02. März 2013

Schimmelpilz-Skandal: Zahl der betroffenen Höfe steigt

Berlin (dpa) - Die Politik droht der Industrie im Skandal um verseuchtes Tierfutter mit Kontrollgebühren in Millionenhöhe. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) brachten solche Gebühren für stärkere Kontrollen ins Gespräch.

Mais
Mais wird in einer Mühle gemahlen . Foto: Carmen Jaspersen
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Mischfutter
In Niedersachsen sind tausende Tonnen giftiger Mais zu Tierfutter verarbeitet worden. Foto: Daniel Reinhardt (Archiv)
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Putenstall
Zwei Wochen alte Putenküken fressen in einem Stall aus einem Futterspender. Foto: Carmen Jaspersen/Archiv
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Kuhstall
Kühe stehen in einem Stall in Niedersachsen. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums sind 10.000 Tonnen verseuchtes Maisfutter in Niedersachsen in Umlauf gekommen. Foto: Peter Steffen dpa/Archiv
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Schweinemastanlage
Dicht gedrängt stehen Schweine am Futtertrog im Stall eines Mastbetriebes. Foto: Patrick Pleul
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Am Abend teilte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium mit, dass weit mehr Landwirte von dem Skandal betroffen seien als bisher bekannt. Die Behörden seien auf ein weiteres Futtermittelunternehmen gestoßen, das verseuchten Mais mit dem Schimmelgift Aflatoxin weitergeliefert habe, hieß es. Damit steige die Zahl der betroffenen Betriebe wahrscheinlich von 3560 auf 6457. Mögliche Doppelnennungen auf den verschiedenen Listen würden überprüft. Ob auch Betriebe außerhalb Niedersachsens betroffen waren, stand zunächst nicht fest.

Futtermittelhersteller hätten Vertriebslisten verspätet beim Land eingereicht, erklärte das Ministerium. Sie hätten die Unterlagen bereits am Dienstag abgeben müssen - drei Unternehmen hätten das aber erst am späten Freitagnachmittag getan.

Der Verband der Milchindustrie erklärte Milch und Milchprodukte in Deutschland für unbedenklich. Das hätten Proben im Januar und Februar ergeben, teilte der Verband am Samstag mit. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht keinen Grund, vor dem Verzehr bestimmter Produkte zu warnen.

Zu möglichen höheren Gebühren für die Industrie sagte der niedersächsische Landwirtschaftsminister dem Magazin «Focus», dass der Staat 30 bis 50 Millionen Euro im Jahr sparen könne, wenn die Kosten der Wirtschaft in Rechnung gestellt würden. Aigner warf den Herstellern Versagen bei den Eigenkontrollen vor.

«Es gab frühzeitig Hinweise von verschiedenen Seiten, doch diese wurden offenbar ignoriert.» Die zuständigen Länderbehörden müssten «deutlich schärfer als bisher» überwachen, ob die Unternehmen ihre Pflichten einhielten. «Wenn die Bundesländer ausreichende Kontrollen nicht leisten können, liegt es auf der Hand, die amtlichen Kontrollen in Zukunft stärker als bisher durch Gebühren zu finanzieren.»

Der Bundesrechnungshof habe festgestellt, dass die finanzielle und personelle Ausstattung der zuständigen Stellen in den Ländern oft unzureichend sei, sagte Aigner. «Kontrolle nach Kassenlage, das darf nicht sein.» Aigners Kollege aus Niedersachsen forderte im «Focus»: «Wir brauchen mehr staatliche Kontrollen und mehr Personal.»

Foodwatch-Sprecher Martin Rücker sagte der Nachrichtenagentur dpa, der Bund habe es gescheut, die Futtermittelindustrie zu systematischen Kontrollen zu verpflichten. «Wir haben bei Futtermittelkontrollen erhebliche Schwachstellen, die eigentlich auch bekannt sind.»

Am Freitag war bekanntgeworden, dass aus Serbien importierter Mais mit einem krebserregenden Schimmelpilz vergiftet ist. Der Mais wurde auch an Rinder verfüttert. Das Pilzgift Aflatoxin gelangte so in Milch. Besonders betroffen ist Niedersachsen, wo Hunderte Milchbetriebe vorsorglich gesperrt wurden. Erste Laborergebnisse aus gezielten Untersuchungen in Niedersachsen sollten möglicherweise noch am Samstagabend vorliegen. Futtermittel mit verseuchtem Mais wurden auch an wenige Höfe und Betriebe in andere Bundesländer geliefert. Bio-Betriebe sind nach ersten Erkenntnissen nicht betroffen.

Der Generalsekretär des Bauernverbandes, Helmut Born, sieht die Schuld im gegenwärtigen Schimmelpilz-Skandal beim Importeur. «Schuld ist in Lebensmittel-Skandalen immer derjenige, der unmittelbar für das Produkt Verantwortung trägt», sagte Born der dpa am Samstag. Im Fall des verseuchten Futtermaises habe ein großer Getreideimporteur offenbar eine große Charge Mais mit zu hohen Werten Aflatoxin in Serbien gekauft. Diese habe er an Futtermittelwerke weitergeliefert. «Das durfte er nicht. Das ist schlicht und einfach gesetzeswidrig.» Für den Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure ist es Zeit, den Bundesländern die Verantwortung für Lebensmittelkontrollen abzunehmen und die Kräfte zu bündeln, um die Probleme zentral angehen zu können. Der Verbandsvorsitzende Martin Müller forderte in der «Passauer Neuen Presse» (Samstag) europaweit intensivere Kontrollen von Lebensmitteln: «Wir brauchen eine Art Lebensmittel-Europol.»

Nach dem Alarm eines niedersächsischen Milchbauern aus dem Kreis Leer vom 5. Februar dauerte die Recherche nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums noch gut 14 Tage, bis eine Schiffsladung aus Brake an der Weser als Gefahrenquelle feststand. Am 22. Februar lagen demnach die Ergebnisse der amtlichen Tests vor, die eine Belastung der Sendung aus Serbien mit Aflatoxinen über der Höchstmenge belegten.

Michael Kühne von der niedersächsischen Kontrollbehörde Laves sagte, die bisher entdeckten Werte in dem verschimmelten und damit giftigem Futter seien viel zu gering, als dass daraus über den Umweg der Kuh am Ende in einer Milchtüte eine Krebsgefahr für die Verbraucher entstehe.

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