27. Mai 2012

«Liebe» - Zweite Goldene Palme für Michael Haneke

Cannes (dpa) - Einmal die Goldene Palme in Cannes gewinnen - das ist einer der größtmöglichen Höhepunkte im Leben eines Filmemachers.

Cannes Film Festival - Michael Haneke
Michael Haneke hat in Cannes zum zweiten Mal die Goldene Palme gewonnen. Foto: Sebastien Nogier
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Cannes Film Festival - Michael Haneke
Michael Haneke küsst seine Frau Suzie. Foto: Ian Langsdon
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Cannes Film Festival - Mads Mikkelsen
Mads Mikkelsen bedankt sich. Foto: Ian Langsdon
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Cannes Film Festival - Cosmina Stratan + Valeriu Andriuta
Alec Baldwin ehrt Cosmina Stratan (M) und Valeriu Andriuta als beste Schauspielerinnen. Foto: Ian Langsdon
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Cannes Film Festival - Diane Kruger
Jury-Mitglied Diane Kruger in Cannes. Foto: Sebastein Nogier
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Für Michael Haneke ging dieser Traum schon vor drei Jahren in Erfüllung, als er die begehrte Auszeichnung für «Das weiße Band» erhielt. Dabei sollte es aber nicht bleiben: Der Österreicher gewann am Sonntagabend für sein Drama «Liebe» seine zweite Goldene Palme und gehört damit nun zu einem exklusiven Kreis von Filmschaffenden.

Der 70-jährige Österreicher ist einer von nur acht Künstlern, die bei dem wichtigsten Filmfestival der Welt zweimal den Hauptpreis gewonnen haben. Außerdem ist er erst der zweite Regisseur, der die Palme für zwei Filme gewann, die er direkt hintereinander drehte.

Bereits nach der ersten Vorführung des auf Französisch gedrehten Films «Liebe» waren Lobeshymnen zu hören, die auch Tage nach der Premiere nicht abrissen - schließlich blieb das Werk um ein Ehepaar um die 80 noch lange in Erinnerung. Der in München geborene Haneke beschönigt nichts, wird aber auch nicht sentimental, wenn er in «Liebe» (Originaltitel: «Amour») von George und Anne erzählt.

Stattdessen wählt er sehr nüchterne Bilder. Er zeigt, wie das Paar sich auch nach Jahrzehnten Ehe noch liebt und wie dieses eingespielte Team ins Wanken gerät, als Anne zwei Schlaganfälle erleidet.

George, selbst körperlich schwach, kümmert sich um die Pflegebedürftige. Das inszeniert Haneke als Kammerspiel, bei dem die Kamera fast nur in der Wohnung des Paares bleibt. So erzeugt Haneke eine Intimität, durch die die Zuschauer in das Geschehen hineingezogen werden und mit Anne und George leiden.

Getragen wird die deutsche Koproduktion von den beiden herausragenden Hauptdarstellern Emmanuelle Riva (85) und Jean-Louis Trintignant (81). Die beiden französischen Schauspiellegenden verkörpern Anne und George, sie lassen deren Leid und körperlichen Verfall spürbar werden. «Ich habe etwas Ähnliches in meiner eigenen Familie erlebt, was mich sehr berührt hat», sagte Haneke nach der Verleihung. «Es ist sehr schwierig, seine Lieben leiden zu sehen.»

Liebe und die Sehnsucht nach Geborgenheit, das waren im diesjährigen Wettbewerb einige der Hauptthemen. So wie bei Cristian Mungius «Beyond the Hills», dem zweiten großen Gewinner. Zwei Frauen sind seit ihrer Kindheit eng miteinander verbunden, doch als die eine die andere aus einem Kloster holen will, wehrt sich die streng orthodoxe Gemeinschaft, und führt letztendlich eine Teufelsaustreibung durch.

Ähnlich wie Haneke schafft auch Mungiu eine ganz eigene Welt und fesselt die Zuschauer mit einer einzigartigen Atmosphäre in dem Kloster. Diese Intensität wurde doppelt belohnt - mit dem Preis für das beste Drehbuch und die beiden Hauptdarstellerinnen als beste Schauspielerinnen.

Überhaupt war es ein Jahrgang starker Schauspielleistungen. Vor Beginn des Festivals war noch kritisiert worden, dass keine Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten sei. Dafür überzeugten die Frauen dann auf der Leinwand. Nicht nur bei Haneke und Mungiu.

Doch auch die Männerrollen forderten den Schauspielern einiges ab. Völlig zu Recht wurde daher der Däne Mads Mikkelsen ausgezeichnet, der in «The Hunt» zu Unrecht verdächtigt wird, ein Kinderschänder zu sein. Die Lüge eines kleinen Mädchens katapultiert Lucas ins gesellschaftliche Abseits, Familie und Freunde wenden sich ab. «Das hat er subtil und wunderschön gespielt», sagte Jurymitglied Ewan McGregor über Mikkelsens Leistung.

Nicht jede Entscheidung der Jury unter Vorsitz von Nanni Moretti war allerdings so nachvollziehbar. Der ohnehin schon mehrfache Cannes-Preisträger Ken Loach legte mit «The Angels' Share» eine sympathische, aber eigentlich zu schwach entwickelte Komödie um junge Kleinkriminelle vor, gewann dann aber den Preis der Jury. Und der italienische «Gomorrha»-Regisseur Matteo Garrone nahm sich in «Reality» den Wahn der Menschen nach Berühmtheit durch TV-Formate wie «Big Brother» vor, entwickelte seine Satire aber nicht bissig genug. Dennoch gab es dafür den Großen Preis der Jury, sozusagen den zweiten Hauptpreis des Filmfestivals.

Damit wurden fast alle Auszeichnungen an europäische Filme vergeben, kein einziger Preis ging Richtung Hollywood. Stars wie Brad Pitt, Robert Pattinson, Kristen Stewart und Nicole Kidman brachten zwar Glamour an die Côte d'Azur - wirkliche Akzente setzten aber die Europäer, allen voran Michael Haneke.

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