31. Mai 2012

Der «Boss» in Berlin: Große Gesten und viel Gefühl

Berlin (dpa) - Der «Boss», weit über 50 000 Fans und ganz viel Gefühl: Wohl nur Bruce Springsteen schafft es, dass man sich im Stadion wie bei einem Club-Konzert vorkommt - mit dem Rock-Entertainer auf der Bühne. Im Olympiastadion durfte endlich mal wieder gefeiert werden.

Bruce Springsteen
Ganz entspannt: Bruce Springsteen in Berlin. Foto: Britta Pedersen
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Bruce Springsteen haut in die Saiten. Foto: Britta Pedersen
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Bruce Springsteen rockt mit seinem alten Kumpel Steve «Little Steven» Van Zandt. Foto: Britta Pedersen
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Bruce Springsteen begeistert seine Fans im Berliner Olympiastadion. Foto: Britta Pedersen
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Kurz vor Konzertende lag Bruce Springsteen auf dem Bühnenboden wie ein Boxer nach dem Knockout. Sein alter Kumpel Steve «Little Steven» Van Zandt träufelte ihm grinsend Wasser ins Gesicht. Bis der «Boss» erneut hochschnellte und zusammen mit seiner E Street Band über 50 000 Fans noch einmal «die Hosen herunterrockte» (so sein Running Gag beim Berliner Auftritt).

Erst nach drei Stunden war Schluss im Olympiastadion, wo am Mittwochabend auch Hertha-Anhänger endlich mal wieder was zu feiern hatten. Mit dem Soul-Kracher «Tenth Avenue Freeze-Out» und einer angenehm kitschfreien Würdigung des kürzlich gestorbenen Saxofonisten Clarence Clemons endete ein denkwürdiger Abend. Wieder einmal war es Springsteen gelungen, die großen Gesten des Rock 'n' Roll, sein authentisches Engagement für «die kleinen Leute» und ehrliche Gefühle für seine Fans in einem herausragenden Stadionkonzert zu bündeln.

Besondere Zuneigung zur deutschen Hauptstadt hatte der stimmlich und körperlich topfit wirkende 62-jährige Amerikaner gleich zu Beginn geäußert, als er Berlin einen Song widmete: «Die Mauer ist offen», sang Springsteen mit seiner unnachahmlichen, beseelten Raspelstimme. «Die Soldaten und Wachleute sind weg», hier fühle er sich jetzt «als freier Mann».

Springsteen wird daran gedacht haben, dass er 1988 ein Konzert in Ost-Berlin vor 160 000 Menschen gegeben hatte - und wie viel sich seitdem verändert hat. Das Publikum im Olympiastadion hatte er mit dieser Hommage sofort auf seiner Seite.

Nur in Erinnerungen zu schwelgen ist aber nicht die Sache Springsteens, der von Verehrern «The Boss» genannt und vorzugsweise mit langgezogenen «Bruuuce»-Rufen gefeiert wird. Der wirtschaftliche Niedergang und der Werteverfall in seiner Heimat - und nicht nur dort - treiben den Mann derart um, dass er jüngst eine wütend-polemische Platte dazu veröffentlichte. Aus dem Album «Wrecking Ball» stammten gleich sieben der rund 30 Lieder des Berliner Auftritts.

Und Springsteen ließ ordentlich Dampf ab bei seinen teilweise auf Deutsch gehaltenen Ansagen - gierige Bänker und Spekulanten bekamen auch live ihr Fett weg. Die Ballade «Jack Of All Trades» widmete er den Opfern der Krise. Das schon etwas ältere «My City Of Ruins» verwandelte er mit der auf knapp 20 Musiker zur Bigband erweiterten E Street Band in eine zehnminütige Gospelmesse. Zwischendurch ging Springsteen immer wieder auf Publikumswünsche ein - auch weniger bekannte Lieder wie «Save My Love» oder «Johnny 99» (als Dixieland-Stampfer) waren unverhofft zu hören.

Und die Klassiker? Es sind zu viele, um sie alle an einem Abend zu spielen, aber ein Dutzend Songs für die Ewigkeit kam doch zusammen. «Badlands», «Spirit In The Night», «The River» und «Thunder Road» wurden eingestreut, ehe die Gassenhauer-Dichte immer größer wurde. «Born In The USA» in einer kraftvoll herausgeröhrten Version, das Jugend-Drama «Born To Run», die Rummelplatzmelodie von «Glory Days» - die äußerst zuschauerfreundlich an der Längsseite aufgestellte Riesenbühne bebte, und das Olympiastadion bebte mit.

Dass Springsteen eine Security-Dame zum Tänzchen einlud, ein gar nicht mal allzu verschüchtertes Kind auf der Bühne mitsingen ließ, die Fans herzte und knuffte und überhaupt immer wieder Kontakt zum Publikum suchte - alles nicht neu, aber immer wieder schön. Es gibt vermutlich keinen anderen Rock-Entertainer, der seinen Job so ernst nimmt und zugleich eine so intime Konzert-Atmosphäre schaffen kann wie dieser x-fache Plattenmillionär aus New Jersey.

Großväter, Söhne, Töchter und Enkel hatten am Ende des Berliner Konzerts gleichermaßen das Gefühl, der «Boss» habe nur für sie gesungen. «Wir werden wiederkommen», versprach Bruce Springsteen. Hoffentlich.

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