14. Juli 2013

Abgelöstes Weichenteil verursachte Zugunglück in Frankreich

Paris (dpa) - Ein auf der Strecke liegendes Stahlteil hat vermutlich eines der schwersten Zugunglücke Frankreichs verursacht. Das zehn Kilogramm schwere Verbindungselement lag direkt am Kreuzungspunkt zweier Schienen, wie das Bahnunternehmen SNCF am Wochenende mitteilte.

Zugunglück
Nach dem schweren Zugunglück südlich von Paris fahnden Ermittler nach der Ursache der Katastrophe. Foto: Etienne Laurent
dpa

Dort führte es offenbar dazu, dass mehrere Waggons des Intercity-Zuges nach Limoges entgleisten. Sechs der 385 Reisenden kamen ums Leben und Dutzende wurden verletzt, als der Zug anschließend teilweise in den Bahnhof von Brétigny-sur-Orge südlich von Paris krachte.

Warum sich das eigentlich mit vier Schrauben befestigte Verbindungsteil nicht an seinem vorgesehenen Ort befand, war zunächst völlig unklar. Weder ein Materialfehler noch ein Sabotageakt wurden ausgeschlossen. «Wir dürfen nichts ausschließen, aber das ist nicht meine favorisierte Annahme», sagte Präsident François Hollande am Sonntag zu Spekulationen um einen kriminellen Hintergrund. Vermutlich habe ein Materialfehler zu der Katastrophe geführt.

Das Unglück vom Freitagnachmittag gilt als eines der schwersten in Frankreich seit Jahren. 16 der 30 Schwerverletzen wurden auch am Sonntag noch in Krankenhäusern behandelt. Bei den Todesopfern handelt es sich nach Behördenangaben um vier Männer und zwei Frauen im Alter von 19 bis 82 Jahren.

Befürchtungen, dass bei den Bergungsarbeiten weitere Opfer gefunden werden könnten, bestätigten sich nicht. «Wir sind uns jetzt sicher, dass es keine weiteren Opfer gibt», sagte der zuständige Präfekt Michel Fuzeau am Samstagabend an der Unglücksstelle. Zuvor war der am schwersten beschädigte Waggon mit einem 700-Tonnen-Kran wieder aufgerichtet worden.

Die Strecke blieb zunächst komplett gesperrt. Tausende Reisende, die am Wochenende in Richtung Orléans, Limoges und Toulouse wollten, mussten auf andere Transportmittel ausweichen oder daheimbleiben. Zu Beginn der großen Sommerreisezeit bedeutet dies für die Bahngesellschaft SNCF einen großen Verlust.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich am Wochenende in einer Stellungnahme bestürzt über die Nachrichten zu dem «furchtbaren Zugunglück». «Unser tief empfundenes Mitgefühl ist mit den Angehörigen und Familien der Opfer. Ich wünsche den vielen Verletzten baldige Genesung», kommentierte er. Am Samstagmittag wurde in allen französischen Bahnhöfen und Zügen zu einer Schweigeminute aufgerufen. Verkehrsminister Frédéric Cuvillier gedachte am Pariser Bahnhof Gare de Lyon der Opfer.

Ein noch schwereres Unglück hatte sich 1988 am Gare de Lyon in Paris ereignet. Damals versagten an einem Zug die Bremsen. Daraufhin bohrte er sich in einen stehenden Triebwagen. 56 Menschen kamen ums Leben. 2008 wurden beim Zusammenstoß eines Regionalzuges mit einem Schulbus sieben Kinder getötet. Nicht als Zugunglück im eigentlichen Sinne wird der Brand in einem Schlafwagen eines Nachtzugs auf der Strecke zwischen Paris und München im Jahr 2002 gewertet. Damals starben bei Nancy zwölf Menschen.

Interview mit Cuvillier auf der RTL-Website

Website der SNCF mit Infos zum Unglück

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