21. Juli 2013

Jubel für neuen Salzburger «Jedermann»

Salzburg (dpa) - So frivol hat man die Buhlschaft selten gesehen. Bei der umjubelten Premiere des neuen Salzburger «Jedermann» am Samstagabend radelte Brigitte Hobmeier, die neue Sexbombe der Salzburger Festspiele, unter wildem Gebimmel ihrem Geliebten auf dem Fahrrad geradewegs in die Arme.

Salzburger Jedermann
Die Buhlschaft kommt mit dem Rad: Brigitte Hobmeier und Cornelius Obonya im Salzburger Jedermann. Foto: Barbara Gindl
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Salzburger Jedermann
Mit der langen Schleppe: Peter Lohnmeyer (r.) und Cornelius Obonya im neuen Salzburger Jedermann. Foto: Barbara Gindl
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Peter Lohnmeyer (r.) als Tod und Cornelius Obonya als Jedermann in Salzburg: Foto: Barbara Gindl
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Cornelius Obonya (r.) als Jedermann und Brigitte Hobmeier als Buhlschaft in Salzburg. Barbara Gindl Foto: Barbara Gindl
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Ihres leichten Sommerkleides entledigte sich die 37-jährige Münchnerin rasch und zeigte nach einem angedeuteten Striptease kesse Strapse, bevor sie sich in das obligate rote Festgewand schwang, das Dekolleté verziert mit Glitzersteinen, die ein weltbekannter Tiroler Glashersteller gesponsert hatte. Die Neuinszenierung von Hugo von Hofmannsthals Festspiel-Dauerbrenner um Bekehrung und Tod eines «reichen Mannes» war mit großer Spannung erwartet worden, weil sich seit zwölf Jahren kein Regisseur mehr an das heikle Traditionsstück gewagt hatte.

Erstmals waren mit dem US-Amerikaner Brian Mertes und dem Briten Julian Crouch zwei Angelsachsen für die Inszenierung verantwortlich. Ihnen gelang vielleicht nicht der ganz große Wurf. Doch ihre poetische Sichtweise des «Mysterienspiels» a la Sommernachtstraum mit fantasievollen Stabpuppenzaubereien, bizarren Maskenspielen, flotten Tanzeinlagen und viel Musik von Dixieland bis zum christlichen Choral schien das Publikum auf dem Domplatz doch zu überzeugen.

Als neuer «Jedermann» agierte der österreichische Burgschauspieler Cornelius Obonya, dessen Großvater Attila Hörbiger schon in den 30er Jahren in dieser Paraderolle brilliert hatte. Obonya spielte glaubwürdig und engagiert, wirkte aber fast ein wenig zu sympathisch, als dass man ihm skrupellose Geldgier und über-Leichen-gehenden Hedonismus wirklich abnahm. Das kostete das Stück einiges an Fallhöhe. Bei den unheilvollen Jedermann-Rufen, die die ersten Todesahnungen des Jedermann beim großen Gastmahl begleiten, mochte sich die übliche Gänsehautwirkung nicht einstellen.

Ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem hatte auch der junge Patrick Güldenberg als Guter Gesell, mehr stieseliger Jura-Schnösel als echter Sparringspartner des Lebemanns. Auch Simon Schwarz als Teufel und Julia Gschnitzer als Jedermanns bigotte Mutter-Nervensäge wirkten etwas blass, während der aus zahlreichen TV-Produktionen bekannte Jürgen Tarrach als buchstäblich Geld scheißender Mammon in Frack und Zylinder beachtliche Präsenz entwickelte.

Die Allegorie des «Glaubens» verkörperte Hans Peter Hallwachs, weithin bekannt nicht nur aus TV-Krimis, von einer hoch über der hölzernen Bretterbühne angebrachten Empore aus, von der er Weihwasser auf Jedermann goss. Flankiert war er von zwei Rauschgoldengeln, was wie eine Kreuzigungsszene wirkte, dazu erklang Engelsmusik. Während Christian Stückl, der 2002 den «Jedermann» zum letzten Mal neu interpretierte, den immer unter Kitschverdacht stehenden «Glauben» kurzerhand gestrichen hatte, traten Mertes und Crouch beherzt die Flucht nach vorne an.

Vielleicht den stärksten Eindruck dieses zweistündigen Freiluft-Theaterabends hinterließ der großartige Peter Lohmeyer als Tod. Lohmeyer war das genaue Gegenteil von dem physisch wie stimmlich schier erdrückenden Ben Becker, der in den letzten vier Jahren diese Rolle verkörpert hatte: ein hoch aufgeschossener, hagerer, fast zärtlicher Tod im Stile von Friedrich Wilhelm Murnaus Schwarzweißstreifen «Nosferatu» aus den 20er Jahren, der mit seinem eigenen Schicksal hadert.

Fast beiläufig schickt er Jedermann ins Jenseits, indem er im Vorübergehen ein Leichentuch über ihn deckt. Seinen mit grünen Zweigen geschmückten Umhang lässt er neben dem Grab stehen. Christliche Jenseitsvorstellungen von Tod, Jüngstem Gericht und Auferstehung werden hier nicht bedient. Eher die Vorstellung des ewigen natürlichen Kreislaufs von Werden und Vergehen.

Zum versöhnlichen Ende darf jeder der Truppe ein Schäufelchen Erde aufs Jedermanns sterbliche Überreste werfen. Stumm verharren die Schauspieler an der Rampe, wie es jahrzehntelang am Schluss des «Jedermann» üblich war, bevor die Bühnenmusik einen jazzigen Rausschmeißer anstimmt, in den das Publikum mit rhythmischem Händeklatschen begeistert einstimmt.

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