06. Juni 2012

Worum es im Leben geht - Orhan Pamuk wird 60

Istanbul (dpa) - «Wichtig sind die Menschen und ihre Gegenstände, nicht die Sultane und die Geschichte der Diplomatie», sagte Orhan Pamuk, als er seiner Stadt Istanbul vor wenigen Wochen ein «Museum der Unschuld» schenkte.

Orhan Pamuk
Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wird 60. Foto: Felipe Trueba
dpa

Schlagfertig und ein wenig unruhig wirkend wich der Literaturnobelpreisträger, der am 7. Juni 60 Jahre alt wird, Fragen zur Tagespolitik der Türkei aus. Nur soviel: «Ich bin froh, dass die Herrschaft der Armee beendet ist», sagte er.

Mit Äußerungen zu den an Armeniern verübten Massakern und der Kurdenpolitik seines Land hat Pamuk in seinem eigenen Land neben Anerkennung auch Hass auf sich gezogen. Weil er in einem Interview gesagt hatte, dass in der Türkei eine Million Armenier und 30 000 Kurden umgebracht worden seien, wurde er von türkischen Nationalisten angegriffen und wegen «Herabwürdigung des Türkentums» angeklagt. Internationale Proteste begleiteten das Gerichtsverfahren, das später eingestellt wurde.

Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren. Er wuchs in einer bürgerlichen Familie auf und wollte zunächst Maler werden. Dann studierte er Architektur und Journalismus, bevor er mit 24 Jahren mit dem Schreiben begann. Mit seinen historischen Romanen hat er sich international einen Namen gemacht. Zu seinen bekanntesten Werken zählen «Die Weiße Festung» (1995), «Mein Name ist Rot» (1998) und «Schnee» (2002). Zu seinem Liebesroman «Museum der Unschuld» werden nun Ausstellungsstücke in dem gleichnamigen Museum gezeigt.

Pamuks Werk wurde in etwa 100 Ländern und in mehr als 30 Sprachen veröffentlicht. Neben dem Nobelpreis (2006) erhielt er weitere internationale Preise, darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2005) und in diesem Jahr den Sonning-Preis als bedeutendste kulturelle Auszeichnung in Dänemark. Pamuk stelle kulturelle Grenzen infrage und mache die Chancen deutlich, die im Überschreiten dieser Grenzen lägen, erklärte die Jury dazu.

«Schriftsteller können die Leser informieren, aufklären und ihre Sicht verändern. Aber wir sollten damit sehr zurückhaltend sein. Für mich ist das nicht der einzige Grund, warum ich schreibe. Ich schreibe, um mich auszudrücken», sagte Pamuk der Nachrichtenagentur dpa im vergangenen Jahr. «Wenn ein Schriftsteller nur schreibt, um etwas zu verändern, ist er ein schlechter Schreiber, der Propaganda macht.» Am Ende messe sich der Wert jedes ernsthaften Romans daran, ob er die zentrale Frage stelle: Worum geht es im Leben?

Zum Schreiben sucht der als scheu geltende Autor die Stille. Vorzugsweise auf Heybeli-Ada, einer der Prinzeninseln im Marmara-Meer vor der hektischen Millionenmetropole Istanbul. Aufmerksam hat er die Entwicklungen um den arabischen Frühling verfolgt. Dieser zeige, dass auch im Islam Demokratie möglich sei, auch wenn noch nicht klar sei, ob es sich schon um eine Revolution handele oder um einen Aufstand.

Auch gegenüber dem Westen wahrt Pamuk eine kritische Distanz. Der wirtschaftliche Boom in der Türkei habe die Aufregung im Streben nach einem EU-Beitritt seines Landes abgekühlt, sagte er jüngst in einem Interview. Viele in der Türkei fühlen sich in dem seit Jahren stockenden Beitrittsprozess hingehalten. «Europa hat in der Türkei viele Herzen gebrochen», sagte Pamuk.

Museum der Unschuld

Orhan Pamuk

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