04. März 2013

Twitter, Kochen, Disco - Ungewöhnliches im Theater

Bremen (dpa) - Zuschauer twittern aus dem Theater oder können mit Profi-Tänzern trainieren. Der Regisseur kocht, die Bühne wird zur Disco, und Kinder krabbeln zwischen dem Orchester.

Theater Bremen
Dramaturg Tarun Kade (l) und Regisseur Klaus Schumacher beim Gespräch im Foyer des «Kleines Haus» im Theater in Bremen. Foto: Carmen Jaspersen
dpa

Mit ungewöhnlichen Konzepten wollen die Theater in Deutschland neue Besucher anlocken und das Stammpublikum stärker einbinden. Schauspielkunst zum Anfassen lautet in vielen Häusern das Motto, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab.

Smartphones sind im Theater normalerweise Tabu. In Heilbronn waren sie bei einer Probe für die Oper «Minsk» aber ausdrücklich erwünscht. 27 Twitterer schrieben aus dem Zuschauerraum Kurznachrichten über das Erlebte - bundesweit einmalig, wie Sprecherin Silke Zschäckel sagte. 80 Twitterer mischten sich von außerhalb in die Gespräche ein oder gaben Tweets weiter. So konnten zahlreiche Menschen in Deutschland den Entstehungsprozess eines Stücks mitverfolgen, das sie sonst nur fertig zu sehen bekommen würden.

Auch am Oldenburger Staatstheater können die Besucher bei öffentlichen Proben erleben, was in den Köpfen der Akteure vorgeht. Anschließend sollen sie ein Feedback geben, wie ihnen die Aufführung gefallen hat und ob sie alles verstanden haben. «Wir wollen Theater für die Stadt machen, also unsere Arbeit offenlegen», erläuterte der leitende Schauspieldramaturg Jörg Vorhaben das Konzept.

Schauspieler zum Anfassen bietet das Thalia Theater in Hamburg beim «Thalia Actor's Studio» in seiner Bar unterm Dach. Dort stellen zwei Schauspieler aus dem Ensemble jeden Monat einen Kollegen vor: «Auch oft privat, was viele Leute ganz stark interessiert», sagte Pressesprecherin Ursula Steinbach. Die Atmosphäre dort sei wie in einer Kneipe, locker mit allerlei Überraschungen.

Noch näher kommen sich beide Seiten bei «Essen und Reden» im Theater Bremen. Regisseur Alexander Giesche kocht im Foyer des kleinen Hauses ein Drei-Gänge-Menü für eine Gruppe von Besuchern. Beim Essen diskutiert man in persönlicher Runde über Themen wie Musik im Theater. «Es geht darum, Hemmschwellen abzubauen. Man ist auf einer Ebene und traut sich, Fragen zu stellen», sagt Chefdramaturg Benjamin von Blomberg.

Kulinarisch geht es auch in Chemnitz zu. In der «Nachtschicht» bekommen die Besucher beispielsweise das letzte Menü auf der Titanic oder die Speisefolge beim Kultfilm «Das große Fressen» präsentiert. «Das läuft wie Bolle», beschrieb Pressesprecherin Uta Thompsen die Resonanz auf die Kochshow.

Selbst aktiv werden sollen die Besucher am Osnabrücker Theater. Das Haus will Kontaktscheu mit Tanztrainings abbauen, bei der 30 Besucher kostenlos mit den Profis üben können. «Viele Leute tanzen ja sehr gerne, aber in eine Tanztheater-Aufführung traut man sich dann doch nicht hinein», sagte Sprecherin Fenja Petersen.

Das Badische Staatstheater in Karlsruhe holt sein Publikum sogar selbst auf die Bühne: Hundert Karlsruher Bürger erzählten 2011 im Stück «100 Prozent Karlsruhe» aus ihrem Leben. «Unser Ziel ist es, das Theater stärker in die Stadt hineinzutragen», sagte Schauspieldirektor Jan Linders. In diesem Jahr werden mehrere Jugendliche in der Jugendoper «Border» mitwirken. Im Juni sollen beim Projekt «Eine (mikro)ökonomische Weltgeschichte, getanzt» 50 Bürger, vier Schauspieler und ein Philosoph gemeinsam auftreten.

Am Schauspiel Hannover können junge Leute unter Anleitung der Profis in einer ganzen Reihe von Jugendclubs Theater spielen. Auch die «Montagsbar» ist bei den Jüngeren beliebt: Ein DJ legt auf, das Programm bewegt sich nach Angaben des Theaters zwischen Kunst und Trash. Auch in Osnabrück und Bremen wird die Bühne regelmäßig zur Disco.

Die Volksbühne in Berlin experimentiert ebenfalls seit Jahren mit verschiedenen Genres, um neues Publikum anzulocken. Es gibt Konzerte, Buchvorstellungen und politische Diskussionen, es wird Tango und Salsa getanzt und bei Hörspielpremieren gelauscht.

Bei den ganz Kleinen setzt das Theater in Erfurt an: Eltern können zum Beispiel bei Krabbelkonzerten mit ihrem Nachwuchs auf die Bühne kommen und die Musik zwischen dem Orchester hautnah erleben. «Damit möchten wir die Kinder früh an die klassische Musik und die Instrumente heranführen», sagte Sprecherin Alexandra Kehr.

Das Theater Bielefeld wiederum bietet spezielle Programme für Blinde an. «Über Kopfhörer erzählt der Dramaturg den sehbehinderten Besuchern, was gerade auf der Bühne passiert», sagte Sprecherin Nadine Brockmann. Bevor die Vorstellung beginnt, dürfen sie die Requisiten und das Bühnenbild ertasten.

Graffiti-Wettbewerb und Spielszenen in der Straßenbahn - mit solchen ausgefallen Aktionen wirbt das Theater Im Pfalzbau in Ludwigshafen für sein Programm. Das beste Graffiti habe es als Bühnenbild in die «Walküre»-Produktion geschafft, sagte Sprecherin Roswita Schwarz.

Auch das Haus im thüringischen Nordhausen macht mit ausgefallenen Werbeauftritten auf sich aufmerksam. Für das Musical «West Side Story» veranstaltete das Ensemble einen Flashmob in einer Vorlesung an der Fachhochschule. Mitten im Kurs standen die Schauspieler auf und zeigten vor den unwissenden Studenten eine Szene aus dem Stück.

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