche Charaktere - das Publikum feierte die Aufführung mit begeistertem Applaus.

Das 49. Theatertreffen war auch ein Festival der Längen. Dem «Borkman»-Rekord von zwölf Stunden dicht auf den Fersen war Nicolas Stemann, der Goethes «Faust I + II» in achteinhalb Stunden zeigte. Sechs Schauspieler teilten sich alle Rollen. Heraus kam trotz reichlich Chaos ein ungewöhnlich luzider Blick auf das Mammutwerk.

Stemann erhielt dafür den mit 10 000 Euro dotierten 3sat-Preis. «Seine Inszenierung ist selber ein Faustisches Ereignis, ein Grübeln und Ergründen, was dieses Drama im Innersten zusammenhält, was es bereithält - für uns heute», urteilte die Jury. «Gedankenscharf und gedankenklar eröffnet die Inszenierung ungeahnte Perspektiven auf Goethes Text. Eine spielerische und intellektuelle Freude!»

Egal ob Performance-Spektakel oder hohe Schauspielkunst - die rund 20 000 Theatertreffen-Tickets waren auch in diesem Jahr wieder heiß begehrt. Vor den Festivaltheatern waren bei fast jeder Aufführung hoffnungsvolle Menschen mit «Suche Karte»-Schildern in der Hand zu sehen.

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