04. Oktober 2012

Wagners moderner «Siegfried» in Berlin gefeiert

Berlin (dpa) - Es ist ein Satz der just vom Heldenkuss erweckten Brünnhilde, der Motto dieser «Siegfried»-Inszenierung sein könnte: «Heil Dir, Licht.» Denn Bühnenbild und Regie des Belgiers Guy Cassiers überführen Richard Wagners Heldenstück mit aufwendigen und vielfach bombastischen Licht- und Videoeffekten szenisch in die Moderne.

Premiere 'Siegfried'
Lance Ryan brillierte in der Rolle des Siegfried. Foto: Monika Rittershaus
dpa

Sparsame Bühnenaufbauten, unterschiedlich und wechselnd angestrahlt, bilden Schmiede, Drachenhöhle, Feuerwand und Walkürenhügel effektvoll in der Düsternis. Am Mittwochabend feierte das Publikum im Schiller Theater eine gelungene Premiere der Heldensaga um Götter, Schwerter, Drachenkampf, Macht - und Liebe.

Während die Sänger und die Staatskapelle Berlin - unter Leitung von Daniel Barenboim gewohnt souverän und klanggewaltig - nach fünfeinhalb Stunden (mit Pausen) ungeteilt bejubelt werden, erklingen neben vielen Bravo-Rufen für Cassiers allerdings auch laute Buh-Rufe. Vor allem die stetig wechselnden Video-Projektionen an der Bühnenrückwand - nicht immer mit erkennbarem Bezug zum laufenden Spiel - bringen ein geteiltes Echo der Wagnerianer hervor.

Gesanglich stimmte alles: Herausragend erneut Siegfried-Darsteller Lance Ryan. In Lederkluft und mit Langhaarperücke meistert der Hüne und derzeit wohl meistgefragte Wagnertenor in dieser Titelpartie den gesanglichen Kraftakt bravourös. Sein Tenor klingt mal ungestüm prahlend, dann düster grübelnd oder kraftvoll strahlend. Der Kanadier hat in diesem Jahr bereits in München und Frankfurt als Siegfried begeistert. Nach seinem Debüt 2010 auf dem Grünen Hügel ist er zudem im kommenden Jahr erneut in Bayreuth verpflichtet - für die Neuinszenierung von Frank Castorf.

Der Recke, «der das Fürchten nicht kennt» und als Ziehkind des missgünstigen Zwerges Mime (Peter Bronder) unwissend aufwuchs, erfährt nur stückweise von seiner Mutter und seines Vaters Tod. In Mimes Schmiede, einer aus verschiedenen Metallrosten gebildeten Hebebühne, schmiedet er sich aus dessen Resten das legendäre Schwert Notung neu, die Bühnenrückwand ist derweil eine Großprojektion glühender Kohlen, Lichtreflexe begleiten jeden Hammerschlag.

Nicht wissend um das Wirken Wotans (als Wanderer, Juha Uusitalo) und das Ränkespiel der Nibelungen Alberich (Johannes Martin Kränzle) und Mime zieht Siegfried los, das Fürchten zu lernen. Er erlegt den Riesen Fafner (Mikhail Petrenko) in Gestalt des Drachen und erringt so Ring und Tarnhelm, ohne deren Macht jedoch zu kennen.

Bis Siegfried schließlich auf dem Walkürenfelsen die in Schlaf gebannte Brünnhilde (stimmgewaltig, Iréne Theorin) wachküsst und mit ihr in ein für Wagner eigentlich unübliches Schluss-Duett einstimmt, ist die nahende Götterdämmerung in Walhall bereits abzusehen, eindrucksvoll besungen von einem immer schwächer scheinenden Wotan und der von ihm aus der Tiefe hinaufgerufenen Erdgöttin Erda, mit der Wotan einst Brünnhilde zeugte.

Von der naturalistischen Welt Wagners ist die Szenerie des rund vierstündigen und mit zwei 40-minütigen Pausen unterbrochenen Spiels einerseits klar abgehoben, andererseits effektvoll daran angelehnt.

Die in Röhrenform hängenden Kettenbänder etwa, als Baumstämme angestrahlt von grünem bewegten Licht, sind als Wald stimmig umgesetzt. Das Flammenmeer, das Siegfried auf dem Weg zu Brünnhilde durchlaufen muss, wirkt durch Feuer-Projektion an der Bühnenrückwand und züngelnde Flammenbilder auf herabgelassenen Tüchern lodernd rund um Brünnhildes imposanten meterhohen Walkürenfelsen. Der Drache kommt als in Wellen geworfenes Tuch, beleuchtet von abstrakten Schlangenhaut-Lichtbildern, dagegen wenig bedrohlich daher. Eher störend wirkt zudem ein fünfköpfiges Männerballett, das Siegfried nach dessen Drachenstich Schwerter schwingend umtanzt.

Nach «Rheingold» und «Walküre», die im Rahmen der Koproduktion noch an der Mailänder Scala Premiere feierten, hatte die Staatsoper bei «Siegfried» den Vortritt in Berlin, ebenso im März 2013 bei der «Götterdämmerung». Mit diesem letzten Teil wird der neue «Ring» der Staatsoper - in Koproduktion mit dem Teatro alla Scala di Milano und in Zusammenarbeit mit dem Toneelhuis Antwerpen - komplettiert. Zum Wagner-Jubiläumsjahr zeigt die Berliner Staatsoper im Frühjahr den kompletten «Ring des Nibelungen» in der Fassung von Barenboim und Cassiers - und damit zum ersten Mal nach 17 Jahren wieder das zentrale Werk Richard Wagners (1813-1883) an vier folgenden Tagen.

Siegfried in der Staatsoper

Lance Ryan

Handlung «Siegfried»

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