03. Mai 2012

Facebook brachte Proteste in Arabien auf die Straße

Berlin (dpa) - Die Bezeichnung «Facebook-Revolution» für die Proteste in der arabischen Welt halten Forscher zwar für übertrieben. Doch Studien bestätigen, dass Online-Dienste ein zentrale Rolle beim «arabischen Frühling» spielten.

Tahrir-Platz
Kairos Tahrir-Platz im Januar 2011. Foto: Felipe Trueba/Archiv
dpa

Als im Frühjahr 2011 hunderttausende Menschen in der arabischen Welt auf die Straße gingen und gegen die autokratischen Regime protestierten, war schnell von einer Facebook-Revolution die Rede. Die Sozialen Medien halfen den Unzufriedenen, sich trotz Zensur und Unterdrückung zu Demonstrationen zu verabreden und der Staatsgewalt die Stirn zu bieten. Auf der Konferenz re:publica in Berlin stellten am Donnerstag zwei Forscher Studien vor, die die Bedeutung von Facebook und Twitter bestätigten: Die Online-Netzwerke waren der Zünder eines ohnehin sehr explosiven Gemisches.

Facebook-Revolution - diesen Begriff halten Forscher freilich für irreführend. Er übertreibe die Rolle der Sozialen Netzwerke. Denn die große Unzufriedenheit, die sich im vergangenen Frühjahr Bahn brach, hatte tief gehende Gründe: Die hohe Arbeitslosigkeit, die gerade viele junge Leute traf; und die Sehnsucht nach mehr Freiheit. «Die Sozialen Medien verändern die Dynamik, wenn es schon Unzufriedenheit gibt», sagte Zeynep Tufekci von der Universität North Carolina.

Die Regime unterdrückten oder unterdrücken jede Berichterstattung über Probleme, jeden Anflug von Protest. Teils mit äußerst brutalen Methoden, wie die spanische Professorin Leila Nachawati Rego an einem Beispiel eindrücklich beschrieb: Wenn die syrischen Machthaber Blogger oder Karikaturisten nicht gleich ermorden, brechen sie ihnen die Hände - das sei eine sehr «symbolgeladene Art», sie zum Schweigen zu bringen. Dem Sänger eines populären Protestsongs seien die Stimmbänder durchgeschnitten worden.

Dank Facebook, Twitter und YouTube schaffte es der Protest aus dem Wohnzimmer auf die Straße: Die Bürger erfuhren, dass sie mit ihrer Wut nicht allein waren, und dass sich auch andere trauen, ihre Stimme zu erheben. Die «pluralistische Ignoranz» sei überwunden worden, erklärte Tufekci. Dank dieser «technischen Revolution» sei eine kritische Masse zusammengekommen, sagte Fadi Salem von der Dubai School of Government.

Forschungsergebnisse zeigen die Bedeutung von Facebook, Twitter und YouTube. Ein Team um Tufekci befragte während der Unruhen in Ägypten 1000 Nutzer. Auch wenn die Umfrage nicht repräsentativ ist, bieten die Ergebnisse einen guten Einblick: Knapp die Hälfte der befragten Ägypter (48 Prozent) hörte in direkten Gesprächen von den Protesten, immerhin 28 Prozent aber über Facebook. Und ein Viertel verbreitete selbst Fotos und Videos von den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz und anderswo.

Forscher Fadi Salem stellte in einer groß angelegten Befragung arabischer Internetnutzer fest, dass die Plattformen während der Proteste weniger dem privaten Plausch als vielmehr politischen Zwecken dienten. Bis zu 90 Prozent der Nutzer in Tunesien und Ägypten hätten Facebook etwa dafür genutzt, Informationen zu verbreiten. Und: Die Sozialen Netzwerke hatten im Arabischen Frühling einen massiven Zulauf, nicht nur bei den Gebildeten, sondern in allen Milieus.

Nicht zu vergessen: Der Funke sprang von den Sozialen zu den klassischen Medien über. Vor allem der arabische TV-Sender Al Jazeera verbreitete die Nachrichten aus Kairo und Tunis in alle Welt. Salem warnte allerdings vor Verzerrungen: Das Bild von Syrien, das derzeit entstehe, basiere auf den Meinungen weniger tausend Nutzer. Immerhin: Es gibt ein Bild aus dem abgeschotteten Land.

Arab Social Media Report

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