15. August 2013

Urteil zum Tod von Jonny K.: Mehrjährige Haft für Schläger

Berlin (dpa) - Zehn Monate nach der tödlichen Prügelattacke auf den 20-jährigen Jonny K. am Berliner Alexanderplatz muss der Ex-Boxer Onur U. als Haupttäter viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Berliner Landgericht verurteilte ihn wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Jugendstrafe.

Tödliche Gewalt am Alex
Jonny K. war in der Nacht zum 14. Oktober 2012 vor einem Lokal nahe dem Alexanderplatz von Schlägern so heftig attackiert worden, dass er einen Tag später an Gehirnblutungen starb. Foto: Rainer Jensen/Archiv
dpa

Drei Erwachsene erhielten am Donnerstag Strafen von zwei Jahren und acht Monaten, zwei weitere müssen nach Jugendrecht zwei Jahre und drei Monate in Haft. Die Verteidigung kündigte Revision an. Der wegen Gewalt vorbestrafte Deutsch-Türke Onur U. (20) war zunächst in die Türkei geflohen, hatte sich dann aber den deutschen Behörden gestellt. Er sitzt in Haft. Die anderen Verurteilten sind davon bis zur Rechtskraft des Urteils verschont.

Jonny K. wurde am frühen Morgen des 14. Oktober 2012 wie aus dem Nichts nach einem Barbesuch mit Freunden mit Tritten und Schlägen malträtiert. Er starb wenig später an Gehirnblutungen. Die tödliche Attacke auf den Streitschlichter hatte bundesweit Entsetzen und eine Debatte über Jugendgewalt ausgelöst.

«Er ist der Haupttäter und Auslöser des tragischen Geschehens», sagte Richter Helmut Schweckendieck über den Haupttäter Onur U.: «Aus einer Mischung von Dummheit, Arroganz, Aggressivität und Unverschämtheit» habe er als trainierter Boxer Jonny einen wuchtigen Fausthieb ins Gesicht versetzt. Das sei für seine Freunde das Signal für die Attacke gegen Jonny K. und dessen Freund gewesen. Der 29 Jahre alte Freund erlitt Brüche im Gesicht.

Der Verteidiger von Onur U., Axel Weimann, sagte am Rande des Prozesses, sein Mandant sei fassungslos: Er habe sich nicht vorstellen können, für etwas bestraft zu werden, was er nicht getan habe.

Offen blieb auch nach dem Urteil, ob der ungebremste Sturz oder Schläge und Tritte von einem der anderen Verurteilten gegen den Kopf von Jonny K. zum Tod führten. Onur U., der den Angriff überraschend begonnen habe, muss sich dem Urteil nach auch Misshandlungen seiner fünf Freunde zurechnen lassen. Laut Richter Schweckendieck sind neben Onur U. auch die anderen Fünf verantwortlich für den Tod.

Die Angreifer kannten Jonny nicht. Er war auf dem Heimweg und wollte einen Streit schlichten. Onur U. habe vor einem Café am Stuhl des betrunkenen Freundes von Jonny K. gerüttelt und dann nach Überzeugung der Richter wuchtig zugeschlagen. Der Ex-Boxer hatte bestritten, Jonny K. auch nur angerührt zu haben. Eingeräumt hatte er aber wuchtige Schläge gegen den Kopf von Jonnys Freund.

Staatsanwalt Michael von Hagen, der fünfeinhalb Jahre beantragt hatte, zeigte sich mit dem Urteil «sehr zufrieden». Auch die Richter glaubten den Aussagen von Jonnys Freund, dem Lebensgefährten von Jonnys Schwester Tina K. Der 29-Jährige hatte teilweise widersprüchliche Aussagen gemacht. «Nach besonders kritischer Prüfung» stehe aber fest, so das Gericht, dass der Stuhlrüttler Jonny geschlagen habe.

Alle Männer hatten sich entschuldigt. Keiner hatte eine Verantwortung für den Tod des schmächtigen Schülers übernommen. Jeder hatte Tritte bestritten, als Jonny bereits am Boden lag. «Das Geschehen konnte nicht lückenlos geklärt werden», stellte Schweckendieck fest. «Der, der getreten hat, muss es mit seinem eigenen Gewissen abmachen.»

Zur Urteilsverkündung war Tina K. zusammen mit ihrer Mutter gekommen. Richter Schweckendieck wandte sich an die Familie: «Ich weiß, dass kein Prozess Sohn oder Bruder wiederbringt. Ich hoffe, dass wir wenigstens ein bischen zur Aufklärung des schrecklichen Geschehens beitragen konnten.»

Tina K. beklagte fehlende Reue. «Es gibt keine gerechte Strafe für den Tod eines Menschen», sagte die 28-Jährige vor laufenden Kameras. Sie engagiert sich seit dem Tod ihres jüngeren Bruders gegen Gewalt.

Der Opferbeauftragte des Landes Berlin und Anwalt von Tina, Roland Weber, hofft auf Signalwirkung des Urteils: Dass allen Jugendlichen, die zu Gewalt neigen, gezeigt wird, dieser Weg führe direkt in Haft.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) teilte mit: «Die Frage, ob das ein angemessenes Urteil ist, ist schwer zu beantworten. Kein Richterspruch bringt den jungen Jonny zurück, und sein Tod lässt sich nicht in Haftjahren aufwiegen.» Er ergänzte: «Dennoch ist es ein wichtiges Zeichen, dass die Schläger, die soviel Schuld auf sich geladen haben, nicht frei nach Hause gehen können.»

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